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21. Januar 2013

Den Sprung geschafft

Bereits mit zwölf stand der Berner Giuseppe Bausilio in den USA als Billy Elliot auf der Bühne. Heute ist der 15-Jährige einer der begehrtesten jungen Balletttänzer und Musical-Darsteller am Broadway.

Giuseppe Bausilio
«Es ist unglaublich, ich frage mich manchmal selbst, wie das alles passieren konnte.» Giuseppe Bausilio am New Yorker Times Square. Schon als Zwölfjähriger bekam das Tanztalent sein erstes grosses Engagement in den USA.

Das Nachwuchstalent in Aktion: Sehen Sie im Video-Beitrag, wie Giuseppe Bausilio die «Harlequinade» tanzt, sowie zwei weitere Youtube-Ausschnitte.

Es klingt wie ein Märchen: Als Zwölfjähriger wurde Giuseppe an einem Ballettwettbewerb entdeckt, konnte für das Musical Billy Elliot vortanzen, erhielt die Hauptrolle, stand fast ein Jahr in Chicago auf der grossen Showbühne, tourte danach mit dem Musical durch ganz Nordamerika. Heute tanzt und singt er am Broadway. Er hat Fans aus ganz Europa und Amerika, die ihm nachreisen, wo immer er auftritt.

«Es ist unglaublich», sagt Giuseppe Bausilio, «ich frage mich manchmal selbst, wie das alles passieren konnte.» Giuseppe ist heute 15, er strahlt, wenn er von seinen Engagements erzählt. Die Worte sprudeln nur so aus ihm heraus. Man spürt seine überbordende Energie, die er auch auf der Bühne zeigt.

Zusammen mit seiner Mutter Sônia Melo wohnt er in New York, in einer Wohnung im 16. Stock im Hochhausdschungel von Manhattan beim Times Square. Seit dem Billy-Elliot-Engagement begleitet die Mutter ihren Jüngsten. 2009 glaubten die beiden noch, dass sie nur für ein paar Monate weg von zu Hause sein würden. Doch ein Engagement folgte dem anderen, aus dem Billy- Elliot-Abenteuer wurden drei Jahre.

Vor einem Jahr eröffnete Giuseppes Mutter in Manhattan ein Ballettstudio, er selbst stand im Herbst in der Hauptrolle des Stücks «Spring’s Awakening» («Frühlingserwachen») im TGB-Theater auf der Bühne und tanzte in Minneapolis mit dem Metropolitan Ballet den Prinzen im «Nussknacker». Gerade erst hat er mit seiner Mutter an einem Anlass einen wichtigen Broadway-Produzenten kennengelernt, der ihn bat, beim legendären New Yorker Feinstein’s-Theater vorzusingen. «Wenn man solche Chancen kriegt, kann man nicht ablehnen», sagt Sônia Melo, auch wenn es hart ist, dass die Familie dadurch nicht mehr zusammen lebt. — Vater Alfonso ist zu Hause geblieben und leitet weiterhin die AS-Ballettschule in Bern und Boll BE. Alle zwei bis drei Monate reist er für ein paar Tage nach New York, und die Familie skypt täglich.

Fussball oder Tanzen – Giuseppe musste sich entscheiden

Giuseppe Bausilio mit seiner Mutter Sônia Melo in der New Yorker Wohnung. Er ist nicht nur Tänzer, sondern spielt auch Cello, Gitarre und Klavier und macht  täglich Gesangsübungen.
Giuseppe Bausilio mit seiner Mutter Sônia Melo in der New Yorker Wohnung. Er ist nicht nur Tänzer, sondern spielt auch Cello, Gitarre und Klavier und macht täglich Gesangsübungen.

Mit vier Jahren besuchte Giuseppe erstmals eine Ballettstunde, in der Schule seiner Eltern, beide einst Solotänzer im Berner Stadttheater. Bis er acht war, spielte er ebenso gerne Fussball. Dann musste er sich entscheiden. Er erinnert sich: «Mamma fragte mich: ‹Was willst du machen?› Ich sagte: ‹Beides›. ‹Das geht nicht›, sagte sie.» Sie riet ihrem Kleinen, vier Tage nur Fussball zu spielen. So würde er herausfinden, ob er eine Passion für den Ball habe. «Nach zwei Tagen mochte ich nicht mehr, ich machte nur noch Ballett.» Von da an trainierte er vier bis fünf Stunden pro Tag.

Seit seinem Musical-Engagement ist der junge Künstler an einer Online-Schule angemeldet, er büffelt jeden Tag, vormittags und abends. Er spielt auch noch Cello, Gitarre und Klavier, macht täglich Gesangsübungen und trainiert vier bis fünf Stunden im Ballettstudio seiner Mutter. Das dichte Programm bewältigt er mit viel Freude. Wenn er einmal nicht so fit ist, hat Giuseppe ein einfaches, wirkungsvolles Rezept: «Wenn ich aufwache und merke, ich mag nicht, sage ich mir einfach: Mir geht es super!» Beigebracht hat ihm dies seine Mutter. Sie ist sein Coach.

Und obwohl er haufenweise weibliche Fans hat, hat er seinen ersten Kuss auf der Bühne gekriegt, im Oktober im Musical Spring’s Awakening. Einen richtigen Zungenkuss. Gefallen hat es ihm nicht. «Das war sooo schlimm!», sagt er und lacht. «Das Mädchen war schon 20 Jahre alt.» Eine Freundin hat er nicht, zumindest keine offizielle.

Giuseppe Bausilios nächstes grosses Ziel ist Hollywood

Obwohl seine Mutter den Erfolg ihres Sohns unterstützt und ihre eigene Ballettschule in New York immer besser läuft, vermisst sie ihren Mann, ihr Zuhause und ihre Berner Ballettschülerinnen mehr und mehr. «Mir fehlt auch der Charme Europas», sagt sie. Doch solange ihr Sohn diese einmaligen Chancen hat, bleibt ihr nichts anderes übrig, als auszuharren.

Für Giuseppe ist klar: «Ich will hierbleiben.» Er will noch höher hinaus, sein Ziel: Hollywood. «Als Schauspieler verdienst du extrem viel Geld und wirst berühmt — das möchte ich.» Den Anfang hat er schon gemacht: Er erhielt im Film «Dead Man Down» eine Nebenrolle. Die Hauptrolle spielte Colin Farrell. Vorerst tanzt er sich in der pickelharten Welt des Balletts weiter nach oben.

Die Mutter hätte ihn Ende Januar eigentlich zurück in die Schweiz führen können. Er hat sich für den Prix de Lausanne qualifiziert, einen der weltweit wichtigsten Ballettpreise. Doch Giuseppe Bausilio zieht es vor, frei zu sein, Engagements an- oder abzulehnen. Mit dem Prix de Lausanne aber wäre ein Stipendium verbunden gewesen, das ihn verpflichtet hätte, während eines Jahres an einer Ballettschule irgendwo auf der Welt zu tanzen.

Wenn ihn jemand fragt, wie er es schafft, so jung so gut zu sein, antwortet der Tänzer: «Siehst du den Punkt? Du musst einfach auf den Punkt zulaufen, nicht nach links und rechts schauen.»

Zu den schönsten Erlebnissen in seinem bisherigen Leben zählt er die Momente nach den Billy-Elliott-Aufführungen: «Wenn ich nach der Vorstellung hinaus kam, wartete ein Haufen Fans vor dem Bühneneingang und applaudierte mir zu.»

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Katja Heinemann