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12. Mai 2014

Den Tod kennenlernen

Wenn Haustiere sterben, aber auch bei Grosseltern oder in der Bekanntschaft stossen Kinder auf das Thema Tod. Wie können Eltern damit umgehen, wie viel den Kleinen erzählen – und was? Wie zwei Familien mit dem Tod eines Haustiers umgingen, lesen Sie im Artikel rechts.

Auch kleinere Kinder entwickeln laut Familienpsychologinnen oder Pädagogen bald ein Verständnis vom Verschwinden von Mitmenschen oder lieben Haustieren, selbst wenn sie über kein festgesetztes Bild von Jenseits oder gar von Himmel respektive Hölle verfügen. Deshalb lohnt es sich nicht, den Tod, zuerst die Abwesenheit von Bezugspersonen oder Lieblingstieren, einfach zu verneinen, gar deren Rückkehr zu versprechen. Ebenso wenig, das Kind konsequent vom Thema abzuschotten.

Idealerweise setzen sich die Kleinen schon vor dem ersten Schuljahr schrittweise mit dem Sterben in ihrem Umfeld auseinander – in möglichst altersgerechter Form. Letzteres heisst umgekehrt jedoch auch, dass sie ohne eigenen Wunsch nicht mit spezifischen Ritualen der Erwachsenen konfrontiert werden sollen. Etwa der Begleitung in die Aufbahrungshalle mit dem Blick in den offenen Sarg.
In vielen Fällen äussert das Kind den Wunsch von selbst, individuell vom Verstorbenen Abschied zu nehmen. Es gilt also, den Nachwuchs behutsam ins eigene Abschiednehmen von nahen Angehörigen zu integrieren. Kinder spüren nämlich unabhängig vom eigenen Wunsch nach Abschied auch die Trauerbedürfnisse der Eltern (und der älteren Geschwister).

Eine Anleitung oder Regeln zum Umgang mit dem Thema Tod für Kinder gibt es nicht, am ehesten lassen sich folgende fünf Anhaltspunkte festhalten:

A. Belasten Sie das Kind zuerst nicht mit eigenen Vorstellungen, was es zum Verständnis des Vorgefallenen und zum Abschied von Oma oder der Hauskatze braucht. Warten Sie vielmehr ab, welche Fragen es stellt oder welche ersten Bedürfnisse es anmeldet.

B. Gehen Sie offen damit um, dass die nahe Person oder das Haustier nicht mehr ‚lebendig‘ ist und nicht zurückkehren wird. So ähnlich kann man anfangs auch den Begriff tot einführen. Wenn Eltern und Familie gläubig sind, kann je nachdem sicher vom erhofften Wiedersehen gesprochen werden. Aber nicht als Besänftigung, wenn man selbst nicht daran glaubt. Verschleiern hilft kaum je etwas.

C. Es empfiehlt sich, offen den eigenen Verlust zuzugeben: Inwiefern jemand einem fehlt, was einem in Erinnerung bleibt (es darf, muss aber nicht Lustiges sein), worauf man vielleicht hofft. Immer in für das Alter möglichst verständlichen Worten. So nimmt man das Kind ernst, indem man Trauer ein Stück weit teilt. Die eigene Betroffenheit lieber einmal mehr zeigen, als sie zurückhalten.

D. In einem gewissen Rahmen und ab dem Schulalter bloss auf Nachfrage gilt es, das Kind zu bestimmten Formen des Abschieds vom gestorbenen Menschen oder dem Haustier in Ritualen zu begleiten. Bei Tieren beschreiben dies die Porträts im Migros-Magazin vom 12. Mai 2014 (rechts oben), da braucht es manchmal zusätzlichen Aufwand (den Erwachsene allein nicht bräuchten). Bei Menschen gilt es zu überlegen, ob gerade ein kleines Kind auch mit an Gedenkfeiern oder zur Beisetzung kommt. Dies kann nur individuell entschieden werden.

E. Zwingen Sie das Kind nicht zu Begegnungen mit dem Tod, gerade physisch, für die es nicht sicher bereit ist. Der Anblick von toten Verwandten in der Aufbahrungshalle etwa lohnt sich bei etwas älteren Kindern, die dies auch wirklich ausdrücklich wünschen. Ansonsten kann dies bei Schulkindern auch zu Albträumen und Schrecken führen.

IHRE ERFAHRUNGEN
Haben Sie mit Ihrem Kind spezielle Situationen im Umgang mit dem Tod von Angehörigen oder Haustieren erlebt? Welche?
Verraten Sie es uns in einem Kommentar.

Autor: Reto Meisser