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24. Juni 2013

Depeche Mode: «Wir machen keine Instant-Musik»

Am 9. Juli tritt Depeche Mode, die berühmteste Synthie-Pop-Band der Welt, am Moon-and-Stars-Festival in Locarno auf. Gründungsmitglied Andrew Fletcher über Musik und Familie, Partys nach den Konzerten und das neue Album.

Depeche Mode: Dave Gahan, 
Martin Gore und Andrew Fletcher auf dem Sofa
Sie sind Depeche Mode: Dave Gahan, 
Martin Gore und Andrew Fletcher 
(von links). (Bild: AP Photo/Charles Sykes)

AUSSERDEM ZUM THEMA

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Andrew Fletcher, Sie gelten als so etwas wie die «Mutter» von Depeche Mode. Es heisst, ohne Sie hätte sich die Band längst aufgelöst. Stimmt das?

Wir sind ein Team und eine demokratische Band. Es ist ein Glück, dass wir in derselben Stadt aufgewachsen sind. Wir haben denselben Humor und die gleichen Freunde. Darum würde ich das nicht so sagen. Dave Gahan als Frontmann und Martin Gore als Songschreiber sind fantastisch. Ich bin mehr im Hintergrund. Aber mal ehrlich, auch in einer grossartigen Band kann nicht jeder ein Star sein.

Sie nannten sich selber mal «der Lange im Hintergrund». Fühlen Sie sich unterschätzt?

Ganz und gar nicht. Jeder hat seinen Platz und seine Aufgabe. Meine ist halt nicht so offensichtlich. Aber ich bin glücklich, in einer tollen Band mit wunderbaren Menschen spielen zu dürfen.

Auch in einer grossartigen Band kann nicht jeder ein Star sein.

Und diese tolle Band hat mit «Delta Machine» im Frühling das 13. Studioalbum veröffentlicht. Wenn Sie Journalist wären und eine Kritik verfassen müssten, was würden Sie schreiben?

Es hat einen ganz eigenen Sound. Ich mag den Mix von Blues und Electro. So ähnlich haben wir das zwar schon 1989 gemacht, speziell auf der Single «Personal Jesus». Auf «Delta Machine» funktioniert diese Fusion nun aber besonders gut. Wir haben von Anfang an eine ganz bestimmte Richtung verfolgt, wohl deshalb war es eines der Alben, das am einfachsten zu machen war. Wir wurden sogar früher damit fertig als geplant. So etwas hat es bei uns noch nie gegeben. Mit dem Resultat sind wir mehr als glücklich.

Es ist keine «Liebe-auf-den-ersten-Ton»-Platte. Die Juwelen offenbaren sich erst bei mehrmaligem Hören.

Das ist bei vielen unserer Stücke so. Wir machen keine Instant-Musik. Man muss die Songs ein paar Mal anhören, damit sie einem unter die Haut gehen.

Die Kritiken über die aktuelle Tournee sind enthusiastisch. Wie zufrieden sind Sie mit dem bisherigen Verlauf?

Sehr glücklich! Gute Konzerte, grossartiges Publikum. Ich finde, wir performen im Moment sehr gut und geniessen jedes Konzert. Trotz kleiner Probleme. In Istanbul etwa blieben unsere Lastwagen an der Grenze hängen, und wir mussten das Konzert absagen.

Im Mai 2009 mussten Sie diverse Konzerte absagen, weil Sänger Dave Gahan sehr krank war. Bei ihm wurde damals Blasenkrebs diagnostiziert. Hatten Sie Angst, er könnte die Band verlassen?

Zuerst sind wir natürlich erschrocken und waren besorgt, verständlicherweise. Zum Glück wurde die Krankheit in einem sehr frühen Stadium erkannt und behandelt. Er gilt als geheilt und fühlt sich sehr gut. Wäre seine Krebserkrankung weiter fortgeschritten gewesen, wäre die Band nicht mehr zusammen. Dann könnten wir jetzt keine Konzerte geben, sondern müssten eine andere Schlacht schlagen, die um Daves Gesundheit.

Unter anderem wegen Daves Erkrankung legte Depeche Mode eine Pause ein. Was machten Sie in dieser Zeit?

Wir haben alle Kinder. Auch ich verbrachte viel Zeit mit meiner Familie, und ich trete oft als DJ irgendwo in der Weltgeschichte auf. Die Zeit ging wahnsinnig schnell vorbei, es waren ja bloss etwa anderthalb Jahre Konzertpause.

Wir touren seit 30 Jahren. Da sieht man zwangsläufig das eine oder andere.

Keine übertrieben lange Pause, immerhin sind Sie seit 30 Jahren unterwegs.

