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03. Januar 2017

Den Ahnen auf der Spur

Wissen Sie, wie Ihr Ur-Ur-Urgrossmutter zum Vornamen hiess, oder sind Sie ein Nachkomme Karls des Grossen? Ahnenforschung ist mühsam und zeitintensiv. Und doch boomt sie. Drei Hobbygenealogen erzählen, was sie an der aufwendigen Suche nach ihren Vorfahren fasziniert. Dazu die Tipps, wie Interessierte «Schritt für Schritt zum Stammbaum» kommen.

Physiker Wolf Seelentag
Für den pensionierten Physiker Wolf Seelentag ist Ahnenforschung ein «spannendes Detektivspiel.»

Der Virus packte ihn 1984: Damals fand Wolf Seelentag (69) im Nachlass seines Vaters eine kleine Ahnentafel und die familiengeschichtlichen Aufzeichnungen einer Grosstante. Der gebürtige Deutsche wohnte damals bereits in St. Gallen, hatte jedoch keine Ahnung, dass er sogar Vorfahren in Gossau SG hatte – und dann erst noch ­historisch relevante.

Auch Lukas Roth (27) ist infiziert: In den Bücherregalen seines Studios lagern mehrere hundert Manga-Bücher, fein säuberlich nach Ausgaben sortiert. Die grösste Sammlung des Biologiestudenten befindet sich allerdings auf seinem Computer, besser gesagt auf dem Server von myheritage.com, wo Lukas Roth den Stammbaum seiner Familie erstellt hat. Seine Ahnentafel umfasst mehr als 115'000 Einträge und reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück.

Mit der ganzen Welt verbunden
Bern, Basel, Boston und Baltimore: Lukas Roth hat überall Verwandte aufgestöbert. Mit einem Klick scheint er verbunden mit der ganzen Welt. Dabei sitzt er am Schreibtisch unter seinem Hochbett, im Kellergeschoss seines Elternhauses in Heimberg BE. Rund vier bis sechs Stunden pro Woche surft er so auf den Spuren seiner Familie.
«Meine Herkunft hat mich schon immer interessiert», erklärt Lukas Roth die Faszination der Ahnenforschung. «Ich suche nach dem Ursprung.» Ein echter Meilenstein wäre, wenn er das Familienwappen der Roths finden würde. «Aber vielleicht gab es da auch gar nie eines.»

Richtig ins Zeug zu legen begann er sich vor sechs Jahren, als ein entfernter Verwandter aus den USA bei seiner Tante zu Besuch war. Dieser interessierte sich ebenfalls für die Familiengeschichte. In Nordamerika ist die Ahnenforschung eines der beliebtesten Hobbys. Auch sonst scheint Lukas Roth familiär vorbelastet zu sein: Schon der Grossvater väterlicherseits hatte einen Stammbaum erstellt.

Lukas Roth
Lukas Roth

«Ich suche nach dem Ursprung», sagt Lukas Roth.

Dank des Internets kann Roth allerdings auf ganz andere Quellen und Mittel zurückgreifen. Mit ein Grund, warum die Ahnenforschung seit Anfang der 2000er-Jahre einen neuen Boom erlebt. Viele Archive sind heute online zugänglich, die Community der Ahnenforscher unterstützt sich gegenseitig in Foren, und auf Facebook gibt es diverse Gruppen zum Thema. Viele Plattformen funktionieren vergleichbar wie Wikipedia: User erstellen Datensätze über ihre Vorfahren, und wo verschiedene Nutzer gemeinsame Vorfahren haben, lassen sich ganze Äste des Stammbaums übernehmen. So musste Lukas Roth nur um die vier Prozent seiner Ahnen selbst ausfindig ­machen und erfassen – das waren allerdings immer noch stattliche 4000 Personen.

Dass es so viele Übereinstimmungen gibt, überrascht nur auf den ersten Blick. Die Zahl der Vorfahren verdoppelt sich mit jeder Generation und steigt so exponentiell an: Wenn man 500 Jahre zurückgeht, also etwa 20 Generationen, hat jeder von uns rechnerisch zwei hoch zwanzig Vorfahren, das heisst eine Milliarde. Eine gewaltige Zahl, wenn man bedenkt, dass Ende des Mittelalters bloss 500 Millionen Menschen auf der Erde lebten.

