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21. Januar 2013

Den Demenzkranken ernst nehmen

Ihr Vater erkrankte an Alzheimer – Denise Broer begleitete ihn bis zum Schluss. Die Validationsmethode half ihr, einen positiven Zugang zum Vater zu bewahren.

Denise Broer
Denise Broer 
im Krankenheim 
Sonnweid in Wetzikon. Hier lebte ihr an Alzheimer erkrankter Vater, den sie eng 
begleitet hat.

Mehr Verständnis zeigen: Validation setzt zuerst gar nicht beim Demenzkranken an, sondern vor allem bei der Pflegeperson selbst. Eine kurze Einführung zur Methode mit Tipps für Angehörige.

Samstagnachmittag, 15 Uhr. Denise Broer sitzt bereits wartend in einem Wohnzimmer des Krankenheims Sonnweid in Wetzikon ZH. Der Raum der Wohngruppe D1 ist hell und freundlich, mit einer grossen Fensterfront, die einen weiten Blick auf Wald und Wiesen eröffnet. Ein paar ältere Bewohner halten sich darin auf — lesend, schwatzend und Fernseh schauend. Eine Pflegerin spült gerade das Geschirr in der daneben liegenden Wohnküche, assistiert von einer Bewohnerin.

Auf einen Alzheimerkranken einzugehen, verlangt viel Geduld und Einfühlungsvermögen.

Denise Broer kehrt mit gemischten Gefühlen zurück an diesen Ort, den sie dreieinhalb Jahre lang regelmässig aufgesucht hat. Hier besuchte und begleitete sie ihren Vater, bis er im März 2011 kurz vor dem 80. Geburtstag starb. Er litt an Alzheimer.

Es war eine schmerzhafte Erfahrung für sie, zu erleben, wie dem ehemaligen Manager einer grossen Firma schrittweise das Kurzzeitgedächtnis und die Sprache abhanden kamen. «Zu Beginn tat ich mich schwer», sagt Denise Broer. «Es ist aber ganz wichtig, dass man den Alzheimerkranken in seiner momentanen Welt ernst nimmt. Auf ihn einzugehen, verlangt aber viel Geduld und Einfühlungsvermögen.» Ihre Erfahrungen hat sie auch in einem Buch festgehalten.

Die Validation hat einen festen Platz in der Alterspflege

Die Validation, eine spezielle Art, um mit an Demenz Erkrankten zu kommunizieren (siehe Kasten), half ihr im Umgang mit dem Vater. Etwa auch damals, als dieser ihr verkündete, dass er sich mit einer Mitbewohnerin verlobt habe — obschon er verheiratet war — und er einen Verlobungsring benötige. Die Tochter stieg sogleich darauf ein und sagte: «Ich gratuliere dir ganz herzlich!» Sie besorgte einen Verlobungsring. Und ein paar Tage später wurde in der Wohngruppe die Verlobung gefeiert. Denise Broer vermochte trotz trauriger Umstände viel mit ihrem Vater zu lachen und erlebte berührende Momente mit ihm.

Die Validationsmethode nach Naomi Feil hat sich im Umgang mit an Demenzerkrankten Menschen bewährt und sich mittlerweile in der Schweiz einen festen Platz in vielen Alterseinrichtungen erobert. Darunter eben auch das Krankenheim Sonnweid, das sich in der Demenzpflege einen Namen gemacht hat. Das Heim hat sich zum Ziel gesetzt, dass die Mitarbeitenden — und bei Bedarf auch die Angehörigen — mit Validation vertraut werden.

Warum baut man so stark auf dieses Betreuungskonzept? «Das hat vor allem mit der wertschätzenden Grundhaltung zu tun, die dahinter steht», sagt die Heimleiterin und Validationstrainerin Monika Schmieder. Die Menschen seien ruhiger, weniger gestresst, und das Selbstwertgefühl verbessere sich. Es gehe darum, in die «Schuhe» der Bewohner zu schlüpfen und deren Realität zu akzeptieren. «Wichtig ist mir jedoch, dass aus Validation keine Religion gemacht wird», betont Monika Schmieder. «Sie ist eine von mehreren Techniken, die im Alltag mit Demenzkranken bedeutsam sind.»

Bücher zum Thema: «Mr A – Alzheimer des Vaters», Denise Broer, Zytglogge-Verlag 2012, Fr. 25.60 bei Ex Libris.

«Mit dementen Menschen richtig umgehen», Vicki de Klerk-Rubin, Elisabeth Brock, Reinhardt Verlag 2011, Fr. 17.50 bei Ex Libris.

Autor: Stefan Müller

Fotograf: Tina Steinauer