Archiv
04. Januar 2012

Nicht ohne meinen Daumen

Manche Babys verschmähen den Nuggi, sie lutschen lieber am Daumen. Kein Problem an sich. Doch nuckeln Kinder stundenlang daran, kann dies unangenehme Folgen haben.

Nicht ohne meinen Daumen (Bild aus dem Film «Charlie Brown und seine Freunde»).
Jedes fünfte Baby lutscht an den Fingern. Wie Linus von den Peanuts (Bild aus dem Film «Charlie Brown und seine Freunde»).

Herr und Frau Müller stehen am Bett ihrer drei Monate alten Tochter und staunen. Irgendetwas ist anders. Das Baby, das bisher immer unruhig schlief, schlummert plötzlich wie ein Engel. In seinem Mund steckt der Daumen. Das Kleine schmatzt zufrieden, als wolle es sagen: Ihr braucht mir nicht mehr mit dem Nuggi zu kommen, ich habe etwas viel Feineres entdeckt.

Das eine Kind bevorzugt den Nuggi, das andere liebt den Zipfel seiner Schmusedecke, und schätzungsweise jedes fünfte Baby lutscht an einem oder mehreren Fingern. Der Daumen ist dabei der klare Favorit, denn er passt aufgrund seiner Form perfekt ins Kindermündchen. Es könnte Mama und Papa eigentlich egal sein, womit sich das Kleine beruhigt. Viele Eltern glauben aber, der Nuggi sei das kleinere Übel, und entwickeln einen unheimlichen Ehrgeiz, aus ihrem Düümeli-Kind ein Nuggi-Kind zu machen. Sobald das Baby den Daumen Richtung Mund führt, sind sie zur Stelle und ziehen ihn raus. Besonders Gewitzte versuchen dabei, blitzschnell einen Nuggi zu platzieren. Kein Wunder, wenn die so Bestohlenen lautstark protestieren und den Ersatz in hohem Bogen ausspucken.

Ab sechs Stunden können Schäden entstehen

Dass der Nuggi besser ist als ein Daumen im Mund ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Sowohl der Daumen als auch der Nuggi können dem Kiefer schaden: «Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass vor allem ab einer Nuckeldauer von zirka sechs Stunden täglich bleibende Schäden entstehen können», sagt Lorenz Brauchli, leitender Kieferorthopäde an den Basler Universitätskliniken für Zahnmedizin.

Während der Nuggi zeitweilig einkassiert werden kann, ist der Daumen stetig verfügbar. Bei Daumenlutschern sind Zahn- und Kieferfehlstellungen deshalb oft etwas ausgeprägter als bei Nuggikindern.

«Es wäre ideal, wenn spätestens gegen Ende des zweiten Lebensjahrs Daumen beziehungsweise Nuggi passé wären », sagt Lorenz Brauchli. In den meisten Fällen dauert es aber länger, bis die Kleinen auf ihre Helferchen verzichten können. Umso tröstlicher ist es, dass die Lutscherei nicht automatisch eine kieferorthopädische Behandlung nach sich zieht. Bei einem Teil der Kinder verwachsen sich die Schäden wieder. «Manchmal stellt sich sogar heraus, dass die sprichwörtlichen Hasenzähne schlicht vererbt worden sind», sagt Kieferorthopäde Brauchli.

Autor: Bettina Leinenbach