Mühelos von Generation zu Generation
Die Zahl der Vorfahren ist allerdings kleiner als die Hochrechnung suggeriert: Familienforscher sprechen in diesem Zusammenhang vom sogenannten Ahnenverlust. Er entsteht, wenn entfernte Verwandte miteinander Kinder gezeugt haben, was nicht selten vorkommt. Roths Eltern etwa sind Cousins 7. Grades. Sie hatten gemeinsam Ururururururgrosseltern, die Anfang des 18. Jahrhunderts geboren wurden.
Grade, Linien, Äste. Väterlicherseits und mütterlicherseits. Heimatorte, Geburtsdaten, Todestage. Erzählt Lukas Roth von seinen Ahnen, ist man als Zuhörer schnell überfordert, während er selbst gedanklich mühelos von Generation zu Generation springt und sich dabei nie in den Verästelungen verirrt.

Auch den Erzählungen von Wolf Seelentag kann man nur mit Höchstkonzentration folgen. Die Fülle droht den Zuhörer schlicht zu erschlagen. Dabei wäre die Familiengeschichte des pensionierten Medizinphysikers durchaus spannend, wenn es ihm gelänge, sich kurz zu fassen: Josef Anton ­Contamin von Gossau SG (1702–1757) war Reichsvogt für die Fürstabtei von St. Gallen. Das heisst, er trieb unter anderem Steuern für den Abt ein, der zugleich Reichsfürst war. Der Neffe dieses Contamin hingegen wollte den Obolus nicht mehr zahlen und zettelte gemeinsam mit anderen einen Aufstand an, der in die Geschichtsbücher als die «Revolution von St. Gallen» einging.

Ein Revoluzzergen hat Nachfahre Seelentag bei sich selbst bisher nicht entdeckt: «Man sieht an diesem Beispiel, wie sich die Charaktere bereits unter relativ nahen Verwandten unterscheiden. Der Onkel war regierungstreu, sein Neffe nicht.» Darum bezweifelt er, dass sich aufgrund der Ahnenforschung Rückschlüsse zum eigenen Ich ziehen lassen.

Viele Ahnenforscher sind auf der Suche nach blauem Blut in ihren Adern. Eine Obsession, die Rentner Seelentag nicht teilt. «Mich faszinieren das spannende Detektivspiel und Geschichte ganz allgemein.» Wichtig sei ihm dabei, hinter Familiennamen und Geburtsdaten zu blicken und dabei möglichst wissenschaftlich zu arbeiten. Darum nutzt Wolf Seelentag, der auch als Vizepräsident der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Ostschweiz amtet, wo immer möglich Primärquellen.

Die Ehefrau trägts mit Fassung
Da er mit diesem Ansatz in seiner ­eigenen Familiengeschichte nur noch mit aufwendigen Reisen weiterkommen würde, nimmt Seelentag heute Anfragen aus aller Welt entgegen und geht Hinweisen zu Personen aus dem Kanton St. Gallen nach – unentgeltlich, weil man sich unter Ahnenforschern unterstützt.

Zwei bis drei Stunden pro Tag investiert der Pensionär in sein Hobby. Sehr viel Zeit verbringt er im Stadtarchiv St. Gallen, wo er alte Dokumente im Original lesen kann. Seine Frau, sagt er, trage es mit Fassung. Besonders interessant sind für ihn die Ratsprotokolle: «Da stehen Dinge, die heute als privat gelten würden.» So seien etwa Ehestreitigkeiten vermerkt oder wenn jemand seine Schulden nicht gezahlt habe oder sonst aus der Reihe getanzt sei.

Hobbyforscher Seelentag glaubt nur, was er mit eigenen Augen gesehen und selber überprüft hat. Er steht der Übernahme ganzer Äste eines Stammbaums, wie das Jungforscher Lukas Roth tut, deshalb skeptisch gegenüber: «Es gibt leider viele, die nicht sauber arbeiten.» Zudem schlichen sich beim Übersetzen und Entziffern von alten Dokumenten schnell Fehler ein, die sich lawinenartig im Netz verbreiten würden, wenn jeder von jedem abschriebe.

Primärquellen vor 1800 sind oft in Latein und immer in alter deutscher Schrift verfasst. Dazu kommen früher gängige Abkürzungen, die heute nur noch Kenner richtig interpretieren können. Ein Beispiel: Der Monat November wird in Dokumenten aus dem 17. und 18. Jahrhundert oft mit 9bris abgekürzt (abgeleitet vom lateinischen novem): Novizen lesen das dann als September – und schon ist jemand zwei Monate früher geboren oder verstorben.
Solche Anfängerfehler möchte Wolf Seelentag Jungforscher Roth nicht unterstellen. Stattdessen begrüsst er, dass sich heute vermehrt auch Junge für die Ahnenforschung interessieren. «Es ist ideal, wenn man schon in jungen Jahren beginnt, dann kann man die Grosseltern noch befragen.»

