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24. Juni 2013

David Dings, ääh …

Götti Nils hat es getan: Er hat Anna Luna ein Dänemark-Leibchen geschenkt. Seit beinahe 15 Jahren sprach er davon, zwinkernd stets — nun, zur Konfirmation, hat er ihr das Trikot des dänischen Fussballnationalteams, für das er fant, tatsächlich überreicht. Längst war es ein Running Gag zwischen den beiden. Er fragte: «Was möchtest du zu Weihnachten? Ausser natürlich dem Dänkemark-Shirt, das bekommst du sowieso …» Oder sie sagte: «Gell, Götti, heuer gibts bestimmt den Dänen-Dress zum Geburtstag!» Und beide wussten, dass es nur ein Scherz war.

Dänemark-Trickot
«Götti Nils hat es getan.»

Als Götti muss man lernen, den Beschenkten nicht Dinge aufzwingen zu wollen, die einem selber gefallen. Man muss, im Gegenteil, zuweilen Sachen schenken, die einem missfallen; das Patenkindeswohl geht vor. Mein inzwischen erwachsener Göttibub zum Beispiel — ein so wunderbarer Göttibub er auch war — stellte mich auf manche Probe. Etwa alle zwei, drei Jahre wünschte er sich ein neues Leibchen des Schlittschuhclubs Bern. Ich musste sehr tapfer sein, und das war noch vor der Zeit, da man so was locker im Internet bestellen konnte. Nein, ich musste in den Vaucher Sport schreiten und es aussprechen: «Grüessech, ich hätte gern ein … Also, ‹gern› — ich brauche es einfach: ein SCB-Trikot.» Harte Prüfung für einen, der seit Kindsbeinen für den Kantonsrivalen Langnau schwärmt, glauben Sie mir. Aber mir war bewusst, dass ich den Buben nicht bekehren konnte: Er wohnte gleich neben der Berner Allmend, ging dort Hockey spielen, und manchmal gesellte sich der finnische Star «Rexi» Ruotsalainen zu den Kleinen. Klar, war der Junge SCB-Fan. Doch es kam schlimmer. Er wünschte sich Musik, bei der man heute ausrufen würde: «Ich bitte dich! Den Chabis kannst du dir selber runterladen!» Aber, nein, ich musste mich in den Krompholz bemühen und stammeln: «Sie! Ich hätte gern …» Pause. «Also, es ist für ein Kind, wissen Sie! David Dings, ääh …» – «Hasselhoff?», fragte die Verkäuferin. Sie lächelte bitter und schien heimlich mit mir zu leiden. Und wie gern hätte ich ihm, als er sich Status Quo wünschte, gesagt, dieses britische Bluesrockgedudel sei doch nur ein Abklatsch, wie gern hätte ich ihn in die Geheimnisse des wahren Blues eingeweiht! Aber ein Götti darf das nicht.

Götti Nils hat es getan.

Er war schon 18 und dem Alter entwachsen, da man von einem Götti gross beschenkt wird, als er sich mal — und ich deutete es als Belohnung für meine jahrelange Zurückhaltung — beiläufig erkundigte: «Götti, du chunnsch doch druus bim Blues …» Ob ich ihm nicht vielleicht eine Blues-CD … Ich: «Eine?! Eine einzige?» Er hat von mir dann, gewissermassen als Einstiegsset, die paar wichtigsten Alben erhalten: «Hoodoo Man Blues» von Buddy Guy und Junior Wells, Albert Kings «Born Under a Bad Sign», «Muddy Waters at Newport 1960», «B. B. King Live at the Regal», dazu Memphis Minnie, Roscoe Gordon … Aber so genau wollten Sie es vermutlich nicht wissen. Jedenfalls warens, glaub ich, zehn CDs.

Eben, die Konf. Weil sie mal eine Schulklasse übersprang, wurde Anna Luna nun ein Jahr zu früh konfirmiert. Und bekam von Götti Nils das Dänemark-Shirt. Nicht nur das, gewiss; es war nur eine ironische Dreingabe. Aber wissen Sie, was? Sie hat sich sehr gefreut und es gleich am ersten Tag angezogen. Schade, eigentlich, dass den Dänen die Qualifikation für die WM diesmal nicht gelingen will.

Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli