Archiv
08. Mai 2017

David Bosshart über die wachsende Polarisierung

Die politische Polarisierung und das Risiko für Konflikte nehmen weltweit zu. Dennoch macht sich der Trendforscher keine Sorgen um die Schweiz. Ein Gespräch mit dem Leiter des Gottlieb-Duttweiler-Instituts über die Macht der Gefühle, die Rolle der «Fake News» und starke Männer mit einfachen Lösungen.

David Bosshart
«Ein paar Idioten können unsere Grundwerte nicht über den Haufen werfen», sagt David Bosshart, Leiter des Think Tanks Gottlieb-Duttweiler-Institut.

David Bosshart, die westliche Welt hat sich polarisiert in Abschotter und Weltoffene, was zu viel knappen Wahlergebnissen führt. Jeweils eine Seite fühlt sich betrogen und sieht den Weltuntergang nahen. Wird sich das wieder beruhigen?

Ausdrücke wie «Abschotter» und «Welt­offene» zeigen nur unsere Überforderung – es sind Versuche, eine neue Welt mit alten und noch dazu polemischen Begriffen zu beschreiben. Sie befriedigen kurzfristige emotionale Bedürfnisse, erklären aber nichts. Vielmehr werden Feindbilder zelebriert. Klar ist: Wir stecken derzeit mitten in einem starken gesellschaftlichen und kulturellen Umbruch, und noch zeichnet sich nicht ab, wohin er führen wird.

Wie würden Sie denn die Polarisierten beschreiben?

Die sogenannten Abschotter sind eher lokal verwurzelt, wollen ihre konkreten Probleme lösen und stehen den globalen skeptisch bis ablehnend gegenüber. Die sogenannten Weltoffenen glauben eher an Modelle, an abstrakte Ideen, die nicht an bestimmte Orte gebunden sind. Durch die Polarisierung wächst das gegenseitige Unverständnis.

Wie kam es dazu?

Drei Ereignisse der letzten Jahre sind noch nicht verdaut: 9/11 – Terror im Namen von Religion ist heute eine fast alltägliche ­Realität. Chinas Eintritt in die Welthandelsorganisation 2002 hat sich stark auf die Wirtschaft der westlichen Welt und das Selbstbewusstsein der Nationen ausgewirkt. Und die Finanzmarktkrise von 2007/2008 hat gezeigt, dass wir nicht in der Lage sind, komplexe Risiken in den Griff zu bekommen. Hinzu kommt die Digitalisierung, die die Arbeitswelt in naher Zukunft stark verändern wird. Dieser Cocktail führt zu einer grossen Verunsicherung und der beobachteten Polarisierung. Befeuert wird das von Politik und Medien, die beide ein Interesse daran haben, den Konflikt zu schüren. Aber in der Schweiz ist die Lage noch vergleichsweise komfortabel. In Frankreich, Grossbritannien oder den USA ist der Konflikt schärfer.

Verletzlichkeit und Gleichgültigkeit nehmen auch bei uns zu.

Liegt das daran, dass die politische Mitte hierzulande noch relativ intakt ist?

Genau, hinzu kommt unsere Kleinheit und Überschaubarkeit. Aber Verletzlichkeit und Gleichgültigkeit nehmen auch bei uns zu. Wegschauen ist kurzfristig immer billiger. Zudem bieten politische Parteien heute keine Orientierung mehr. In den 1980er-Jahren war man noch stolz, zum Freisinn zu gehören, heute ist die Identifikation viel weniger eng: Man wählt mal diese, mal jene Partei. Auch die Orientierung durch das Christentum ist kraftlos geworden. Ideologische und fundamentalistische Minderheiten erfahren in Europa wenig Widerstand.

Die Polarisierung führt dazu, dass das Vertrauen in Fakten zunehmend verloren geht. Jeder bewegt sich in einer Informationsblase, die seinem Weltbild entspricht, alles andere ist «Fake News».

Das wird masslos überbewertet. Politiker haben immer gelogen, wenn sie das Volk überzeugen wollten, auch wenn es häufig diplomatisch zurechtgebogene Lügen waren. Die Medien haben immer übertrieben, um Aufmerksamkeit zu generieren und Auflage zu steigern. Heute muss man aufgrund der Transparenz davon ausgehen, dass die Lügen aufgedeckt werden. In einigen Jahren ist dieses Thema überwunden.

Aber das Misstrauen gegenüber Staat, Institutionen und der «Elite» ist doch riesig.

