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02. April 2013

«Den Menschen ernst nehmen»

Barbara Gassmann, Pflegeexpertin und Vizepräsidentin des Schweizerischen Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK, äussert sich im Interview zu Liliane Juchlis Standard-Werk und dessen Einfluss auf die heutige Pflege. Einst absolvierte sie bei Juchli ein Nachdiplomstudium. Die fünf Fragen im Online-Extra:

Barbara Gassmann
Barbara Gassmann, Pflegeexpertin und Vizepräsidentin des Schweizerischen Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK. (Bild zVg)

1. Wie haben Sie Schwester Liliane erlebt?
In den 80er-Jahren war ich selber bei ihr Schülerin in einem Nachdiplom-Studiengang. Das Faszinierende an ihr war einerseits natürlich ihre Fröhlichkeit und positive Einstellung und andererseits, dass sie Pflegende und Patienten gleichermassen ernst nahm. Sie lehrte uns: «Engagiert euch – helft andern, aber schaut auch zu euch selbst.» Sie hat etwas zutiefst Menschliches. Und ihr Unterricht war immer total spannend.
2. Welchen Stellenwert hat Schwester Lilianes Pflegebuch noch heute?
Es ist immer noch das Standardwerk bei uns, bis heute gibt es kein besseres. Schwester Lilianes Haltung, die ihr Buch ausmacht, ist einzigartig. Für die Pflege im deutsch-sprachigen Raum ist sie noch immer eine wichtige und glaubwürdige Person, weil sie authentisch ist.

3. Warum konnte sich ihre Pflege-Bibel so lange halten?
Weil es kein reines Technikbuch ist. Darin geht es um den Menschen ganz allgemein – nicht nur ums Handwerk der Pflege. Es bietet auch philosophischen Stoff, das interessiert Pflegende bis heute. Zudem sind ihre Bücher gründlich recherchiert und jede Auflage wirklich eine Erneuerung. Bis heute nimmt sie Anteil am Geschehen der Pflegewelt, kommt an SBK-Kongresse. Sie ist immer noch à jour, wenns um die Pflege geht.

4. Inwiefern drückt Schwester Lilianes Einstellung im Buch durch?
Man merkt: Der Mensch steht im Zentrum – diese Überzeugung zieht sich wie ein roter Faden durch den «Juchli». Der Grundsatz des holistischen, des ganzheitlichen, Menschenbilds. Damit mussten wir uns auch in ihrem Unterricht auseinandersetzen und uns fragen: Was haben wir für ein Bild des Menschen?
5. Was war das Revolutionäre an ihrem Ansatz?
Sie lehrte uns, wie wichtig eine gute Zusammenarbeit mit Ärzten, Angehörigen und Patienten ist. Das heisst: Auch die Wahrhaftigkeit war neu. Früher sagte man den Patienten nicht immer, woran sie leiden. Daraus resultierten unangenehme Situationen für uns Pflegende. Solche ethischen Dilemmas thematisierte sie – mit ihr konnten wir darüber sprechen. Ausserdem brachte sie mit ihrer Frage nach Spiritualität eine neue Dimension in die Pflege hinein: Es ging nie darum, etwas zu beschönigen, sondern darum, den Patienten als Menschen ernst zu nehmen und ihn so mit Würde zu behandeln. Sie ist noch heute eine interessante Gesprächspartnerin für mich.

Autor: Laila Schläfli