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02. April 2012

Dem Fernweh auf der Spur ‒ per Velo

Patent Ochsners «Bälpmoos» ist der schönste Schweizer Fernweh-Song. Das Migros-Magazin erkundete die Gegend um den Flughafen Belp mit Elektrovelos. So wurde der Ausflug nicht zur Ochsentour, sondern zu einer patenten Rundfahrt für Geniesser.

Aussichtskuppel des Flughafens Bern-Belp
In der Aussichtskuppel des Flughafens Bern-Belp ist man nah an 
den Flugzeugen ‒ Kerosingeruch 
ist garantiert.

Für mehr als reine Muskelkraft: Weitere Flyer-Radtouren im Frühling.

Der Flug AF1137 der Air France nach Paris-Orly ist verspätet: Die Maschine rollt um 11 statt um 9.30 Uhr auf die Startbahn des Flughafens Bern-Belp. Das Knattern der Motoren wird lauter, die Propeller drehen schneller, das Flugzeug gewinnt an Tempo, rauscht direkt vor uns vorbei, hebt ab und fliegt auf die verschneiten Gipfel von Eiger, Mönch und Jungfrau zu. Das Brummen der Motoren ist bald nicht mehr zu hören. Nur undeutlich ist die Maschine noch in der flimmernden Luft zu erkennen, und kurz darauf sind lediglich die Reflexionen der Sonne auf den Tragflächen wahrzunehmen. «Bälpmoos, Bälpmoos — schpick mi furt vo hie. Bälpmoos, Bälpmoos — mir isch’s glych wenn u wie.»

Vor dem berühmten «Zytglogge-Turm» in der Berner Altstadt.
Vor dem berühmten «Zytglogge-Turm» in der Berner Altstadt.

Keine 50 Meter stehen mein Kollege Reto (41) und ich (43) von der Startbahn entfernt hinter dem Maschendrahtzaun des Berner Flughafens auf der grossen Ebene des «Belpmoos». Und bei wem sich hier nicht der Pawlowsche Reflex einstellt — wer nicht augenblicklich Patent Ochsners Song «Bälpmoos» im Ohr hat —, der steckte 1991 wohl in den Windeln oder war noch gar nicht auf der Welt.

Gestartet sind wir zu unserer Velotour vor gut einer Stunde am Berner Hauptbahnhof. Erst haben wir ein paar Kurven durch die Berner Altstadt — immerhin ein Unesco-Welterbe — gezogen, dann im Tierpark Dählhölzli mit einem Alpaka geschäkert und die Pelikane bei der morgendlichen Federpflege beobachtet. Auf der anderen Seite der Aare hat uns der Weg durch Wabern geführt, hinaus aufs Land und vorbei an einigen typischen Berner Bauernhöfen. Nun stehen wir hier am Maschendrahtzaun des Flughafens und lassen unsere Gedanken, den Flugzeugen gleich, in weite Ferne schweifen. «Irgendeinisch gahn i o», singt Bandleader und Komponist Büne Huber in «Bälpmoos». In einem Interview sprach er von seiner «Sehnsucht fürs Weggehen». Dieses Fernweh kennen viele, möchten verreisen, Stress und Hektik hinter sich lassen. Oder wie es Jochen K. Schütze im Buch «Gefährliche Geographie» schreibt: «Die Reise ist eine besondere Zeit des Aufschubs und der Verantwortungslosigkeit, niemandem ist man Rechenschaft pflichtig, man bricht den Alltag ab.»

Vorbei am Konzertlokal Mühle Hunziken, Bünes Wohnzimmer

Hier ist man froh um die elektrische Hilfe: Üsé (vorne) und Reto im steilen Wegstück am Belpberg.
Hier ist man froh um die elektrische Hilfe: Üsé (vorne) und Reto im steilen Wegstück am Belpberg.