Weil die Ansprüche bei uns im Westen hoch sind und wir dank der zunehmenden Transparenz vergleichen können – mit dem Nachbarn, den CEOs von Firmen, mit Politikern, die Dinge versprechen, die sie nicht einhalten. Man fühlt sich unfair behandelt. Hinzu kommt, dass bis vor Kurzem sichere Gewissheiten wie eine Arbeitsstelle auf Lebenszeit und eine Rente, die ein Altern in Würde erlaubt, plötzlich bedroht scheinen. Das erschüttert das Vertrauen in Institutionen.

Das Risiko steigt, dass es Phasen geben könnte, die unangenehm werden.

Was heisst das für unsere Gesellschaft?

Noch sind die politischen Systeme im Westen relativ robust. Aber das Risiko steigt, dass es Phasen geben könnte, die unangenehm werden. Für die Schweiz bin ich jedoch auch in diesem Punkt zuversichtlich. Wir haben kurze Entscheidungswege, grosse Mitbestimmungsrechte, sind nicht zentralistisch, zudem wirtschaftlich divers und nicht so stromlinienförmig wie andere Länder, die Integration von Migranten funktioniert besser als bei unseren Nachbarn. Aus all diesen Gründen ist das Grundvertrauen in die Institutionen noch intakt. Mein Kollege Parag Khanna, der Ende Mai im GDI referieren wird, schreibt sogar, die Schweiz und Singapur seien die Modelle für die künftig Welt. Beide sind klein, gut organisiert, wirtschaftlich erfolgreich, lösungsorientiert – wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise.

Sieht man nicht in den USA, wohin die Polarisierung führen kann? Ein politisch fast völlig blockiertes System, das nicht mehr in der Lage ist, sich auf Lösungen für Probleme zu einigen?

Das politische System der USA ist komplett veraltet, ein Präsidentschaftskandidat verbringt fast zwei Drittel seiner Zeit damit, Geld zu sammeln. Zudem ist das Land extrem fragmentiert: Es gibt immer mehr und immer kleinere Interessengruppen, so dass es kaum noch möglich ist, Mehrheiten für irgendetwas zusammenzubringen. Die Politik besteht aus nichts als Taktieren und dem krampfhaften Suchen nach Mehrheiten, die sofort wieder auseinanderbrechen. Auch Frankreich, Grossbritannien und andere europäische Länder sind nicht besser dran. In Holland traten knapp 30 Parteien zur Wahl an, die grosse Mehrheit der Medienberichte hingegen drehte sich um Geert Wilders, völlig absurd.

Politiker brauchen heute emotionale Kompetenz, um zu überzeugen, sagt David Bosshart.

Oft geht es um Fakten gegen Gefühle – und in der Regel gewinnen die Politiker, denen es gelingt, die Gefühle besser anzusprechen. Kann man das lernen?

Man kann vieles lernen, aber man muss glaubwürdig sein, wenn man vor Menschen auftritt und ihnen etwas vermitteln will. Technokraten kommen dabei weniger gut an als Menschen mit hoher emotionaler Kompetenz. Es ist eine Illusion zu glauben, in der Politik gehe es vor allem um Fakten und Statistiken, die Leute wollen wissen, was konkret mit ihnen passiert – umso mehr, wenn sie verunsichert sind.

Donald Trump hat dieses Talent, die ­Gefühle der Menschen anzusprechen – so sehr, dass seine Fans seine vielen sonstigen Schwächen grosszügig übersehen. Ist er ein «Betriebsunfall» der Geschichte, oder ist er der Politiker der Zukunft?

Er hat trotz seiner Lügen eine hohe Glaubwürdigkeit, weil er so authentisch herüberkommt: Er ist unberechenbar, spontan, chaotisch. Das kommt bei vielen Leuten gut an. Als Regierungschef ist er ganz klar eine Novität – auch was seine Kommunikation betrifft. Kumuliert hat er rund 100 Millionen Follower auf Twitter, Facebook und Instagram, erreicht also seine Anhänger problemlos an den etablierten Medien vorbei.

Auf der anderen Seite steht die sehr rationale, selten emotionale Angela Merkel, die trotz langer Zeit im Amt noch immer sehr populär ist. Wie kommts?

Merkel hat in ihrer Partei alle Rivalen aus dem Weg geräumt, und auch in den anderen Parteien sind keine echten Alternativen in Sicht. Dazu kommt: Sie ist eine Frau, aus der DDR, hat die Partei geschickt in die linke Mitte geführt und mehrmals clever ihre Haltung geändert, wenn sie realisierte, dass die Stimmung im Volk dreht. Sie ist die perfekte Kalkulation der Machterhaltung.

