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26. November 2012

Dem Mörder auf der Spur

Mit Skis, Steigeisen und Pickel durch einsame, weisse Weiten. Hoch auf den Säntisgipfel, wo im Winter vor 90 Jahren Wetterwart Heinrich Haas und seine Frau Magdalena ein gewaltsames Ende fanden.

Abfahrt
Letzte Abfahrt beim Berggasthaus Tierwis, 
danach folgt der Aufstieg. Der Blick schweift Richtung Norden bis zu 
Zürichsee und Schwarzwald.

Vom Albristhorn über den Niwen bis zum Wildhuser Schafberg: Die Vorschläge für Skitouren zu weniger «mörderischen» Zielen in den Schweizer Alpen.

DIE REPORTAGE
Kein Lebenszeichen und kein Wetterbericht. Seit dem 21. Februar 1922, also schon vier Tage lang, hat man unten im Tal keinen Kontakt mehr zum Gipfel des Säntis. Die Telefon- und Telegrafenleitung ist tot. Es ist die dritte Saison, in der Wetterwart Heinrich Haas, seine Frau Magdalena und ihr Hund Sturm über den harten Winter auf dem 2501 Meter hohen Gipfel des Säntis ausharren, um täglich die Wetterdaten vom Gipfel zu telegrafieren. Ihre beiden kleinen Töchter, Bertheli und Lenchen, verbringen die Winter jeweils unten bei ihrer Grossmutter. Die Einsamkeit oben auf dem Gipfel ist gross — nur selten mühen sich die sogenannten Säntisträger mit Esswaren und Brennholz hoch. Denn eine Bahn gibt es nicht — die wird erst 1935 gebaut.

Unten im Tal macht man sich allmählich Sorgen — nicht zuletzt, weil Magdalena Haas vor vier Tagen per Telegraf von einem «ungebetenen Gast» berichtet hat. Also macht sich Säntisträger Rusch mit seinem Sohn und dem Meglisalpwirt Dörig durch den tiefen Schnee zum Gipfel auf. Kurz bevor sie die Wetterstation erreichen, treffen sie auf eine Skispur, die vom Gipfel hinunter ins Tal führt.

Ich werfe einen Blick zurück auf die Skispuren von Bergführer Hampi Schoop (47) und mir (43). Vor fünf Minuten sind wir als Einzige noch vor der Bergstation bei Stütze 2 aus der Gondel der Säntisbahn gestiegen und fahren nun in Richtung Grauchopf ab.

Allein auf weiter Flur: Bergführer Hampi Schoop (vorne) mit Üsé Meyer. Im Hintergrund der Gipfel des Säntis, wo sich im Winter 1922 Schauerliches zugetragen hat.
Allein auf weiter Flur: Bergführer Hampi Schoop (vorne) mit Üsé Meyer. Im Hintergrund der Gipfel des Säntis, wo sich im Winter 1922 Schauerliches zugetragen hat.

Wir sind die Ersten, die ihre Spuren in den 20 Zentimeter tiefen, wunderbar pulvrigen Neuschnee ziehen — herrlich. Unser Plan ist folgender: Wir machen eine kleine Rundtour zum Tatort des Verbrechens von 1922, eine Kombination aus Skitour und Bergsteigen. Auf ähnliche Weise machte sich damals im Februar Gregor Kreuzpointner, ein bayrischer Schustergeselle, bei höchster Lawinengefahr alleine auf den Weg zum Gipfel. In seinem Rucksack befand sich eine Browning-Pistole, Kaliber 7,65.

