Archiv
14. November 2011

Der alte Mann und der Wildbach

Seit 30 Jahren kämpft Bauer Ott gegen den Giessbach. Weder Haftstrafen noch der Zerfall seiner Familie bringen den Bauern von seinem täglichen Kampf gegen die Natur ab.

Bauer Ott
Peter Ott lebt nur noch für die Arbeit am Giessbach. Fünf seiner sieben Kinder haben sich von ihm abgewandt. Sie wollen nichts mehr wissen von Steinen und Wasser.

Auf den ersten Blick erscheinen sie tot. Flach liegen die Kälber unweit der Mutterkuh auf dem krustigen Boden —und geniessen entspannt und regungslos die letzten Sonnenstrahlen. Im Hintergrund liegt still der kleine Ort Schwarzenberg LU. Es ist ruhig hier, auf 1000 Meter über Meer. Der Hof Oberlängerle an der Nordflanke des Pilatus scheint verlassen. Kein Mensch ist zu sehen, kein Hund zu hören. Aus der benachbarten Schlucht murmelt monoton der Giessbach. Rund 60 Meter tief hat er sich hier im Verlauf der Jahrzehnte ins Gelände eingegraben und eine 150 Meter breite Schlucht ausgespült. Auf deren Grund schlängelt sich eine Fahrspur. Vorbei an den wuchtigen Gesteinsbrocken, zwischen denen hindurch sich der Wildbach seinen Weg hinunter zur Rümlig sucht, um dann mit dieser der Kleinen Emme zuzufliessen.

Verbauung des Giessbachs
Die Verbauung des Giessbachs ist Peter Otts Lebenswerk.

Eine Naturstrasse im fast ausgetrockneten Bachbett? Am untersten Ende der Strasse blitzt etwas auf. Die Scheibe eines Baggers. Winzig steht er zwischen den kahlen Schluchtwänden. Emsig schwenkt sein gelber Arm hin und her. Und dann ist auch sein Motor zu hören. Eingebettet im leisen Gemurmel des Baches.

Der Mann hinter den Hebeln fixiert das nächste Ziel der Baggerschaufel. Sein Blick ist konzentriert, sein Gesicht zerfurcht, sein Haar wild. Routiniert lässt er den Baggerarm in den Steilhang sinken, greift eine Schaufel voller Erde heraus, lässt Kabine und Baggerarm um 180 Grad drehen und gibt die Erde wieder frei. Fast scheinen sie miteinander verwachsen zu sein, der Bagger und sein Führer. Vereint im Kampf gegen die übermächtigen Steilhänge beidseits des Giessbachs und gegen die gewaltigen Felsbrocken im Bachbett. «Das ist mein elfter Bagger», sagt der Mann im Bagger. Es ist Bauer Peter Ott (70). Wo sind die anderen zehn Bagger geblieben? «Die hat man mir weggenommen», sagt er mit einer Mischung aus Verbitterung und Verachtung. Dabei hat Ende der 70er-Jahre alles so hoffnungsvoll begonnen. Eines Tages kam er ganz aufgewühlt nach Hause. «Ich kann mich noch an deinen Blick erinnern, als du nach Hause gekommen bist und gesagt hast: Jetzt habe ich den idealen Hof gefunden. Er ist zwar von zwei Bächen eingeklemmt, aber mit dem näheren werde ich schon fertig », erinnert sich Peter Otts Frau Josy. Darüber kann Peter Ott nur sanft lächeln. Er weiss, was er zu tun hat.