Es ist eine rationale Illusion zu glauben, man könne Fakten je vollständig aus dem emotionalen Kontext lösen.

Gibt es einen Weg zurück zu allgemein akzeptierten Fakten und zur Rationalität?

Es ist gerade in der Politik eine rationale Illusion zu glauben, man könne Fakten je vollständig aus dem emotionalen Kontext lösen. Wie etwa US-Präsidenten bewertet werden, hängt überwiegend von den Zeitumständen des Betrachters ab. Schon Barack Obama wird heute mit den gleichen so genannten Fakten einmal als hervorragender Präsident und einmal als totaler Versager dargestellt.

Das Misstrauen hat sich auch auf Experten und Wissenschaftler ausgedehnt, wie ist das passiert?

Das stillschweigenden Vertrauen ist aus verschiedenen Gründen angeschlagen: Trotz all der klugen Leute gibt es kaum mehr Wirtschaftswachstum, das bei den Menschen ankommt, dafür immer mehr Regulierung und Bürokratie, die das Leben vor allem auch der kleineren und mittleren Unternehmen erschweren. Zudem waren die Prognosen der Wirtschaftsexperten fast immer falsch, auch bezüglich des Brexit oder bei der Risikoeinschätzung vor dem Crash von 2007/08.

Wir haben zu hohe Erwartungen – werden sie nicht erfüllt, wenden wir uns aus Bequemlichkeit den Extremen zu, die Abhilfe versprechen.

Haben sich die Experten auch deshalb entwertet, weil man zu jedem Thema jemanden mit Doktortitel findet, der im Brustton der Überzeugung jede nur erdenkliche Sicht der Dinge verkündet?

Wissenschaft ist nun mal eine spezielle Art, die Welt zu beschreiben. Dank rational überprüfbarer Methode ist sie eine unerlässliche Hilfe, zu neuen Erkenntnissen zu kommen und kritisch über Dinge nachzudenken. Dabei hat Wissenschaft jedoch nie einen Wahrheitsanspruch, sondern bestenfalls einen temporären Evidenzanspruch. Sonst würde sie sich im Bereich der Ideologien und Religionen bewegen. Wir haben zu hohe und zu schnelle Erwartungen – werden sie nicht erfüllt, wenden wir uns aus Bequemlichkeit leicht den Extremen zu, die Abhilfe versprechen.

Trotz enormer weltweiter Probleme beschäftigt sich der urbane Westen mit Themen wie mehr Rechten für Transmenschen oder bessere Bedingungen für Veganer und Glutenempfindliche. Laufen wir Gefahr, uns auf Nebenschauplätzen zu verzetteln?

Das ist einer der Gründe, warum die Demokraten in den USA nicht gewonnen haben. Die kulturelle Linke möchte die Menschen mit Themen beglücken, von denen viele gar keine Ahnung haben, dass es für sie Probleme sein könnten. Sie müsste sich wieder um Probleme kümmern, mit denen eine Mehrheit der Menschen konfrontiert ist – etwa Jobsicherheit. Dann wird sie auch wieder gewählt.

Derzeit bieten lauter starke Männer mit autoritären Tendenzen erfolgreich ihre «Lösungen» an. Und gewinnen damit Wahlen und Abstimmungen.

Russland hat schon immer anders getickt als der Westen. Und auch in Staaten wie der Türkei, China oder Ungarn gibts viele innenpolitische Probleme, von denen abgelenkt werden muss, in dem man anderen Ländern die Schuld gibt. Die bange Frage ist: Was kommt nach diesen starken Männern, nach Putin oder Erdogan? Für die westlichen Demokratien bin ich aber grundsätzlich optimistisch: Trump wurde ja bereits recht effektiv ausgebremst bei seinen etwas unkonventionelleren Plänen.

Die Elite hält zusammen und privilegiert sich gegenseitig.

Wie die starken Männer kümmern sich Politiker oft vor allem um die eigene Klientel, die «Elite», der Rest bekommt nichts ab von den Profiten der Globalisierung und Digitalisierung. Braucht es eine effektivere finanzielle Umverteilung?

