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18. Februar 2013

Dein Nachbar – dein Freund und Beschützer

Sie sind unbewaffnet und wollen ihr Dorf Grafstal sicherer machen, indem sie am Abend spazieren gehen. Ob das wirklich etwas nützt? Beweise gibt es keine. Dennoch würde die kleine Gemeinde zwischen Zürich und Winterthur nur ungern auf ihre Bürgerpatrouille verzichten.

Die Bürgerpatrouille kennt jede Treppe
Die Bürgerpatrouille kennt jede Treppe und jeden Schleichweg im 1400-Einwohner-Dorf Grafstal.

Lastwagen rauschen in der Ferne über die Autobahn. Vom dunklen Himmel fällt sanft, aber unaufhörlich Regen. Irgendwo schlägt eine Autotür zu, ein Mann trägt vier Pizzakartons über die Strasse, verschwindet im Hauseingang. Die Strassen im zürcherischen Grafstal sind menschenleer, es herrscht dörfliche Freitagabendstimmung. Nur drei Gestalten gehen seit knapp zehn Minuten durch das Dorf. Sie tragen orange Leuchtwesten, Taschenlampen, leuchten hie und da zwischen die Bäume, hinter eine dunkle Hausecke. Sie scheinen keiner bestimmten Route zu folgen, biegen immer wieder ab. Treppen hoch und schmale Gehwege entlang, die zwischen modernen Einfamilienhäusern hindurchführen.

Sie spazieren nicht, sie patrouillieren
Es ist kein gewöhnlicher Spaziergang, den Rudolf Kläusli (58) und das Ehepaar Monika (42) und Thomas Morf (45) an diesem Abend machen. Sie spazieren nicht, sie patrouillieren. Sie sind drei von insgesamt 38 Dorfbewohnern, die dem freiwilligen Patrouillendienst in Grafstal angehören. Als Ruedi, Moni und Töme stellen sie sich vor. Ein kaufmännischer Angestellter, eine Familienfrau und Sachbearbeiterin sowie ein SBB-Monteur. «Und Kiara, sie ist sechs Jahre alt», sagt Moni und streichelt der schwarzen Flat-Coated-Retriever-Hündin über den Kopf.
Schnell wird klar: Das Grüppchen kennt sich bestens. Während die drei einen Meter um den anderen zurücklegen, plaudern sie angeregt, machen Scherze. Sie wohnen in der gleichen Strasse, verbringen auch ausserhalb der Abendpatrouillen Zeit miteinander. Ruedi sei quasi der Grosspapi ihrer beiden Söhne, erzählt Moni Morf lachend.

Rudolf Kläusli
«Unsere Aufgabe ist, Präsenz zu markieren und zu beobachten», hält Rudolf Kläusli fest.

«90 Prozent der Einbrüche geschehen in der Dämmerung», weiss Ruedi Kläusli. Das hat er an der Versammlung gelernt, welche die Gemeinde jedes Jahr veranstaltet. Letztes Mal habe ein Vertreter der Kantonspolizei Zürich Kriminalitätsstatistiken präsentiert. Und da hiess es eben: 90 Prozent. Ruedi Kläusli trägt auf dem Kopf einen breitkrempigen, schwarzen Cowboyhut, den er am letzten Countryfestival gekauft hat. Er weiss, dass in Amerika ganze Siedlungen eingezäunt sind, darob kann er aber nur den Kopf schütteln. Man könne es auch übertreiben mit den Sicherheitsvorkehrungen.

Unsere Aufgabe ist, Präsenz zu markieren und zu beobachten.

Ruedi Kläusli weiss, dass er keinen der Einbrüche verhindern kann, obwohl die Patrouille meistens beim Eindunkeln durchs Dorf geht. «Unsere Aufgabe ist es, Präsenz zu markieren, zu beobachten und Auffälligkeiten zu melden», erklärt er. Selber einzugreifen, davon sei ihnen ausdrücklich abgeraten worden. Haften tun Ruedi Kläusli, Moni und Töme Morf selber. Darum ist das Interesse bei allen dreien auch nicht besonders hoch, einen Einbrecher auf eigene Faust dingfest zu machen.
Auf der Homepage des Patrouillendienstes Graftal steht unter Punkt Nr. 9, Intervention/Meldepflicht: «Auffällige, fremde Personen sind anzusprechen und nach ihren Bedürfnissen zu fragen. Verdächtige Autos sind mit Marke, Farbe und Autonummern zu notieren und zwecks Überprüfung der Polizei zu melden.»

