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15. Juli 2013

Defekte Reissverschlüsse: Zahnärztin der besonderen Art

Dicke 12er, Metall, Pink, Riri oder Rea: Mit Reissverschlüssen kennt sich Luise Bisig aus wie keine Zweite. In ihrem Atelier repariert oder ersetzt sie defekte Zähne und Schlitten – und macht damit ihre Kunden glücklich.

Luise Bisig
Für viele Kunden ist sie ein Engel. Kein Wunder: Eine Reissverschlussreparatur kostet bei Luise Bisig meist nur acht Franken.
Mit Kaugummi verklebt
Mit Kaugummi verklebt.

TYPISCHE REISSVERSCHLUSSPROBLEME
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Mit Kaumgummi zugeklebt? Lasche abgerissen? Acht Reparatur-Tipps der Expertin Luise Bisig für defekte Reissverschlüsse. Zum Artikel

Den Montagmorgen hat sie am liebsten. «Meine Kunden sind dann gut gelaunt, weil ich ihnen helfen konnte», sagt Luise Bisig (58). «Manche nennen mich einen Engel. Damit ist meine Woche schon gerettet.»

Louise Bisig mit ein paar ihrer Problem-Reissverschüsse
Louise Bisig mit ein paar ihrer Problem-Reissverschüsse im Garten.

Immer am Montagmorgen und am Donnerstagabend öffnet Luise Bisig ihr winziges Reissverschlussatelier, das sie im Entrée ihres Hauses in Siebnen SZ eingerichtet hat. Hier nimmt sie Textilien mit defekten Reissverschlüssen entgegen, die meisten repariert sie auf der Stelle. «Das geht ganz schnell», sagt Bisig, zückt eine Zange und öffnet eine Schublade mit Dutzenden von Reissverschlussteilen in verschiedenen Farben, Materialien und Grössen. Es ist eng im Atelier. Eine monströse, wunderschöne, etwa 100-jährige Registrierkasse nimmt fast die Hälfte der Arbeitsfläche ein. Doch Bisig braucht nicht viel Platz. Im Stehen und mit wenigen Handgriffen repariert sie einen Reissverschluss. Denn ob Duvetbezug, Rucksack, Hose oder Jacke: Meist muss der sogenannte Schieber, auch Schlitten genannt, ersetzt werden — jener Teil des Reissverschlusses, der an den beiden bezahnten Teilen entlanggezogen wird. Kostenpunkt: Immer acht Franken, mit wenigen Ausnahmen. Einen neuen Reissverschluss einnähen hingegen kann schnell 60 Franken kosten.

Nach den Ferien häufen sich die Reparaturen billiger Handtaschen

Aber wer lässt in Zeiten von Billigläden und Wegwerfkultur überhaupt noch einen Reissverschluss flicken? Bisig zählt auf: «Frauen, die ihr Lieblingskleid auf keinen Fall missen möchten. Bauern, die ihren geliebten Faserpelz nicht ersetzen wollen. Oder Familien mit Kindern, welche die Kleider ihrer älteren Geschwister austragen.» Im Frühling gelangen oft Töffcombis zu ihr, im Winter Stiefel. Sie reparierte schon Trampolinteile und Zelte, und einmal gar einen Gleitschirmrucksack. Nach den Sommerferien werden ihr viele billige Handtaschen gebracht: im Ausland gekauft und, kaum zu Hause, schon defekt — der Reissverschluss natürlich. Jemand karrte einmal einen ganzen Kinderwagen vor die Tür des Ateliers, der Reissverschluss am Verdeck war kaputt. Macht acht Franken. Kein Wunder, dass solche Kunden das Atelier glücklich wieder verlassen.

Zangen, Schubladen voller Schieber und eine alte Kasse:
Ein paar Zangen, Schubladen voller Schieber und eine alte Kasse: Mehr braucht Luise Bisig nicht, um Reissverschlüsse zu flicken.

