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23. Juli 2012

«Den Menschen geht es immer besser»

Krise? Na und! Matt Ridley erschüttert so schnell nichts. Der britische Optimist illustriert in seinem neusten Buch, wie sich die Welt in den letzten Jahrhunderten positiv entwickelt hat. Trotz diverser Krisen. Und die Aussichten sind gut, auch für die Armen und die Umwelt.

Matt Ridley vor dem 
Hotel St. Pancras in London
Sieht der Zukunft optimistisch 
entgegen: Matt Ridley vor dem 
Hotel St. Pancras in London. (Bild: Keystone/Fiona Hansen)

Hunger, Arbeit, Bildung und Konflikte: Geht es der Weltbevölkerung wirklich immer besser? migrosmagazin.ch hat anhand eines Uno-Reports nachgeprüft.

Matt Ridley, Sie plädieren in Ihrem Buch gut begründet für mehr Optimismus. In den letzten Jahren war die Welt allerdings vor allem in Krisenstimmung. Gab es nie einen Moment, als auch Sie sich Sorgen gemacht haben?

Doch, den gab es, im Oktober 2008, als es so aussah, wie wenn die Finanzkrise eine ernsthafte Störung des globalen Wirtschaftskreislaufs auslösen könnte. Es gab damals ein Foto von Hunderten von riesigen Frachtschiffen in den Gewässern vor Singapur, die dort quasi geparkt waren, weil sie nichts zu tun hatten. Ein beängstigender Moment.

Selbst für Sie.

Sogar für mich, ja. Wobei ich auch damals optimistisch war, dass es danach weiter aufwärtsgehen würde mit dem durchschnittlichen Wohlstand der Welt, sobald die Folgen dieser geplatzten Blase überstanden sind. Das heisst nicht, dass es nicht Menschen oder Länder gibt, deren Situation schwierig ist. Ich bin derzeit zum Beispiel relativ pessimistisch, was Grossbritannien betrifft. Wir haben uns zu viele Schulden aufgeladen und machen nicht das Richtige, um da wieder rauszukommen.

Wer in den letzten Jahren Zeitungen gelesen hat, konnte eigentlich nur pessimistisch werden. Ignorieren Sie die News, oder denken Sie sich, ach, sollen die doch schreiben?

Beides. Wenn ich diese negativen Artikel sehe, habe ich immer das seltsame Gefühl, dass ich über geheime Informationen verfüge, die andere nicht zu haben scheinen. Dabei habe ich einfach nur öffentlich verfügbare Zahlen und Statistiken zusammengetragen und sie in einen historischen Kontext gestellt. Damit liess sich zeigen, worüber niemand bisher geschrieben hat, dass es nämlich den Menschen der Welt still und leise immer besser geht. Die Sterblichkeit sinkt, die Lebenserwartung steigt, die Einkommen steigen, Krankheiten werden behandelbarer. Diese Fortschritte werden ignoriert, als gäbe es ein Verbot, darüber zu schreiben. Das alte Problem: Gute Nachrichten sind keine Nachrichten.

Und Sie denken nicht, dass Sie vielleicht die schlechten Nachrichten zu sehr ignorieren?

Das Risiko besteht, dass man nur die Nachrichten wahrnimmt, die ins eigene Weltbild passen, aber ich versuche bewusst nach Entwicklungen Ausschau zu halten, die mir Sorgen machen könnten.

Und?

Besorgniserregend finde ich, dass in allen Teilen der Welt die religiösen Fundamentalisten mehr Kinder haben als der Rest. Daran ist schon die grosse arabische Zivilisation vor 1000 Jahren zugrunde gegangen. Aber auch hier gibts Hoffnung: Kinder tun nicht immer das, was ihre Eltern ihnen vorschreiben.

Sie sassen im Verwaltungsrat der britischen Bank Northern Rock, die von der Bank of England gerettet werden musste. Was ging da schief? Zu viel Optimismus?