Corinne Iten
Corinne Iten

«Namen und Daten sind nur Ausgangspunkt. Richtig spannend wirds später», sagt Corinne Iten.

Dieser Meinung ist auch Corinne Iten (38) aus Gisikon-Root LU. Die Sachbearbeiterin beschäftigt sich seit knapp zehn Jahren intensiv mit ihren Vorfahren. Ihre Wurzeln reichen bis nach Oberbayern, Unterfranken und Westböhmen. Zudem erforscht sie alle Iten-Familien aus dem Kanton Zug, die zwischen 1850 und 1940 in die USA oder nach Frankreich ausgewandert sind.

Neben ihrer eigenen Ahnenforschung, die sie auf einer Website akribisch dokumentiert, beantwortet sie auch Fragen in kostenlosen Foren in drei Sprachen. Dabei hat sie sich auf Auswanderer nach Nordamerika sowie Kriegsschicksale in den beiden Weltkriegen spezialisiert: «Ich versuche stets, die Originaldokumente zu finden, diese richtig zu interpretieren und zu übersetzen.»

Über das «Schweizerische Handelsamtsblatt» aus dem Jahr 1979 hat sie herausgefunden, dass ihre Grosstante ihre Wirtschaft mit Mercerieladen in Fischingen TG bis ins hohe Alter von 78 Jahren geführt hat. Aus einer Kriegsstammrolle, einer Art Personalakte für Soldaten, weiss sie, dass ihr Urgrossonkel Anselm Beinberger am 3. September 1915 um 2.15 Uhr durch Minensprengung im Feldunterstand verschüttet wurde. Und aus einer Firmendokumentation hat sie erfahren, dass entfernte Verwandte von ihr Mitte des 19. Jahrhunderts in den USA die Iten Biscuit Company gründeten. Die Familie war sozial engagiert, finanzierte Kinderspielplätze – und darum wurde letztlich sogar ein Footballstadion nach ihr benannt.

Auf die Frage, warum sie so viel Energie in ihr Hobby stecke, verweist Corinne Iten auf ihre Website: «Schauen Sie, was ich alles über meine Familie herausgefunden habe. So viele kleine Puzzlesteine. Das ist einfach faszinierend.» Namen und Daten seien nur der Ausgangspunkt: «Spannend ist, was man darüber hinaus noch finden kann.»
Zu finden gibt es unendlich viel. Denn theoretisch liesse sich der Stammbaum bis Adam und Eva zurückverfolgen. Das ist das Dilemma aller Ahnenforscher: Die Suche nach dem Ursprung wird irgendwann eine Begegnung mit der Unendlichkeit. 

«Ein Versuch, die eigene Sterblichkeit zu überwinden»

Alfred Messerli (63) ist Professor am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Zürich.

Alfred Messerli, warum interessieren sich Menschen für ihre Vorfahren?

Ahnenforschung ist ein Versuch, die eigene Sterblichkeit zu überwinden. Dank der Vorfahren sieht man sich als Teil einer grossen Linie, als Teil vom Ganzen. Und indem man die Geschichte der eigenen Familie aufarbeitet und diese verschriftlicht, etwa in einem Stammbaum, hinterlässt man der Nachwelt etwas – und verschwindet dereinst nicht spurlos.

Kann Ahnenforschung zur Identitätsfindung beitragen?

Die Vorstellung ist etwas sehr romantisch. Natürlich lassen sich gewisse Rückschlüsse ziehen. Die Familiennamen etwa gehen oft auf Berufe, Ortschaften oder Eigenschaften zurück. Aber man sollte sich bewusst sein: Die Vergangenheit ist immer auch eine Konstruktion. Man muss aufpassen, dass man sich aus der Fülle von Informationen nicht einfach das herauspickt, was einem gerade passt.

Manche Historiker belächeln die Genealogie. Zu Recht?

Nein, nicht unbedingt. Ich selbst bin als Wissenschaftler schon auf Arbeiten von Ahnenforschern gestossen, für die ich sehr dankbar war. Da steckt oft unglaublich viel Aufwand ­dahinter. Arbeiten Hobby­forscher ­seriös – also mit Quellen, die sich überprüfen lassen –, ­können sie einen wichtigen ­Beitrag zur Alltagsgeschichte der kleinen Leute leisten.


Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Beat Schweizer