Konfiszierten Bagger aus dem Polizei-Werkhof geklaut

Der unbeirrbare Bauer von Schwarzenberg hat jahrelang national Schlagzeilen geliefert. Als ihn die Polizei vor versammelten Medien zum Gerichtstermin abführte. Als ihn die Polizisten in den Gerichtssaal tragen mussten, weil er sich weigerte zu gehen. Als er wiederholt und zum Teil monatelang im Gefängnis sass. Als er sich mit einem Husarenstück einen seiner konfiszierten Bagger aus dem Polizei-Werkhof zurückholte. «Ich habe denen ja geschrieben, dass ich den Bagger innert zehn Tagen wieder haben muss. Und nachdem ich keine Antwort erhielt, musste ich ihn halt selber holen », erzählt er ungerührt. Jahrelang versuchten die Luzerner Justizbehörden den Bauer daran zu hindern, den Giessbach nach eigenen Vorstellungen und Ansichten zu verbauen. Vergeblich. «Ich muss den Bach so gestalten, dass er mir nicht mein ganzes Land wegfrisst», sagt er. Das Ersatzland, das ihm die Gemeinde zur Verfügung stellen wollte, lehnte er ab. «Den Sumpf können sie selbst behalten. » Anfänglich, das war um 1980, hätten ihn Nachbarn und Gemeinde noch unterstützt in seinen Bemühungen, das weitere Auswaschen des Bachbetts zu verhindern. Dann habe sogar der Kanton selbst damit begonnen, den Bach zu verbauen. «Aber völlig falsch. Indem sie die Bachränder befestigten, ermöglichten sie dem Fluss, sich noch tiefer einzugraben.»

Ein Bach gibt immer zu tun, fertig ist man eigentlich nie. - Peter Ott


Bauer Ott glaubt zu wissen, wie man Bäche wirklich zähmt.«Das habe ich von meinem Vater gelernt. Er hat auch einen Bach verbaut. Oberhalb des Lauerzersees », sagt er. Er habe eine klare Strategie, die jener der amtlichen Bachverbauern zuwiderläuft, meint Peter Ott.«Statt dem Bach freien Fluss zu ermöglichen, muss man ihn abbremsen. Und mit grossen Felsbrocken, die er nicht wegspülen kann, das Bachbett stabilisieren.» Stolz weist er zum Bachbett: «Alle diese grossen Steine und Felsbrocken habe ich in den vergangenen 30 Jahren vom Bachrand ins Bachbett verschoben.» Allein? «Die meisten allein mit dem Bagger. Die grössten mit Hilfe meines Bruders.» Sein Bruder Paul scheint sein einziger Mitkämpfer zu sein. Seine übrigen Mitmenschen hat sich der unbeugsame Bachverbauer Ott im Lauf der Jahre zu Gegnern gemacht, zu resignierten Gegnern. Den jahrelangen Rechtsstreit hat Ott schliesslich im Jahr 2003 vor Bundesgericht zu seinen Gunsten entschieden. Mit einer typischen juristischen Wendung.«Ein schlauer Zürcher Anwalt hat erkannt, dass ich den Bach nicht ohne Bewilligung verbaue, sondern bloss Schaden an meinem Land abwende. Und das ist erlaubt.»

Peter Ott hat bereits 800 Meter des Bachbetts bearbeitet

Bauernhaus
Das 200 Jahre alte Bauernhaus von Peter Ott: Für eine Renovation und Warmwasserinstallation findet er keine Zeit.

Seit diesem Urteil baggert Peter Ott unbehelligt im Bachbett weiter. «Jetzt komme ich erst richtig vorwärts. Die ständigen Rechtsstreitigkeiten haben mich enorm viel Zeit gekostet.» Trotz seiner erkrankten Fussgelenke klettert der 70-Jährige flink durch das Bachbett. Zwischen den Felsbrocken spiegelt stilles Wasser den blauen Himmel wider. «Hier haben sich Bachforellen angesiedelt », freut sich Peter Ott. «Bevor ich in so einem Becken baggere, trübe ich das Wasser. Dann flüchten die Fische in die benachbarten Becken. So mache ich keinen von ihnen kaputt.» Auf rund 800 Meter Länge hat er das gewaltige Bachbett mit sorgsam platzierten Stein- und Felsbrocken bestückt und Baumstämme als Stabilisatoren eingesetzt.«Ja, ich bin jetzt im untersten Teil des Bachbetts angelangt. Damit zeichnet sich ein Ende ab», bestätigt er etwas widerwillig. Um gleich anzumerken: «Natürlich gibt so ein Bach immer zu tun. Fertig ist man eigentlich nie.»

