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23. Januar 2017

Daumen hoch

kein gutes Hilfsmittel gegen «Dümele»?
Daumen hoch? Noch hat Kolumnistin Bettina leinenbach kein gutes Hilfsmittel gegen «Dümele» gefunden.

Eine meiner ersten Kolumnen hiess «Eine Amputation kommt nicht infrage». Damals – es ist mittlerweile vier Jahre her – ging es um Daumenlutscher. Unsere Jüngste hatte sich schon als kleines Baby mit Nachdruck gegen den Nuggi und für das Fingerchen entschieden. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wenn Eva müde, überfordert oder gelangweilt ist, landet der Daumen im Mund. Eine Runde Nuckeln hilft oft mehr als tausend Worte.
Stellen Sie sich jetzt bitte kein verhuschtes Mäuschen vor, das wäre die falsche Assoziation. Eva ist präsent, kreativ – und überaus witzig. Deswegen reagieren die Leute irritiert, wenn aus dem Nichts heraus die Nummer mit dem Daumen kommt.

Herr Leinenbach und ich, wir wünschten, unsere Sechsjährige würde sich langsam von der Angewohnheit verabschieden. Das würde nicht nur ihren Zähnen, sondern auch ihrem ramponierten Daumen guttun. Doch wie erklärt man einem Kindergartenkind, warum etwas, was offensichtlich sehr angenehm ist, gleichzeitig Schaden anrichten kann?

Seit einiger Zeit üben nicht nur wir Druck auf die Kleine aus. Neulich blies auch die Kinderzahnärztin in dasselbe Horn. Sie ermahnte Eva, sie müsse mit dem Genuckel aufhören, falls sie später eine hübsche Frau werden wolle. (Ja, ungefähr so habe ich auch geguckt.)
Obwohl der Ratschlag der Fachfrau gut gemeint war, war er kaum hilfreich. «Aber ich will doch aufhören», sagte das Kind unter Tränen, um Sekunden später zum Trost den Daumen in den Mund zu stecken. Merke: Es genügt nicht, einen Sachverhalt rational zu erfassen. Eva weiss, dass das Genuckel die Zähne verschiebt und den Kiefer verformt. Sie weiss auch, dass es besser wäre, damit aufzuhören. Aber sie kann es nicht.

Wie unterstützen Eltern den Entwöhnungsprozess? Ein Patentrezept kann ich nicht anbieten, nur unsere gesammelten Erfahrungen: Zuerst versuchten wir es auf die sanfte Tour, malten ein Gesicht auf den Daumen und verliehen ihm eine Stimme («Ich will nicht in die dunkle Höhle, ich will das Sonnenlicht sehen ...»). «Das ist ja wohl nicht so schlimm», sagte meine Tochter und entführte Mister Daumen.

Na gut, dann halt anders. Wir liessen uns in der Apotheke beraten und kauften mehrere (!) übelschmeckende Tinkturen. Wenn Eva morgens gut gelaunt war, hielt sie den Daumen freiwillig für die Anti-Lutsch-Behandlung hin. Manchmal war sie aber das Gegenteil von kooperativ. Was ich sehr gut verstehen kann. Soll man das Kind also zwingen? Falls ja, wo genau soll da der pädagogische Effekt sein? Eben.

Im Moment läuft bei uns daheim gewissermassen die dritte Versuchsreihe. Wir sind nochmals über die Bücher und haben Folgendes festgestellt: Eva will wirklich aufhören. Aber da der Weg des Daumens zum Mund sehr kurz ist (und das gute Gefühl in Greifnähe), benötigt sie eine kleine Erinnerungshilfe. Bei meiner Recherche in den Tiefen des Internets bin ich auf ein einfaches – aber offenbar brillantes Hilfsmittel gestossen: einen Stoffüberzug für das Däumchen, der mit einem Klettverschluss am Handgelenk fixiert wird. Das Ding heisst ironischerweise «Thumbbuster».

Wir haben festgestellt, dass Eva zum Beispiel gerne «dümelet», wenn wir ihr vorlesen. Sobald das Ritual ansteht, zieht sie den Fingerling selbst an. Sollte sie, während sie ihn trägt, in eine Situation kommen, in der der Daumen dennoch hilfreich wäre, darf sie den Verschluss lösen. Es handelt sich um einen neuen Zugang: positive Verstärkung des eigenen Willens statt Zwang, Eigenverantwortlichkeit statt Elternwille. Ich kann nicht in die Zukunft blicken, aber bisher läuft das richtig gut. Oder, um es im Facebookdeutsch zu formulieren: Daumen hoch!

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Bettina Leinenbach