Monika Morf und Rudolf Kläusli beobachten aufmerksam die Nachbarschaft
Monika Morf und Rudolf Kläusli beobachten aufmerksam die Nachbarschaft. Einen Einbrecher schnappen wollen sie aber nicht...

Aussergewöhnliche Vorfälle hat es in all den Jahren nicht gegeben
Ruedi, Moni und Töme müssen einige Sekunden lang überlegen, wenn man sie fragt, ob sie in ihrer langjährigen Patrouillenlaufbahn aussergewöhnliche Vorfälle erlebt haben. «Nein, eigentlich nicht.» Was öfters vorkomme, sei, dass sie die Bewohner informierten, wenn irgendwo eine Tür offensteht oder das Licht noch brennt. «Es ist doch jeder froh, wenn er solche Unterstützung erhält», sagt Töme Morf. Seit dem Jahr 2000 gibt es in Grafstal, das zur politischen Gemeinde Lindau gehört, einen Patrouillendienst. Dasselbe gilt für Lindau selbst sowie für die anderen Ortsteile Winterberg und Tagelswangen. Laut Manuela Fehr, Leiterin der Abteilung Sicherheit der Gemeinde Lindau, ist die Idee, Bürger und Bürgerinnen in der Nacht auf Patrouille zu schicken, in der Gemeinde 1998 zum ersten Mal aufgekommen. Damals habe es vermehrt Einbrüche gegeben. Zwei Jahre später veranstaltete die Gemeinde einen Infoabend. Heute liegt die Verantwortung für die Koordination der Abendeinsätze bei vier Hauptverantwortlichen, die in je einem der Ortsteile wohnen.

Die Gemeinde ist froh um die Hilfe der Bürgerpatrouille
Da es sich um ausdrückliche Freiwilligenarbeit handelt, ist der Dienst formal-juristisch weder bei der Gemeinde noch bei der Polizei angegliedert. Trotzdem: 10'000 Franken budgetiere die Gemeinde Lindau jährlich, um allen Freiwilligen einmal im Jahr ein Essen als Dankeschön zu offerieren, sagt Manuela Fehr. Bei der Gemeindeverwaltung ist man froh um die Hilfe der Bürger und Bürgerinnen. Die Idee sei, dass sich die Patrouillierenden wie aufmerksame Nachbarn verhalten. Und so für die Dorfgemeinschaft einstehen. Manuela Fehr ist überzeugt, dass sich die Einwohner sicherer fühlen, wenn die Freiwilligen patrouillieren. Das könne man zwar schlecht messen, aber «als Gemeindepolitiker ist man stets in Kontakt mit den Bürgern und erhält viele Rückmeldungen.» Sicherheit, so Fehr, sei ein Stück weit Lebensqualität. Und immerhin sind die Kriminalitätsstatistiken der Gemeinde in den letzten Jahren relativ stabil geblieben.

Die Patrouille war eine ideale Gelegenheit, um uns im Dorf einzuleben.

Der Lichtkegel der Taschenlampe streift Regenwürmer, die wie betäubt auf dem nassen Asphalt liegen. Eine Frau kommt mit ihren zwei kleinen Töchtern der Patrouille entgegen. Sie bleibt kurz stehen, schwatzt mit den drei, man scheint sich zu kennen. Hinter den beleuchteten Häuserfenstern sitzen Familien vor dem Fernseher. Ein einzelner Bewohner schaut neugierig hinaus. Als er die orangen Leuchtwesten erkennt, scheint er beruhigt zu sein und wendet sich wieder seinem Computer zu. Es regnet unaufhörlich, doch Ruedi, Moni und Töme sind warm angezogen. Sie bleiben immer wieder mal stehen:
«Hey Moni!»
«Was?»
«Schau, die haben ein neuesChüngeli-Gehege!»
«Ah ja, sieh an!»
«Sieht gut aus, oder?»
«Ja, sehr cool, ist schöner als unseres!»