Und dies wiederum macht Luise Bisig glücklich. Mit dem Miniatelier hat sie sich vor drei Jahren einen Kindheitstraum erfüllt. «Schon als kleines Mädchen konnte ich endlos an Reissverschlüssen herumnesteln», sagt Bisig. «Stundenlang habe ich mit einem Zängli die Zähnli gerichtet.» Dazu kommt eine tiefe Abneigung gegen das Wegwerfen von Gegenständen, die noch irgendwie verwendbar sind. «Wenn ich etwas Altes, Gebrauchtes sehe, weiss ich sofort, was ich damit anstellen würde», erklärt Bisig. Um Brockenhäuser, fügt sie mit bedeutungsvollem Blick an, mache sie deshalb besser einen grossen Bogen. Ein Rundgang durch ihre Stube und man weiss, was sie meint: Das Sofa war früher eine Badewanne, das dekorierte Apfelbaumskelett eine lebendige Pflanze. An der Wand hängt eine ausgediente Leiter über dem Fernseher und verbirgt den ganzen dazugehörenden Kabelsalat. Und das ist erst die Stube. Die Leiter und den Baum, erklärt Bisig, habe sie ihrem Mann Martin (49) abgeluchst. Der ist Greenkeeper auf einem Golfplatz und Herr über eine weitläufige Obstanlage. Bei der Ernte von Äpfeln, Birnen und Kirschen hilft Luise ihm. Er wiederum trägt Softshell-Gilets mit dem Logo des Reissverschlussateliers und hat stets ihre Visitenkarten dabei, die er so oft wie möglich verteilt.

Der Mann, der die Hosen während der Reparatur anbehalten wollte

Luise und Martin haben am 11.11.11 geheiratet, und kurz nach der Hochzeit trat in Luise Bisigs Atelier ein interessantes Phänomen auf: «Auf einmal kamen meine Kunden ehepaarweise», erzählt sie und grinst. «Zu zweit trugen sie etwa ein Jäcklein oder eine Handtasche mit defektem Reissverschluss zu mir.» Nach der ersten Verwunderung wurde ihr klar: Die Paare, alles Bekannte von Martin Bisig, wollten einen Blick auf seine «Neue» werfen. Auch andere soziale Bedürfnisse werden in Bisigs Atelier erfüllt. «Manchmal treffen sich in der Warteschlange Nachbarn oder alte Bekannte», erzählt Bisig. Bis zu sechs Kunden warten jeweils im Vorgarten mit ihren Reissverschlüssen, «dann schwatzen sie und lachen, und die Wartezeit vergeht im Flug.»

Allerdings findet Luise Bisig nicht alles amüsant, was sich in ihrem Atelier zuträgt. Manchmal kommen die Leute ausserhalb der Öffnungszeiten und legen das Reparaturgut frech in den Milchkasten, ohne Erklärung oder Kommentar. Abholen möchten sie es dann dafür am Wochenende. Ein Mann glaubte einst, Bisig würde den Reisverschluss seiner Hose reparieren, während er das Teil anhätte. Da war er bei der resoluten Dame an der falschen Adresse.

Dennoch: Luise Bisig hat ihren Traumjob gefunden. Zwar wäre sie gern Innendekorateurin geworden, Handarbeitslehrerin oder Floristin. Das klappte nicht. Umso glücklicher ist sie, ihr kreatives Potenzial heute mit den Reissverschlüssen auszuleben.

Reich werde sie damit nicht, räumt Bisig ein. Aber alle Trinkgelder zusammengerechnet reichen, um sich einmal im Jahr etwas Schönes zu leisten — etwa eine wohltuende Massage für sich und ihren Mann, wenn sie für eine Woche mit ihm in die Ferien verreise. Luise und Martin sind in zweiter Ehe verheiratet und sehr glücklich. Beide brachten Kinder mit in die Ehe, zusammen haben sie fünf Enkel. Martin ist für alle der geliebte «Bäbä», egal ob leibliche Enkel oder nicht. So haben sich die Leben der beiden ineinandergefügt wie die Teile eines Reissverschlusses. Ohne Defekt.

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Salvatore Vinci