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15. April 2013

Denn Sie wissen nicht, wohin

Lärm, Abfall, Alkohol – das städtische Nachtleben hat unschöne Seiten. Speziell Jugendliche fallen dabei oft negativ auf. Ein Blick in die Städte Aarau und Baden zeigt: Aktive Jugendarbeit und Räumlichkeiten, in denen sich die Teenager treffen können, entschärfen die Situation.

AARAU: Wenn über 16-jährige Jugendliche aus dem Einzugsgebiet der Stadt 
in den Ausgang wollen, bleibt ihnen
 oft nur der Bahnhof als Treffpunkt.

Lesen Sie ausserdem: Stadtpräsident Marcel Guignard (im Interview in der rechten Spalte) erläutert, was in Aarau für die Jugendlichen getan wird: Zum Artikel

Aus dem Nichts tauchen Gruppen von Jugendlichen auf — laut, übermütig. Gesprächsfetzen prallen an den gekachelten Wänden ab, hallen durch die Unterführung. Jeder Ruf, jedes Gelächter klingt bedrohlicher, als es ist. Samstagabend im Aarauer Bahnhof: Züge bringen junge Erwachsene ins Nachtleben, einige bleiben am Bahnhof hängen — bis 22 Uhr. So lange hat der Coop geöffnet, so lange gibt es billigen Alkohol. Danach ist der Bahnhof wie leergefegt, und erste Betrunkene machen sich auf den Heimweg.

Meryl Gashi (20) ist selbst Partyorganisatorin und kennt die Szene: «Es braucht einen zentralen Hängerort für junge Erwachsene.»
Meryl Gashi (20) ist selbst Partyorganisatorin und kennt die Szene: «Es braucht einen zentralen Hängerort für junge Erwachsene.»

Solche Szenen wird auch das nächtliche Alkoholverkaufsverbot nicht verhindern, ist sich Meryl Gashi (20) sicher: «Ein gesellschaftliches Problem wie dieses wird dadurch nicht gelöst.» Als Partyorganisatorin und ehemalige Jugendarbeiterpraktikantin kennt sie die Szene in Aarau. «Wenn Jugendliche etwas wollen, tun sie es auch. Diejenigen, die sich volllaufen lassen wollen, decken sich dann einfach früher mit Alkohol ein. Nicht der Handel ist für die Jugend verantwortlich, sondern die Eltern.»

In Aarau fehlt ein Angebot für die 16–18-Jährigen

Warum sich diese Schattenseiten des Nachtlebens am Bahnhof abspielen, erklärt Schülerin Jeannine Steimer (16) aus Aarau so: «Es fehlen Angebote für uns 16–18-Jährige.» Sie sitzt neben der Sitzverbotstafel und wünscht sich eine Bar mit Billardtisch. Bei Granit Bytyci (20) aus Aarau klingt es gleich: «Es bräuchte mehr Kafis zum Hängen. Irgendwie gehen alle in den Coop, kaufen dort Alkohol und hängen dann draussen ab. Es bräuchte mehr günstige Orte für uns.» Diese Magnetwirkung des Bahnhofs bestätigt auch Meryl Gashi: «Es bräuchte einen zentralen, günstigen Hängerort für 16–18-Jährige, nicht unbedingt Clubs. Deshalb sind viele am Bahnhof.»

Daglar Turhan (14) ist Schüler aus Aarau und kommt sehr gerne ins «dAp». Er hat regelmässig bei der Renovation des Raums mitgeholfen.

Gleich um die Ecke entsteht so ein Treffpunkt für 12–16-Jährige: das «dAp». Von aussen sieht das Gebäude an der Abzweigung Richtung Buchs ziemlich heruntergekommen aus, drinnen strahlen frisch gemalte Wände in Weiss, knalligem Grün und romantischem Rot. Mit Hilfe der beiden Jugendarbeiter renovieren Jugendliche freiwillig mit: Daglar (14) malt Wände und Decken, Jasin (16) hilft Böden verlegen. Bis Ende 2012 teilte sich das «dAp» die Räume mit dem teilautonomen Treff Wenk — einem Jugendkulturangebot für über 18-Jährige. Aus Spargründen kündigte die Stadt Aarau dem «Wenk» per Ende Jahr. Seither steht die Liegenschaft ausschliesslich dem «dAp» zur Verfügung. Die Mittel für die Neugestaltung sind jedoch beschränkt: «Do it yourself» ist angesagt. Ob sich der Einsatz langfristig lohnt, ist unklar: Im Prinzip könnte jederzeit ein Abrissgesuch kommen.

Trotz hoher Polizeipräsenz ist der Bahnhof noch immer attraktiv

Ein fixer Bestandteil des Aarauer Jugendangebots ist der Flösserplatz, das Jugendkulturhaus an der Aare für junge Erwachsene: Hier können sie selber Partys organisieren. Der «Flösser» ist eine Plattform für junge Veranstalter und junge Künstler. Bei Budgetabsprache und Planung coacht das Flösser-Team, Bar und Securitas stellen auch sie. Die jungen Veranstalter können so mit minimalem finanziellen Risiko erste Erfahrungen sammeln. Aber eben: Es ist kein Ü-16-Treff zum Abhängen, sondern ein Club — insofern keine echte Alternative zum Bahnhof.