Wie wollen Sie das umsetzen? Die «Elite» ist beruflich bestens ausgebildet, optimiert ihre persönlichen Interessen und nutzt ihre Privilegien. Höheren Steuern kann sie meist problemlos ausweichen, denn sie kann überall arbeiten und somit jederzeit auch wieder gehen – das gilt für Menschen genauso wie für Unternehmen. Sie gehören nicht mehr zu einer Nation, sondern sind quasi stammesmässig organisiert, etwa in global operierenden Alumni Clubs von Top Schulen. Die halten zusammen und privilegieren sich gegenseitig. Und ein grosser Teil dieser Elite kann es sich leisten, gleichgültig und gelassen zu sein, sie wird von der aktuellen Unruhe kaum tangiert.

Wer nicht zu einem solchen «Stamm» gehört, sich nicht gut genug vernetzt, hat Pech gehabt?

Ja, aber das gilt vor allem für Länder mit schwachen Strukturen und Institutionen. Korrupt und kompetent mag bis zu einem gewissen Grad noch durchgehen, aber korrupt und inkompetent ist eine Katastrophe.

Haben Internet und Social Media die Polarisierung verstärkt oder nur besser wahrnehmbar gemacht?

Vor allem Letzteres. Die Themen, die unterschwellig immer schon da waren, kommen nun ans Licht. Und für Leute, die Sündenböcke oder Feindbilder suchen, ist Social Media natürlich fantastisch. Die Debatte wurde dadurch ganz klar enthemmt, Donald Trump ist das beste Beispiel dafür. Gleichzeitig erleichtert es, das wahre Gesicht von Leuten zu erkennen. In gewisser Weise führt es uns wieder stärker an unsere animalische Natur, schliesslich teilen wir 98,5 Prozent unsere Genmaterials mit den Schimpansen.

Die Schockeffekte schleifen sich ab, die Wirkung lässt wegen der Gewöhnung nach.

Braucht es klarere Grenzen, so wie Deutschland sie jetzt gesetzt hat, indem es Unternehmen unter Strafandrohung verpflichtet, Hassbeiträge online zu entfernen?

Das ist meines Erachtens der falsche Weg. Das führt nur zu einer Moralisierung der Diskussion und letztlich zum Gegenteil des Angestrebten. Ich glaube, das wird sich von allein wieder einspielen: Die Schockeffekte schleifen sich ab, die Wirkung lässt wegen der Gewöhnung nach. In einem Jahr wird man auf Trumps Tweets vermutlich nur noch mit einem Schulterzucken reagieren: Den Verrückten lassen wir jetzt einfach schwatzen. Ich bin da nicht so pessimistisch. Unsere Grundwerte und den gesunden Menschenverstand können ein paar Idioten nicht so schnell über den Haufen werfen.

Diese Grundwerte sind robust genug?

Ja, im Westen auf jeden Fall, wenigstens im Moment noch. Sorgen machen würde ich mir eher über die Entwicklung in der Türkei und im arabischen Raum, wo die Instabilitäten zum Dauerzustand geworden sind.

Angenommen Ihr Optimismus für den Westen ist nicht gerechtfertigt: Wohin könnte das schlimmstenfalls führen?

Ständige Konflikte und bürgerkriegs ähn­liche Zustände – aber das ist für Europa wirklich ein Worst-Case-Szenario. Viel bedrückender ist die Frage, wie wir mit den neun Milliarden Menschen umgehen, die 2050 unseren Planeten bevölkern. Asien legt um 25 Prozent zu, Afrika um 100, Europa und Amerika stagnieren. Und das bei sich akzentuierendem Klimawandel.

Das GDI ist ja wie die Migros ein Erbe Gottlieb Duttweilers. Wie stark sind sie miteinander verknüpft?

Über Menschen, die in beiden Institutionen sitzen und sich mit viel Engagement austauschen. Die Migros ist eine zuverlässige Partnerin, es fliesst auch immer noch etwas Geld. Aber inhaltlich sind wir unabhängig und finanzieren uns immer mehr selbst, über Vorträge, Studien, Veranstaltungen und dank unserer schönen Lage in Rüschlikon durch die Vermietung von Räumen hier in Rüschlikon.

Sie selbst gehören als Think-Tank-Chef auch zur Elite. Wie kommen Sie mit dem Volk in Kontakt?

Ich bin auf dem Land aufgewachsen und ein einfacher, bodenständiger Mensch geblieben, auch wenn ich in Las Vegas oder Kuala Lumpur Referate halte. Ich gehe in die Migros einkaufen, reise gerne, gehe wandern und komme dabei überall mit Leuten aus allen Lebensbereichen in Kontakt und ins Gespräch.

Autor: Daniel Sidler, Ralf Kaminski

Fotograf: René Ruis