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06. Februar 2017

Dem Änziloch-Spuk auf der Spur

Laura Larissa Röösli ist die Hauptfigur in Alice Schmids neuem Dokumentarfilm «Das Mädchen vom Änziloch». Darin versucht die 13-Jährige das Geheimnis der sagenumwobenen Schlucht zu ergründen. Für Laura war es die zweite Filmerfahrung.

Laura Röösli in ihrem Wonmobil
Das Wohnmobil auf dem Hof der Rööslis ist Lauras Rückzugsort und spielt auch im Film eine Rolle.

Es spukt im Änziloch. Da sind sich die Entlebucher einig. Wer in die 200 Meter tiefe Schlucht im Napfgebiet hinuntersteigt, müsse mit Seltsamem rechnen: Erwachsene etwa kämen mit einem geschwollenen Kopf zurück, Kinder mit Fieber. Pferde würden dort ohne ersichtlichen Grund bocken. Selbst gestandene Bauersleute aus der Umgebung machen einen grossen Bogen ums Änziloch. Kaum einer würde freiwillig hingehen.

Absturzgefahr: Die Felswand Stächeleggflue oberhalb des Änzilochs.
Absturzgefahr: Die Felswand Stächeleggflue oberhalb des Änzilochs.

Laura Larissa Röösli (13) hats trotzdem gewagt. Allerdings in Begleitung einer Filmcrew. Denn Laura ist die Protagonistin in Alice Schmids neuem Dokumentarfilm «Das Mädchen vom Änziloch», der am 9. Februar ins Kino kommt. Laura steht nicht zum ersten Mal vor der Kamera. Als Fünfjährige wirkte sie schon in Schmids Film «Die Kinder vom Napf» mit. «Sie war die Kleine mit der grossen Klappe», sagt Mutter Marlen Röösli (38) und lacht.

Der neue, sehr persönliche Film zeigt einen Sommer aus Lauras Leben: wie sie ihre Hasen und Ponys pflegt, mit den drei Brüdern auf dem Hof mithilft und zusammen mit einem Jungen, der zum Landdienst gekommen ist, das Geheimnis des Änzilochs zu ergründen versucht. Tagelang beobachtet Laura die Schlucht mit einem Feldstecher.

Am liebsten ein normales Leben

Laura hat mit der Zusage zum Film nicht gezögert. «Alice würde nie etwas ins Kino bringen, das für mich peinlich sein könnte», sagt sie. Sie sitzt am grossen runden Tisch in der gemütlichen Küche ihres Elternhauses in Romoos LU. Die Mutter serviert Kaffee, Hunde wuseln herum, Familienmitglieder kommen und gehen. Der Blick aus dem Fenster geht über die meterdick verschneiten Hügel und Tannen des Napfgebiets. Alles ist weiss, so weit das Auge reicht. Ein anderes Wohnhaus ist trotz Fernsicht nicht zu erblicken – Romoos ist mit knapp 700 Einwohnern auf 37 Quadratkilometern dünn besiedelt. Und die Rööslis leben auf 912 Metern, hoch über dem Dorf, eine Stunde Fussmarsch vom Änziloch entfernt. Gspänli trifft Laura nur in der Schule, unten im Tal.

Kein Tag, ohne dass Laura ihre geliebten Ponys und anderen Hoftiere besucht.
Kein Tag, ohne dass Laura ihre geliebten Ponys und anderen Hoftiere besucht.

«Schule, Aufgaben, Tests», fasst das Mädchen seinen Alltag zusammen. Frühmorgens wird sie von der Mutter ins Dorf chauffiert. Dann gehts mit dem Bus und zu Fuss in die Sek Wolhusen LU. Die Schultage verbringt Laura dort, die Abende und Wochenenden am liebsten zu Hause. Näht mit dem Grosi, begleitet den Grossätti bei der Arbeit auf dem Hof, strickt und bäckt mit der Mutter, guckt «Big Bang Theory».

Genau so will Laura leben, am liebsten für immer. Die Stadt, Shopping, Kino: sagt ihr alles nichts. An den Solothurner Filmtagen musste sie vor fast 1000 Leuten Fragen aus dem Publikum beantworten. «Das war aufregend», sagt Laura, «eigentlich hat es Spass gemacht. Aber ich war froh, als ich wieder von der Bühne herunterkonnte.» Schauspielerin ist nicht ihr Berufswunsch. Lieber würde sie Schneiderin werden oder Coiffeuse.

Geheimnisvolle Schlucht

Freundschaft und Vertrauen verbinden Alice Schmid (links) und Laura Röösli.
Freundschaft und Vertrauen verbinden Alice Schmid (links) und Laura Röösli.

Inzwischen ist Filmregisseurin Alice Schmid (65) gekommen, hat Laura herzlich umarmt, sich an den Tisch gesetzt. Hier ist Schmid mit ihrem Team im Sommer 2015 oft ein und aus gegangen. «An jedem Drehtag haben wir zuerst hier gefrühstückt», erzählt sie. Schmid kennt Romoos und die Sage ums Änziloch seit ihrer Jugend. Ein Vater soll einst seine ledige, schwangere Tochter in die Schlucht hinuntergestossen haben – seither irren dort angeblich allerlei unstete Geister von Verstorbenen umher.

Freundschaft und Vertrauen verbinden Alice Schmid (links) und Laura Röösli.

Schmid hat in New York studiert, in Zürich gelebt und Filme in Afrika, Asien und Südamerika gedreht. Doch selbst sie sagt: «Es ist etwas merkwürdig am Änziloch. Ich habe Respekt davor.» Die Dreharbeiten haben ihr das Unbehagen nicht genommen: «Als wir für den Film in die Schlucht hinunterstiegen, ist etwas Seltsames passiert.»

Laura macht grosse Augen und sagt zuerst nur: «Ui, ja.» Dann erzählt sie: Da unten stehe ein altes Haus mit einer Veranda mit einer Tür. «Ich habe die Tür einfach so geöffnet, aber gleich wieder geschlossen, weil ich mich erschrocken habe.» Ein paar Minuten später ging Laura mit Alice Schmid zurück, um gemeinsam mit ihr den unheimlichen Raum zu erkunden. «Da war die Tür zu», sagt Laura, «abgeschlossen.» Alle schweigen einen Moment. Marlen Röösli schenkt Kaffee nach. Im Änziloch, da spukt es.

«Das Mädchen vom Änziloch» wird im März mit dem Innerschweizer Filmpreis 2017 der Albert-Koechlin-Stiftung ausgezeichnet. Er war an den Solothurner Filmtagen für den Publikumspreis und am weltweit grössten Dokumentarfilmfestival in Amsterdam für drei Preise nominiert.

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Daniel Winkler