Nein. Na ja, teilweise, der gesamte Finanzmarkt war zu optimistisch. Bei Northern Rock passierte das Gleiche, wie bei allen anderen Banken auch: Man verliess sich darauf, dass es einfach immer so weitergeht, dass die Märkte liquide bleiben. So gesehen waren wir zumindest in guter Gesellschaft. Immerhin sieht es so aus, wie wenn die Steuerzahler mit der Rettung von Northern Rock nun einen schönen Gewinn einfahren werden.

Wie kamen Sie überhaupt in diese Position?

Ich sollte quasi die andere Perspektive in den Verwaltungsrat tragen. Das hat nicht wirklich funktioniert (lacht). Es war eine harte Lektion für mich, aus der ich einiges gelernt habe.

Sind Sie von Natur aus Optimist oder nur ein rationaler Mensch?

Letzteres. Ich habe mich sozusagen selbst zum Optimismus bekehrt, vom Instinkt her neige ich eher zum missmutigen alten Mann. Ein Stück weit habe ich mit meinem Buch genau gegen diese Neigung angeschrieben.

Warum fällt es den Menschen so schwer, optimistisch zu sein, selbst wenn es ihnen gerade gut geht? Woher kommt die stetige Sorge vor dem kurz bevorstehenden Abstieg?

Ich habe Thesen dazu, aber interessant ist ja auch, dass die meisten für die persönliche Zukunft gar nicht sonderlich pessimistisch sind. Wir laufen nicht durch die Gegend und erwarten, dass wir morgen sterben. Wir erwarten auch, länger verheiratet zu sein, als wir es statistisch gesehen sind. Wir erwarten, im Laufe unseres Lebens mehr Geld zu verdienen, als wir es tatsächlich tun. Der Pessimismus bezieht sich eher auf die Gesellschaft, die menschliche Rasse, das Schicksal des Planeten.

In Grossbritannien stehen heute dreimal mehr Bäume als 1850 und fast so viele wie im Jahr 1000.

Und was sind Ihre Thesen?

Der Mensch hat die evolutionäre Tendenz, instinktiv vorsichtig zu sein. Ein Beispiel: Sie und ich spazieren vor 100'000 Jahren zum Wasserloch, und Sie sagen, Moment, wir gehen besser nicht diesen Weg, da könnte ein Löwe hinter dem Felsen lauern. Ich sage, nein, nein, kein Problem, alles wird gut gehen. Am Ende bin ich tot, Sie leben, und Ihre Gene vererben sich in die nächste Generation — über meine Freundin. Kurz: Der Vorsichtige kommt weiter im Leben. Der andere Aspekt ist ein simpler psychologischer Mechanismus: Die Vergangenheit war ganz okay. Sie und ich, wir sind beide noch da, und es geht uns gut. Die Zukunft hingegen ist ungewiss, wir könnten nachher draussen unter ein Taxi geraten. Mit unserem Pessismismus reflektieren wir diese Ungewissheit über die Zukunft. Deshalb neigen wir auch dazu, die Vergangenheit nostalgisch zu einer Zeit zu verklären, in der alles wunderbar war. Was ja nur selten stimmt.

Welche Reaktionen erhielten Sie auf Ihr Buch? Konnten Sie Pessimisten bekehren?

Es kommt interessanterweise bei der universitären Elite gar nicht gut an, derweil gewöhnliche Leute in regulären Jobs es wirklich mögen. Bei den Akademikern scheint es tendenziell nicht ins Weltbild zu passen. Aber ich habe viele Briefe bekommen von Menschen, die mir schrieben, ich hätte ihre Haltung verändert.

Nun gibt es aber rund eine Milliarde Menschen auf Erden, die wirklich kein besonders gutes Leben haben.

Genau wegen dieser Menschen müssen wir optimistisch sein und für weiteren Fortschritt sorgen. Der Feind der Armen ist der, der findet, man bräuchte keine genveränderten Nahrungsmittel zu erfinden, man sollte lieber vorsichtig sein und nur nichts riskieren. Diese Leute sagen im Prinzp: Was wir heute haben, reicht. Aber das tut es nicht. Die heutigen Lebensumstände sind eine Schande verglichen mit dem, was wir erreichen könnten. Wir leben noch nicht in der besten aller Welten. Ein Optimist ist jemand, der eine unperfekte Welt besser machen will und dazu auch beiträgt.