Granit Bytyci (20) lebt in Aarau, und ihm fehlen preisgünstige Alternativen zum Treffpunkt am Bahnhof.
Granit Bytyci (20) lebt in Aarau, und ihm fehlen preisgünstige Alternativen zum Treffpunkt am Bahnhof.

Der ist trotz hoher Polizeipräsenz noch immer attraktiv. Die regelmässigen Patrouillen, die neu geschaffenen Stellen für die Jugendpolizei und die mobile Jugendarbeit haben die Lage in den letzten zwei Jahren zwar merklich verbessert. Doch die Jugendarbeit kann mit ihren 150 Stellenprozenten das Bedürfnis der Jugendlichen nach Freiräumen und Treffpunkten nicht vollständig auffangen. Eine professionalisierte Zusammenarbeit mit den Aussengemeinden wäre sinnvoll, schliesslich hat Aarau ein grosses Einzugsgebiet. Doch dieser Zusammenschluss auf politischer Ebene ist momentan schwierig. Lediglich auf der Basisebene gibts ein informelles Netzwerk: Die Jugendarbeiter der Region tauschen sich regelmässig aus und planen gemeinsame Projekte.

Jeannine Steimer (16), Schülerin aus Aarau, ist oft mit ihrem Hund Cora am Bahnhof anzutreffen. Sie wünscht sich eine Bar mit Billardtisch.
Jeannine Steimer (16), Schülerin aus Aarau, ist oft mit ihrem Hund Cora am Bahnhof anzutreffen. Sie wünscht sich eine Bar mit Billardtisch.

Der Mikrokosmos «dAp» zumindest funktioniert. «Hier kommt dann eine Schischa hin», sagt Daglar und zeigt in die Ecke des roten Kuschelraums. Schliesslich dürfen die Jugendlichen beim Umbau mitbestimmen. «Als Erstes wollten sie eine Stripstange und einen Raucherraum», erinnert sich Jugendarbeiter Christoph Rohrer. Die Anfrage war rasch erledigt, und auch die Schischa bleibt chancenlos. Christoph zu Daglar: «Chasch grad vergässe.» Den letzten Entscheid fällen die Jugendarbeiter — das respektieren die Teenies, schliesslich sind sie gern hier. Jasin will sogar noch den Boden wischen, als die Jugendarbeiter gehen müssen. «Zum Abschliessen machen wir es so: Ich geb dir meinen Schlüssel», sagt Jugendarbeiterin Ramona Härri (30), «und du gibst ihn mir am Montag wieder.» Vertrauen gegen Vertrauen.

Das «Cocos» in Ehrendingen funktioniert reibungslos

Jonas Strüber (16) besucht die Bezirksschule in Baden: «Wir wollen Party machen, also organisieren wir was.» Im Cocos haben sie die Möglichkeit dazu.
Jonas Strüber (16) besucht die Bezirksschule in Baden: «Wir wollen Party machen, also organisieren wir was.» Im Cocos haben sie die Möglichkeit dazu.

Auf den Sofas sitzen Mädchen, die Köpfe zusammengesteckt; die Jungen versammeln sich um den Töggelikasten und den Billardtisch, in der dunklen Disco nebenan tanzen die Jüngeren. Ein ganz normaler Jugendtreff — nur ohne Jugendarbeiter. Der «Cocos» in Ehrendingen bei Baden ist freitags selbstverwaltet: 4 der 8 Oberstufenschüler des OKs kaufen ein, betreiben die Bar — Alkohol steht nirgends rum —, schliessen um 23 Uhr, putzen und räumen auf. Dieser reibungslose Ablauf funktioniert dank Jugendarbeit. Bastian Moser (32), einer der verantwortlichen Jugendarbeiter, erklärt: «Vertrauensvorschuss schafft Verantwortlichkeiten. Bei Problemen darf man nicht abklemmen, es kann nicht gleich beim ersten Mal alles klappen. Manchmal muss man 100 Chancen parat haben.» Vertrauen und Geduld — die zwei wichtigsten Attribute bei der Arbeit mit Jugendlichen. Und ab und zu Stichkontrollen.

Jan-Erik Gimmi (16) geht in die Bezirksschule in Baden. Er organisiert Partys im «Cocos» mit und legt dort auch als DJ auf.
Jan-Erik Gimmi (16) geht in die Bezirksschule in Baden. Er organisiert Partys im «Cocos» mit und legt dort auch als DJ auf.

Die Party heute haben Jan-Erik (16) und Jonas (16) mitorganisiert. Gleich zu Beginn stellt Jonas klar: «Das ist keine Party heute, das ist nur Jugendtreff.» Gefühlte 100 Dezibel, volles Haus, fröhliche Stimmung — keine Party? «Nein, bei Party ist viel mehr los hier», so Jan-Erik. «Wie bei der Beachparty letzten Frühling. Da kamen sogar allein aus Baden 50 bis 60 Leute her!»