Per Spitzkehre geht es zur Himmelsleiter

Wir stehen etwas oberhalb des Berggasthauses Tierwis, das im Winter geschlossen ist. Von hier aus sehen wir Bodensee, Zürichsee und Schwarzwald, ausserdem den Tödi und das Berninamassiv mit dem Piz Palü. Nochmals können wir unsere Spuren in den Pulverschnee eines steilen Hangs hinunter zum Charrefeld ziehen. Eine Gämse beobachtet vom gegenüberliegenden Felsgrat aus, wie wir die Felle auf unsere Skier ziehen. In gemütlichem Tempo steigen wir nun wieder hinauf in Richtung Säntisgipfel. Nach einer knappen Stunde passieren wir erneut die Stütze 2 und danach einen gelbschwarzen Holzpfosten, der knapp zwei Meter aus dem Schnee schaut. «Eigentlich ist dieser Pfosten rund acht Meter hoch», kommentiert Bergführer Hampi die Schneemengen des diesjährigen Winters. Auf unserem weiteren Weg im Schatten des Gipfels ist der Schnee hart. Der Neuschnee wurde vom Wind an die senkrechten Felswände rundherum verfrachtet. Im Zickzack arbeiten wir uns in einem steilen Couloir nach oben. Hier ist es wichtig, die Spitzkehre mit offener Tourenbindung gut zu beherrschen.

Als es noch steiler wird, zurren wir die Skier seitlich an unseren Rucksäcken fest, montieren die Steigeisen und nehmen den Pickel zur Hand. Zu Fuss geht es jetzt als Zweierseilschaft hinauf zum Sattel zwischen Girenstock und Säntis. Kaum sind wir oben und blicken über den Minigletscher «Blau Schnee» hinunter zum Seealpsee, bläst uns ein bissiger Wind um die Ohren. Aufgrund seiner exponierten Lage ist der Säntis für extreme Wetterbedingungen bekannt. Da kann im August schon einmal ein Meter Schnee liegen oder der Wind im Winter mit 230 Kilometer pro Stunde orkanartig blasen. Für uns geht es nun auf der «Himmelsleiter» weiter in Richtung Gipfel.

Ein Bratwurstduft weht über den Gipfel

Gratulation zum Gipfelerfolg. Hier, beim Windmesserhäuschen, wurde damals die Leiche von Wetterwart Haas gefunden.
Gratulation zum Gipfelerfolg. Hier, beim Windmesserhäuschen, wurde damals die Leiche von Wetterwart Haas gefunden.

Die «Himmelsleiter» ist im Sommer ein mit Drahtseil gesicherter Weg, der aufgrund seiner Steilheit von unten gesehen tatsächlich direkt in den Himmel zu führen scheint. Das Drahtseil ist jetzt aber grösstenteils unter dem Schnee begraben. Hampi geht auf dem erst nur leicht ansteigenden Grat voraus, ich folge ihm dicht auf den Fersen. Dann müssen wir kurz in eine Senke absteigen, und daraufhin geht es direkt gen Himmel. Nun steigt Hampi jeweils eine Seillänge voraus, um mich optimal abzusichern. Schritt um Schritt geht es so nach oben, neben den Steigeisen gibt auch der Schaft des Pickels im weichen Schnee guten Halt. Aber mit dem Gewicht der Skier auf dem Buckel geht das in die Waden und Oberschenkel. Schweissperlen laufen mir über die Stirn, obwohl der Wind mit jedem Höhenmeter zunimmt. Hampis tiefe Spuren sind vom verblasenen Schnee nach zwei Minuten schon wieder zugedeckt. Und dann, was bei der Besteigung eines Gipfels mit Steigeisen und Pickel eher ungewöhnlich ist, habe ich plötzlich den Duft von Bratwurst und Rösti in der Nase. Wir sind oben — und nehmen gemütlich an einem Tisch im warmen Restaurant Platz.

Ein ganz anderes Bild präsentiert sich den Säntisträgern, als sie im Winter 1922 den Gipfel erreichen. Sie finden einen verwirrten Hund Sturm vor und die Leichen von Magdalena und Heinrich Haas. Erschossen. Der mutmassliche Mörder: Georg Kreuzpointner. Das Motiv: wohl Neid und Hass — denn er hatte sich damals wie Haas auch als Wetterwart beworben, wurde aber nicht auserwählt und stürzte in eine persönliche und finanzielle Krise, für die er Haas verantwortlich machte. Mehr weiss man nicht. Denn Kreuzpointner wird kurz darauf, am 4. März 1922, in einer Alphütte unterhalb der Schwägalp aufgefunden: erhängt.

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Thomas Senf