«Häbe d’Nase i di chauti Morgeluft — wo nach Trybstoff schmöckt.» Tatsächlich ist der Kerosingeruch hier allgegenwärtig. Von einer kleinen Aussichtskuppel schauen wir dem Treiben auf dem Flughafen noch etwas zu, dann machen wir uns wieder auf den Weg. Wir radeln durch das Naturschutzgebiet Belperau, wo die Giesse, ein Nebenfluss der Aare, durchführt und idyllische Wasserläufe und Teiche bildet. Dann gehts zum Teil auf Natursträsschen weiter über offene Felder und durch den Wald. Mal sind die Gipfel des Gantrischgebiets ganz nah zu sehen, dann öffnet sich wieder der Blick auf die fernen Viertausender des Berner Oberlands. Links von hier, gleich ennet der Aare, befindet sich das Konzertlokal Mühle Hunziken, das gerne als das «Wohnzimmer von Büne Huber» bezeichnet wird. Seit 1991 und dem Erfolg mit «Bälpmoos» bespielt er regelmässig diese Bühne. Und nun wird es stotzig. Bei der Aarebrücke, die hinüber nach Münsingen führt, biegen wir rechts ab und haben ein steiles Wegstück den Belpberg hinauf vor uns. Spätestens hier sind wir froh über unsere Elektrovelos. Locker treten wir in die Pedale, und mit einem leisen Surren unterstützt uns der Motor derart kräftig, dass wir nicht einmal ins Schwitzen kommen.

Kurzes Innehalten an einem Teich im Naturschutzgebiet Belperau.
Kurzes Innehalten an einem Teich im Naturschutzgebiet Belperau.

Weit unter uns fliesst die Aare, und vor uns befinden sich weitere Bauernhäuser mit den hier typischen tief hinuntergezogenen Walmdächern, die auf allen vier Seiten abgeschrägt sind. Wir durchqueren die Ortschaft Gerzensee mit Blick auf den gleichnamigen See und befinden uns schon bald auf der anderen Seite des Belpbergs. Und hier gehts nun wiederum steil hinunter. Noch knapp im legalen Tempobereich passieren wir eine 60er-Tafel und müssen aufpassen, nicht an der Abzweigung nach Kaufdorf und Toffen vorbeizurasen.

«Schpick mi furt vo hie» ist aber nur die halbe Wahrheit

In Toffen machen wir einen Halt in der Oldtimer-Galerie, die direkt am Weg liegt. Hier können alte Automodelle von Citroën, Rolls-Royce, Fiat oder Austin-Healy bestaunt und gekauft werden. Für einmal interessieren uns aber vor allem die alten, motorisierten Velos. Da gibt es welche, die den heutigen Elektrovelos recht ähnlich sehen. Einfach mit dem Unterschied, dass sich an der hinteren Nabe ein Motor mit kleinem Benzintank befindet.

Die Elektro-Bike-Fahrer bestaunen ein altes Benzin-Velo in der Oldtimer-Galerie in Toffen.
Die Elektro-Bike-Fahrer bestaunen ein altes Benzin-Velo in der Oldtimer-Galerie in Toffen.

Bald surren unsere Motoren wieder leise, wir radeln entspannt entlang des Flüsschens Gürbe, lassen Toffen und dann Belp hinter uns, gelangen wieder zur Belpmoos-Ebene und zum Flughafen. Gerade landet ein Flugzeug der hier ansässigen SkyWork-Airline. Die Maschine kommt aus Amsterdam zurück. Genauso wie wir mit unseren Velos bald wieder zurück in Bern sein werden, so enden auch die Ausflüge in die Fremde: Wie lange sie auch dauern und weit weg uns das Fernweh auch führt — unsere Reisen enden schliesslich immer wieder am gleichen Ort, nämlich zu Hause. «Schpick mi furt vo hie» ist nur die halbe Wahrheit: Wenn wir weggehen, sind wir jeweils lediglich auf einem Umweg nach Hause.

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Fabian Unternährer