Die Nähe zu Baden veranlasste die Gemeinde Ehrendingen letzten Sommer dazu, die Jugendarbeit zu professionalisieren. «Früher hingen alle beim Kirchenzentrum ab», erzählt Bastian Moser, bis sich im Sommer 2011 Anwohner beklagten: Lärm, Abfall, Alkohol — das Übliche. Auch hier wollten die Jugendlichen einen Ort, an dem sie ungestört sein können. Und dafür kämpften sie: Als die Gemeinde über einen Kredit für den «Cocos» abstimmte, tauchten etwa 15 Jugendliche an der Versammlung auf. «Wir wollten ein Zeichen setzen gegen das Absturzimage der Jugendlichen», sagt Jonas. Es klappte: Seit Sommer 2012 haben sie einen Raum für sich, den sie selbst renovierten und nun teilweise selbst verwalten.

Auch wenn Baden und Aarau punkto Standort kaum vergleichbar sind — Badens Jugendarbeit ist einiges weiter. Wegen des Zentrumscharakters der Stadt ist sie auf drei Aussengemeinden ausgedehnt: Ehrendingen, Ennetbaden und Birmenstorf bezahlen der Stadt Baden dafür, dass sie die Jugendarbeit in ihren Gemeinden führt. Dies wirkt möglichen Problemen vielschichtig entgegen. Erstens haben die Jugendlichen in den Gemeinden ein ansprechendes Angebot, sodass es sie nicht nach Baden zieht. Zweitens arbeiten die Jugendarbeiter der Stadt Baden in mehreren Funktionen: Bastian Moser zum Beispiel ist einer der beiden Jugendarbeiter von Ehrendingen, arbeitet beim Mittagstreff in Baden mit und unterstützt im Sommer die mobile Jugendarbeit. Somit kennt er eine Vielzahl der Jugendlichen in der ganzen Region. Durch die Arbeitsfeldervermischung sind die Jugendarbeitenden zudem gut untereinander vernetzt, und es gibt, nebst den offiziellen Treffen, genug inoffizielle Gelegenheiten für Austausch — ein weiteres Plus.

Stimmt das Angebot, engagieren sich die Jugendlichen gern

Adi Erni (22) findet es wichtig, dass es das «Merkker» gibt: «Es ist ein Treffpunkt, wo Jugendliche gemeinsam erwachsen werden.»
Adi Erni (22) findet es wichtig, dass es das «Merkker» gibt: «Es ist ein Treffpunkt, wo Jugendliche gemeinsam erwachsen werden.»

Ausserdem beginnt Badens Jugendangebot schon bei den Kindern und bietet von da an nahtlos für alle Altersstufen etwas. Sofern der Stadtrat der Weiterführung von Mittelstufenangeboten zustimmt, ist dieses Konzept ab 2014 auch fest verankert. Nach den Mittel- und Oberstufentreffs kommt das «Merkker» für junge Erwachsene. «Gerade Teenager wissen noch nicht, wo sie hingehören», erklärt Adi Erni (22), ehemaliger Kulturgruppenmitarbeiter des «Merkker», «deshalb ist es wichtig, dass unser Angebot breit gefächert ist.» Von Hip-Hop über Indie zu Trance und Minimal finden sich alle Musikrichtungen auf dem Monatsprogramm. Doch das «Merkker» ist nicht nur Club, sondern auch Treffpunkt: Sofas, Töggelikasten und gemütliche Ecken laden zum Austausch und gemütlichen Verweilen ein — genau das, was in Aarau fehlt. Auch hier können die Jugendlichen in Kulturgruppen selber Partys organisieren. «Somit ist das ‹Merkker› nebst einem Ausgangsort auch eine Lernstätte für angehende Veranstalter», sagt Adi Erni.

Nadia Bachmann (19) ist jedes Wochenende im «Merkker» anzutreffen. Wenn sie nicht hinter der Bar steht, trifft sie ihre Freunde dort.
Nadia Bachmann (19) ist jedes Wochenende im «Merkker» anzutreffen. Wenn sie nicht hinter der Bar steht, trifft sie ihre Freunde dort.

Wie der «Cocos», nur fehlen dort noch Mädchen im OK. «Wir haben uns auch schon gefragt, wieso. Vielleicht, weil wirs so gut machen», meint Jan-Erik. «Wir wollen halt Party machen, also organisieren wir was!», ergänzt Jonas. Die zwei vertreten auch die Jugend in der Jugendkoordination — einer Schnittstelle zwischen Politik und Heranwachsenden.

Es zeigt sich: Die negativen Seiten des Nachtlebens können auch ohne Repression angegangen werden, denn es gibt durchaus Jugendliche, die Verantwortung übernehmen. In Angebote, die auf ihre Bedürfnisse abgestimmt sind, investieren sie gerne Energie — jene Energie, die sie sonst vielleicht aufbringen, um Verbote zu umgehen.

Autor: Laila Schläfli

Fotograf: Daniel Winkler