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29. Dezember 2014

Den Drogenausstieg geschafft

Eine betreute Wohnform wie die «Wege Weierbühl» («Drogensüchtige auf dem Weg zurück») ist bestenfalls der erste Schritt: Andere Ex-Abhängige zeigen in Buch- oder Filmform ihre Entwicklung und wie sie den Weg aus der Sucht gefunden haben.

Zahlreich sind sie nicht, die glaubhaften Schilderungen von Drogensüchtigen, die den Ausstieg geschafft haben und danach von ihrem erfolgreichen Weg berichten – möglichst noch so, dass es anderen Betroffenen helfen könnte. Den Weg machten zwar einige, und etliche davon würden diesen Teil ihrer Vergangenheit auch nicht ganz aus ihrer Vergangenheit löschen. Doch im folgenden Leben mit Beruf und vielleicht auch übrigem gutbürgerlichenen Umfeld riskieren die meisten kaum, die neue Position mit Bekenntnissen eines ehemals Süchtigen zu gefährden. Denn viele Menschen ohne Erfahrung mit dem Drogenumfeld nehmen Abstand, übertragen dem neu Drogenfreien weniger Verantwortung, weil sie im Hinterkopf haben, er könnte rückfällig werden. Oder schlicht zu einem Reputationsrisiko für Unternehmen, Familie oder Freundeskreis werden.

Echte «Lebensmathematik» ohne Drogen
Nein, kein Buchbericht eines ehemaligen Abhängigen – die echte «Lebensmathematik» ohne Drogen fällt oft etwas länger oder komplizierter aus. (Bild: Daniel auf der Mauer)

Zu beachten vor den folgenden Tipps gilt es weiter, dass es beileibe nicht den Weg aus dem Drogenkonsum gibt, sondern beinahe so viele wie (ehemals) Süchtige. Die einen schaffen es im Extremfall auf die ganz harte Tour (Stichwort: kalter Entzug), die anderen über stufenweise Stabilisierung mit Ersatzstoffen (wie Methadon) und die Entfernung aus dem Milieu in Etappen. Einigen hilft der Glaube stark, anderen eine Beziehung, vielleicht auch ein spezielles (Lebens-)Ziel.
Es gibt also durchaus widersprüchliche Ansätze, dem Drogenelend zu entkommen. Das macht es für Betroffene einerseits schwieriger, weil der eigene erst gefunden werden muss. Andererseits besteht immerhin eine Auswahl. Diese soll mit den folgenden Beispielen für den Ausstieg angedeutet werden:

Im Präventionsfilm: VON DER SÜCHTIGEN ZUR BERATERIN
Die Deutsche Monika Maria Weiland schildert im dreiteiligen Videofilm Drogen - einmal Abgrund und zurück den bis heute prägenden Teil ihres Lebens. Die heute primär zu Präventionszwecken an Schulen eingesetzte DVD geht im ersten Drittel in die Jugend Weilands in den 70er-Jahren zurück. Drogenkonsum, Beschaffungskriminalität, ein Leben zwischen dem letzten und dem nächsten Kick und auf der Flucht. Im zweiten steht nach der (im Rückblick) rettenden Festnahme durch die Polizei und der folgenden Verurteilung die Hinwendung zum Glauben und die Suche nach dem Lebenssinn im Mittelpunkt. Zu Letzterem passen keine Drogen mehr. Im abschliessenden Teil erhält man Einblick in die heutige Arbeit Weilands als Drogenberaterin. Diese führt sie einerseits zu Präventionszwecken an Schulen, daneben aber hilft sie Drogenabhängigen individuell, vom Stoff loszukommen. Das 2011 mit einem deutschen Preis für exemplarische Bildungsmedien ausgezeichnete Filmmaterial überzeugt durch den Verzicht auf vordergründige Moral und billige Appelle und stellt anschaulich die Entwicklung der Protagonistin ins Zentrum. Begleitet von zugänglichen Erklärungen, wie Drogen Psyche und Körper von Betroffenen verändern.
Infos auf der WFW-Website (Wissenschaftliche Filme für Unterricht und Weiterbildung)

Auf Wordpress: FRAU UND NAHTODERLEBNIS ALS MOTIVATION
Der selbständige IT-Berater und Unternehmer berichtet unter dem Stichwort Ausstiegspunkt ebenso offen und noch ausschliesslicher aus persönlicher Perspektive von seiner Geschichte: kaputtes Elternhaus, Heim, Leben auf der Strasse ab 15 Jahren, früh unter anderem schwer Alkohol- und Crack-süchtig, nach einer gescheiterten Beziehung letztlich durch eine Partnerin sowie ein Nahtoderlebnis zur Abstinenz motiviert. Seit Spätsommer 2006 clean und trocken, feiert er heute sein neues Leben - auch mit zweitem Geburtstag.
Zu Peter Rupperts Wordpress-Bericht

Im Dok-Film: MIT EX-SÜCHTIGEN AUF DEN GIPFEL
Der Berner Film 2010 (gedreht 2008) Expedition Drogen begleitet ehemalige Drogenabhängige auf einem Bergsteigerprojekt, das sie auch dank Hilfe von Evelyne Binsack und Markus Lanz als prominente Bergführer nacheinander auf das Finsteraarhorn, den Dom und den Mont Blanc führt. Er ermöglicht Schritt für Schritt mehr Einblicke in verschiedene Drogenkarrieren und erfolgreiche Ausstiege - in diesem Fall dank der Institution Terra Vecchia. Bereits prägend der positive Grundton, was nach Drogenexzessen an neuen Lebensinhalten und Ambitionen alles zu erreichen ist.
Zum Bericht in der Jungfrau-Zeitung

P.S.: Mit Nachgift bietet eine weitere Berner Dokumentation die Begegnung mit Ex-Süchtigen, die in den 90er-Jahren die Berner Abgabestelle Koda frequentierten. In diesem Fall im Vergleich mit mehreren Rückfälligen.
Zum Artikel mit weiteren Infos

Im Buchbericht: AUF DIE HARTE TOUR
Bereits etwas älter (1999) ist das Buch Ich habe es ohne Therapie geschafft – Aussteiger aus der Drogenszene berichten. Thorsten Schmidt lässt mehrere deutsche Ex-Heroin-Abhängige schildern, wie sie mehrheitlich auf rustikale Art (Verzicht auf grössere therapeutische Begleitung und aufwendige Medikamentationen!) den Ausstieg gemeistert haben. Eindrücklich deshalb, weil es ein überraschend grosses Reservoir an Willen und Durchsetzungsvermögen von Schwerstsüchtigen zeigt. Allerdings gilt es zu bedenken, dass die harte Tour sicher nicht für alle Ausstiegswilligen der Erfolg versprechende Weg ist. Was es jedoch sicher bei allen braucht: den selbst geäusserten und bewusst gemachten Wunsch nach einem Leben ohne Drogen.
ISBN-13: 978-3891365670

Auf der Streetwork-Site: WOVOR MAN SICH HÜTEN SOLL
Streetwork leistet seit Längerem wertvolle Aufklärungsarbeit im Drogenbereich ausserhalb etablierter Institutionen und Einrichtungen. Ein Pionier ist der Basler Beatus Gubler, der im Buch Ein Aussteiger berichtet einen ausführlichen Einblick ins Leben eines Betroffenen auf dem Weg weg von der Sucht gibt. Auszüge mit zentralen Merksätzen verrät die entsprechende ...
Website von Streetwork.

Autor: Reto Meisser