Fertig ist dagegen die Geduld seiner Frau Josy und seiner insgesamt sieben Kinder im Alter von 20 bis 45 Jahren. Nur noch zwei von ihnen kommen gelegentlich auf den abgelegenen Hof. Die anderen wollen nichts mehr hören und wissen über den Ort, von dem sie einst kilometerweit talwärts zur Schule laufen mussten, und über ihren Vater, der als sturer Bachverbauer schweizweit bekannt ist. «Manchmal würde ich am liebsten sagen: Tschau Daddy, tschau Oberlängerle, tschau Giessbach! Und würde eine kleine Wohnung mieten», klagt die 67-jährige Bauersfrau in der düsteren Wohnstube den Tränen nahe. Ott löffelt ungerührt im hohen Kaffeeglas. «Sie muss selbst wissen, was sie will. Ich bleibe hier. Mir gefällt es», sagt er. «Keine lästigen Nachbarn, keiner der mir dreinredet. Keiner der mir sagt, was ich zu tun habe.»

Zuerst kommt doch die Familie, dann der Betrieb und dann der Bach. - Josy Ott

Josy und Peter Ott
Da lebten sie noch zusammen auf dem Hof Oberlängerle: Josy und Peter Ott. Inzwischen ist sie ausgezogen.

Das schätzungsweise 200 Jahre alte Wohnhaus ist baufällig. Aber Bachverbauer Ott findet keine Zeit, sein Heim wohnlicher zu gestalten. Sein Lieblingsplatz ist das Bachbett. «Du hast nur deinen Bach im Kopf. Aber dass deine Familie daneben zugrunde geht, das kümmert dich nicht», wirft die Bauersfrau ihrem Mann vor. Peter Ott steckt die Kritik mit einem nachsichtigen Lächeln weg. «Zuerst kommt doch die Familie, dann der Betrieb und dann der Bach», doppelt die Bauersfrau verbittert nach. Bauer Ott teilt diese Ansicht nicht.«Zuerst kommt der Bach. Denn wenn er das Land wegfrisst, kann die Familie nicht darauf leben», kontert er.

Hof und Vieh verpachtet, um mehr Zeit für den Bach zu haben

Seine Frau leidet an Gelenkschmerzen. In der einfachen Küche mit dem Allernötigsten darin muss sie mit kaltem Wasser hantieren. Das Leben in dem maroden Holzhaus mit Holzofen empfindet sie als «Hölle». «Als du vom Knast heimgekommen bist, hast du mir vor laufenden Fernsehkameras versprochen, für warmes Wasser zu sorgen. So wie du es im Gefängnis genossen hast. Bis heute hast du nichts gemacht. Ich kann nicht einmal warm duschen», wirft sie ihm vor. Das war 2001.

Bauer Ott ist nicht bloss eigensinnig, sondern auch verschwiegen. Damit er noch mehr Zeit für den Bach hat, hat er seinen Hof mitsamt dem Vieh verpachtet, ohne seine Familie darüber zu informieren. «Alles hinter unserem Rücken», sagt Josy Ott und zetert weiter: «Wir alle fragen uns schon lange, woher du all das Geld für die Bagger und die Bachverbauung hast.» Bauer Ott schweigt und mustert versonnen sein Kaffeeglas. Später humpelt er mit seinen kaputten Fussgelenken zu seinem Velo und fährt zu seinem Auto vor der Scheune. Von dort weiter zur Bachsperre der Gemeinde weiter unten. «Sie ist schon stark unterspült. Aber die Gemeinde unternimmt nichts dagegen. Ich würde die Sache für 300 Franken in Ordnung bringen.»

In Ordnung gebracht hat inzwischen Josy Ott ihre Lebenssituation. Sie wohnt jetzt unten im Dorf Schwarzenberg. Bauer Ott aber haust und baggert weiter einsam am Giessbachtobel.

Autor: Niklaus Wächter

Fotograf: Niklaus Wächter