Thomas Morf
«Die Patrouille war eine ideale Gelegenheit, um uns im Dorf einzuleben», sagt Thomas Morf.

Wer so wie Morfs ein- bis zweimal im Monat auf Patrouille geht, weiss, wer gerade einen neuen Gartengrill angeschafft hat, wer ein neues Auto fährt oder die Weihnachtsdekoration noch nicht abgehängt hat. «Manchmal», erzählt Moni Morf, «schreiben uns Bewohner ein Briefchen, sie seien in den Ferien, und bitten uns, bei ihrem Haus vorbeizuschauen.»
Im Sommer, so Moni Morf, schwatze man viel mit den Grafstalern, oft werde man auch auf ein kühles Bier in die Vorgärten eingeladen.

Gross ist das Dorf nicht. Lediglich schnell gewachsen ist es in den letzten sechs Jahren. 1099 Einwohner zählte es 2006. Heute sind es rund 1422. «Es wurden viele neue Häuser gebaut, viele Neuzuzüger kennen wir gar nicht», sagt Töme Morf. «Als wir nach Grafstal kamen, war die Bürgerpatrouille eine ideale Gelegenheit, um rasch Leute kennenzulernen und uns im Dorf einzuleben.»
Es wäre schön, sagt Töme Morf, wenn die Neuen sich auch beim Patrouillendienst engagieren würden.

Den Erfolg der Patrouillen kann man nicht an Zahlen festmachen
Laut Werner Benz, Chef der Kommunikationsabteilung der Kantonspolizei Zürich, kann man den Erfolg der Patrouillen nicht an Zahlen festmachen. Dennoch könne eine Bürgerpatrouille das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung positiv beeinflussen. «Wichtig ist aber, dass die Mitglieder solcher Bürgerpatrouillen über keinerlei polizeiliche Befugnisse verfügen.» Ihre Aufgabe sei lediglich das Beobachten und Melden von verdächtigen Vorfällen.

Monika Morf
«Ich fühle mich in Grafstal sehr sicher», meint Monika Morf.

«Ich wohne sehr gerne in Grafstal und fühle mich sehr sicher hier», hält Moni Morf fest. Ihr Mann und Ruedi Kläusli pflichten ihr bei. Dass es in der Nachbarsgemeinde Kemptthal am Bahnhof ein Durchgangsheim für Asyl­bewerber hat, störe sie nicht, sagen die drei. Sie halten nichts von Vorurteilen. «Ich hatte noch nie ein Problem mit den Bewohnern», so Moni. Ruedi und Töme nicken einstimmig. Sie verstehe aber, wenn gewisse Leute Angst hätten, nachts zum Kemptthaler Bahnhof zu gehen. «Es ist halt immer eine Frage des Auftretens», weiss Moni Morf. Zusammen mit ihrem Mann war sie vor Jahren in einem Selbstverteidigungskurs. Seither wissen die beiden: Aufrechte Körperhaltung, sicherer Schritt, so signalisiert man Selbstbewusstsein.

Ich fühle mich in Grafstal sehr sicher.

Seit 90 Minuten sind die drei nun unterwegs. Es ist Zeit für einen kleinen Zwischenhalt im Restaurant Frieden: zwei Stangen, ein Zwetschgen-Lutz.
Bier und Schnaps gegen Einbrecher? Ruedi Kläusli lacht. «Wir sind völlig frei in der Gestaltung unserer Patrouillen, schliesslich machen wir das alles freiwillig.» Meistens aber würden sie darauf achten, dass sie mindestens zwei Stunden im Dorf unterwegs sind. Und so brechen die drei, nachdem die Gläser geleert sind, auch wieder auf, um die restlichen 30 Minuten Fussmarsch hinter sich zu bringen. Schliesslich wartet daheim die warme Stube, ein spannender Film oder ein gutes Buch. Und da sind sich alle drei einig: Es darf gerne ein Krimi sein!

Autor: Nathalie Bursać