Besser als nichts. In den 80er- und 90er- Jahren arbeiteten wir praktisch ohne grössere Pause jahrelang durch — und litten ein bisschen darunter.

Trotzdem haben Sie in dieser Zeit eine Familie gegründet?

Ich bin ein glücklicher Mann und mit meiner Frau Grainne seit den Anfangszeiten zusammen. Es gibt viele Karrieren, bei denen der Vater oder die Mutter beruflich oft von zu Hause weg ist. Oft weg zu sein, ist nicht ungewöhnlich. Wobei ich nicht sage, es sei einfach. Aber es ist machbar, und die Familie gibt mir viel.

Reist Ihre Familie mit?

Tatsächlich sind meine zwei Kinder gerade bei mir. Wobei sie natürlich keine Kinder mehr sind, sondern inzwischen erwachsen. Meine Tochter ist 21, mein Sohn 19 Jahre alt.

Was halten sie von einem berühmten Popstar als Vater?

Ich glaube, sie sind stolz auf mich, aber halt daran gewöhnt, weil sie damit aufgewachsen sind. Für sie mache ich wohl einfach einen Job wie jeder andere Vater auch.

Sie haben mal gesagt, auf der Strasse würden Sie kaum erkannt. Empfinden Sie das als Fluch oder als Segen?

Ganz sicher ist es ein Segen, und es stimmt nicht ganz, wir werden schon erkannt. Tatsächlich können wir ein ziemlich normales Leben führen, und das tun wir ausserhalb unserer Tourneen auch. Das ist toll. Die ganze Zeit angesprochen zu werden, wäre nicht sehr angenehm. Da muss ich unseren Fans ein Kompliment machen. Das sind sehr nette, höfliche Menschen, die uns nicht zu sehr auf die Pelle rücken. Das schätzen wir sehr, und wir sind stolz auf sie.

Auf der aktuellen Tour bereisen Sie an die 40 Städte. Haben Sie einen Trick, um morgens beim Aufwachen zu wissen, wo Sie grad sind?

Nun, in den meisten dieser Städte waren wir schon ein paar Mal. Wir haben Freunde in ganz Europa und in den meisten Hotels schon öfters geschlafen. Tendenziell weiss ich darum ziemlich genau, wo ich morgens bin.

Haben Sie die Möglichkeit, sich in den Städten und Ländern, in denen Sie auftreten, ein wenig umzuschauen?

Nun, wir touren seit 30 Jahren. Da sieht man zwangsläufig das eine oder andere. In grossen Metropolen wie Berlin oder Paris besuchten wir selbstverständlich die Sehenswürdigkeiten. Wir nutzen die Chance, jedesmal etwas Neues zu entdecken. Auch in Zürich waren wir schon an die 20 Mal. Ich spaziere dort gerne zu Fuss durch die Stadt.

Ganz allein und unerkannt?

Ganz allein und unerkannt. Im Allgemeinen können wir das überall ganz gut. Ausser unmittelbar vor einem Konzert. Dann ist die Fandichte zu gross.

Sie gehen aber nicht mehr wie in den Anfangszeiten mit Ihren Bandkollegen nach einem Auftritt in Clubs?

Nein, das tun wir nicht mehr. Und nein, ich bedaure das nicht. Wir hatten eine gute Zeit und unseren Spass — aber mittlerweile trinken zwei Mitglieder der Band keinen Alkohol mehr. Ich meinerseits bin ganz zufrieden, wenn ich nach einem Konzert noch einen Drink bekomme.

Am 9. Juli treten Sie am «Moon and Stars» in Locarno auf. Genau einen Tag nach Ihrem Geburtstag. Planen Sie eine grosse Party?

Ich werde 52 und versuche seit ein paar Jahren, meine Geburtstagsfestivitäten auf ein Minimum zu beschränken. Es gibt allerdings kaum einen schöneren Ort, um seinen Geburtstag zu feiern, als am «Moon and Stars» in Locarno. Es ist ein geradezu intimer Rahmen mit einer grossartigen Kulisse.

Zeigen Sie in Locarno die gleiche Show wie in Bern?

Nicht ganz genau die gleiche. Es wird Unterschiede geben. Wir spielen sicher zum Teil andere Songs. Das Grundgerüst bleibt das gleiche, da darf man keine allzu grossen Überraschungen erwarten.

Welcher ist eigentlich Ihr Lieblings-Depeche-Mode-Song aller Zeiten?

Das ist «World in my Eyes» vom Album Violator. Dieser Song drückt alles über Depeche Mode aus und gibt unsere Empfindung sehr gut wieder.

Autor: Ruth Brüderlin