Mit technologischem Fortschritt.

Ja. Ich bin überzeugt, dass es möglich ist, Todesfälle wegen Malaria, Mangelernährung oder verschmutzten Wassers im Laufe dieses Jahrhunderts praktisch auf null zu reduzieren. Dann kann man sich um andere Dinge wie die Fettleibigkeitsepidemie kümmern. Auch das ist ein ernstes Problem, aber verglichen mit Sterben doch deutlich weniger schlimm. Ich bin lieber fett als tot.

Wie konkret soll all das erreicht werden?

Ideen müssen miteinander Sex haben, wie ich das in meinem Buch beschreibe. Der Austausch von Informationen und Dingen führt zur Spezialisierung des Einzelnen, aus der die kollektive Intelligenz unserer Gesellschaft entsteht. Keiner kann allein ein Handy bauen, es ist die Zusammenarbeit, die das ermöglicht.

Aber braucht es nicht auch die richtigen politischen Entscheide? Weniger protektionistische Handelsschranken zum Beispiel?

Richtig. Aber da bewegt sich schon was. Afrika findet heute Exportmärkte, weniger in Europa als in China, auch wenn es gewisse Ausbeutungstendenzen gibt. Der Kontinent hat in den letzten zehn Jahren enormes wirtschaftliches Wachstum erlebt und eine gewaltige Reduktion der Armutsrate. Afrika ist jetzt dort, wo Indien vor 30 Jahren war.

Der Fortschritt hat aber auch seinen Preis: Umweltverschmutzung, das Ausrotten von mehr und mehr Arten.

Das stimmt. Aber die Umweltkrise ist am schlimmsten in den ärmsten Teilen der Welt. Interessanterweise gibt es ein statistisches Pro-Kopf-Einkommen, bei dem Länder anfangen, Wälder wieder aufzuforsten. Es liegt bei 4500 Dollar im Jahr. China hat das nun erreicht, im Schnitt, und es pflanzt mehr Bäume als es fällt. In Grossbritannien stehen heute dreimal mehr Bäume als 1850 und fast so viele wie im Jahr 1000. Je mehr Fortschritt, desto grösser der Wohlstand, desto besser für die Umwelt.

Sie gelten als Klimawandel-Skeptiker.

Mein Problem ist: Was, wenn sich herausstellt, dass der Klimawandel zwar stattfindet, aber mild und langsam? Dass wir quasi mit Chemotherapie gegen eine Erkältung kämpfen? Ich akzeptiere die Existenz des Klimawandels. Ich bin nur nicht sicher, ob er so gefährlich ist, wie viele befürchten. Erneuerbare Energien sind in Ordnung für Nischen, da ist nichts gegen zu sagen. In der Atacamawüste macht es Sinn, Solarenergie zu nutzen. Aber in Grossbritannien?

Gibt es ein theoretisches Ende von Fortschritt? Wenn alle mal so gut leben wie die Schweizer, wohin wollen wir dann noch?

Vorwärts und höher! Ich sehe kein Ende für technologischen Fortschritt. Gute Ideen wird es immer geben.

Womit verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt?

Ich schreibe eine wöchentliche Kolumne für das «Wall Street Journal» und bin auch sonst journalistisch tätig. Und ich habe einen landwirtschaftlichen Betrieb und weiteren Besitz von meinem Vater geerbt, das bringt auch etwas Geld ein.

Von Ihrem Vater haben Sie auch den Adelstitel Viscount geerbt. Sind damit irgendwelche Rechte oder Pflichten verbunden?

Früher hatte man damit automatisch einen Sitz im Parlament, im House of Lords. Heute kann man sich dafür bewerben, doch da die Sitze auf Lebenszeit vergeben werden, gibts nur Platz, wenn jemand stirbt. Leute werden wohl anfangen, mich Lord Ridley zu nennen. Aber ich habe nicht vor, den Titel zu verwenden. Allenfalls könnte er nützlich sein, um im Restaurant einen besseren Platz zu bekommen.

Matt Ridley: «Wenn Ideen Sex haben: Wie Fortschritt entsteht und Wohlstand vermehrt wird», Deutsche Verlags-Anstalt München, 2011.