Archiv
07. Januar 2013

Den Tiger in den Tank!

Bänz Friedli wird leicht nostalgisch.

Karin ruft an und ertappt mich beim Nichtstun, denn ich geniesse grad die blaue Stunde, wenn nach dem Mittagessen die Küche gemacht ist und die Kinder bereits wieder in der Schule sind — die Stunde, die in Wahrheit bloss eine Viertelstunde ist, aber immerhin: ein kurzes Tête-à-tête mit George Clooney und dem Sportteil der «Neuen Zürcher Zeitung». Und wie ich der lieben Karin gestehe, dass ich mir grad einen Kaffee aus der von Clooney favorisierten Kapsel gönne, lacht sie nur: «Gäu, a're Frou, wo so viel schafft u tuet, tuet e Duo-Pouse eifach guet.» Woraus ich schliesse, dass Karin älter ist, als ich gedacht hätte.

Ich gönne mir grad eine Kaffeepause …
«Ich gönne mir grad eine Kaffeepause …»

Denn wenn Sie den nicht kennen,den Werbespruch für Duo-Kaffee, sind Sie jung. Ich nicht. Und wie das so ist mit dem Älterwerden: An alles, was lange zurückliegt, erinnert man sich; man weiss bloss nicht mehr, was man gestern zum Znacht gekocht hat. Und macht im dümmsten Fall — Sie! Ist mir passiert! — noch mal dasselbe. Aber die TV-Spots aus den 70er-Jahren kann ich heut noch auswendig und zitiere sie zum Verdruss meiner Kinder bei jeder Gelegenheit: «Beschwingt und wohl mit Läkerol!», «Der Kluge reist im Zuge» und «Mami, Mami! Är hätt wieder nöd 'bohret!». Bezog sich damals glaubs auf eine Zahnpasta. Aber mein Vater — obzwar im Grund ein gesitteter Mensch — alberte gern: «Enttäuschte Braut nach der Hochzeitsnacht: ‹Mami, Mami! Är hätt wieder nöd 'bohret …›»

Ich gönne mir grad eine Kaffeepause …

Sie haben sich mir eingebrannt, die Slogans aus meiner Jugend. «De äinzig Chöitsch, wo mir s Mami erlaubt», «Tu den Tiger in den Tank», «Rhäzünser isch gsünser» … Noch 21 Jahre nach meinem letzten Päckchen Zigaretten sehe ich den Cowboy mit dem «Geschmack von Freiheit und Abenteuer» ins Abendrot reiten, und manchmal denke ich mir: Sie war einfach besser, die Werbung von einst, weil sie klipp und klar war. «S isch guat, s Valser Wasser»; «Mars macht mobil, bei Arbeit, Sport und Spiel» … Und wenn ich am Herd vor mich hin summe «Hüt-e choch ich öppis Guets, Ärnscht Täigware, Ärnscht Täigware», denken Anna Luna und Hans: Dem spinnts mal wieder. Heutzutag überbieten die Texter sich mit pseudoenglischen Phrasen und ironischen Botschaften, die nur andere Werber lustig finden, und auch die nur nach Genuss aufputschender Substanzen. Man wünschte sich den eidgenössischen Früh-Rap zurück, der eine Generation prägte: «De Täig no sälber rolle? Näi, Sii! Nähmed Sii de …» Sehen Sie? Der ging rein. Der hier leider auch: «Diä mit em Sänf sind vom Papi …» Der Vater konnte natürlich nicht kochen, und wenn er einmal musste, gabs Käsetoast mit vorgeschnittenen «Schaibletten», und der Papi setzte — Gipfel seiner Kochkunst! — noch einen Senftupfer drauf. Mehr brachte er nicht zustande, und wenn das Mami heimkam, krakeelten die Kinder: «Die mit em Sänf sind vom Papi!» Just dies hat sich leider nicht geändert: dass die Werbung den Mann in Haushaltdingen als Dödel hinstellt.

Item. Letzthin prangt in irgendeiner Bahnhofunterführung im Weltformat der Schriftzug: «Wenn sie den noch kennen, ist es Zeit, sich über ihre Altersvorsorge Gedanken zu machen», und das Bild zeigt unseren Heini Hemmi — Riesenslalom-Olympiasieger 1976, da war ich in der fünften Klasse. «Wenn Sie den noch kennen …» Dieser Spruch ist wenigstens zielgruppenorientiert. Nur habe ich in meiner Schusseligkeit leider vergessen, um welches Geldinstitut es sich handelte. Man wird halt älter.

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

Die Hörkolumnen bei iTunes

Die Hörkolumnen mit RSS-Client

www.derhausmann.ch

Sein Facebook-Auftritt

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli