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02. Juli 2012

Dauernd auf Achse

Vier Kinder mit insgesamt sieben Hobbys: Chantal Rochats Tage sind ausgefüllt. Sie organisiert, fährt herum, tröstet, fordert und findet das alles völlig normal.

Mehrmals wöchentlich chauffiert Esther Rochat die Kinder zu ihren Freizeitbeschäftigungen. Manchmal müsste sie an zwei Orten gleichzeitig sein.

Das Interview zum Thema mit Annette Cina vom Familienforschungsinstitut der Uni Freiburg: Kinder müssen aktiv sein

Montag Fussball, Dienstag Flöte, Mittwoch Fussball, Donnerstag Schwimmen, Freitag Tennis, Samstag Fussballmatch: Chantal Rochat (9) ist ganz schön ausgebucht. Vielleicht ein bisschen zu sehr? «Nö», sagt das blonde Mädchen fröhlich, «ich würde eigentlich gern auch noch Leichtathletik machen.» Aber dafür bleibt dann doch keine Zeit mehr. Schliesslich hat die Drittklässlerin auch täglich Hausaufgaben, sollte Flöte üben und möchte hie und da mit ihren Freundinnen spielen.

Ein Blick auf den Familienplaner an der Küchenwand der Familie Rochat in Oberrieden ZH zeigt: Die Stundenpläne von Chantals Geschwistern sehen ähnlich aus. Dominique (11) geht ins Ballett, nimmt Gitarrenstunden und spielt Fussball sowie Tennis. Die Zwillinge Nicolas und Pascal (7) spielen ebenfalls Fussball und Tennis und gehen zudem zum Turnen in die Jugi.

Manchmal müssen die Eltern den Enthusiasmus bremsen

Die Freizeit der Rochat-Kinder ist im Vergleich zu anderen nicht mal besonders stark verplant. Ihre Kollegen, sagen die vier Kinder, seien genauso aktiv. «Es geht allen gleich», sagt auch Mutter Esther Rochat (46) und zuckt die Achseln. Will heissen: Auch andere Eltern sind ganz schön eingespannt durch die Hobbys ihrer Kinder. Für Esther Rochat bedeutet das konkret: Mehrmals wöchentlich das Auto mit Kindern, Sporttaschen und Instrumenten beladen, die Kinder zu ihren jeweiligen Freizeitbeschäftigungen kutschieren — teilweise in die Nachbardörfer — und später wieder abholen. Da und dort gibt es noch Gschpänli der Jungmannschaft aufzupicken oder abzuladen. Grob geschätzt, so Esther Rochat, wende sie für die Hobbys ihrer Kinder fünf bis zehn Stunden pro Woche auf.

Ohne Familienplaner würden es die Rochats kaum schaffen, all ihre Termine zu koordinieren.Ohne Familienplaner würden es die Rochats kaum schaffen, all ihre Termine zu koordinieren.
Ohne Familienplaner würden es die Rochats kaum schaffen, all ihre Termine zu koordinieren.

Wenn viel beschäftigte Eltern die vollgepackten Freizeitpläne ihrer Kinder unterstützen, stehen sie schnell im Verdacht des Frühförderungswahns. Esther Rochat winkt ab. «Unsere Kinder haben alle Hobbys selber gewählt und machen nur, was sie mögen.» Sie und ihr Mann drängen ihnen nichts auf, im Gegenteil. Die Buben zum Beispiel hätten gern Schlagzeug gelernt, das mussten sie ihnen fürs Erste abschlagen. «Ich fürchte, ich müsste sie dauernd ans Üben erinnern, das würde mich stressen», sagt Esther Rochat.

Fussball vereint die ganze Familie an den Wochenenden

Mehrmals wöchentlich verteilt die Mutter ihre Kinder auf verschiedene Fussballplätze. Als man im Verein ihrer Söhne händeringend Helfer suchte, meldete sie sich als Co-Trainerin. «Ich fahre ja ohnehin regelmässig zum Sportplatz», sagt Rochat. Somit ist nun die ganze Familie fussballinteressiert — auch Vater Jean-Pierre (48) ist seit 30 Jahren in einem Club. «So machen die Samstage auf den verschiedenen Fussballplätzen uns allen Spass. Zum Glück.»

Ein Glück auch, dass ihre Kinder recht selbständig sind. «Sie müssen einige Wege zu Fuss oder mit dem Fahrrad zurücklegen», sagt die Mutter. Damit die Aktivitäten ihrer Kinder nicht in Stress für sie ausarten, wechselt sie sich mit anderen Eltern ab, wenn Autofahrten unvermeidlich sind. Immerhin arbeitet sie einen halben Tag pro Woche in der Administration eines Online-Vertriebs und kümmert sich neben dem Sechspersonenhaushalt um alles, was mit vier Kindern so anfällt: Arzttermine, Geburtstagsfeste und -einladungen, Hausaufgaben, Instrumente üben. «Es kann schon vorkommen, dass es ein bisschen viel ist», räumt die Mutter ein.

Sie achtet deshalb darauf, Zeit für sich selber zu haben. «Im Haushalt bin ich nicht pingelig», sagt sie, «dann kann ich vormittags, wenn die Kinder in der Schule sind, joggen gehen oder mit Freundinnen Tennis spielen.» Ihr Mann arbeitet bei einer Grossbank und ist meist 12 bis 13 Stunden ausser Haus. Er schnappt sich oft am Sonntag die Kinder, um mit ihnen etwas zu unternehmen. Und dienstagabends übernimmt er die ganze Rasselbande. Er holt die Jungs von der Jugi ab und kümmert sich ums Nachtessen. Dann geht seine Frau nämlich ins Arabisch.

Freizeit, das hiess früher Skifahren und den Eltern helfen

Esther Rochat ist in der Abgeschiedenheit der Riederalp im Wallis aufgewachsen. «In der Freizeit fuhren wir Ski und halfen im Restaurant der Eltern», erzählt sie. Eine Zeit lang nahm sie das Bähnli ins Tal, um dort Klavierlektionen zu nehmen. Das wars. Die heutigen Möglichkeiten der Freizeitbeschäftigung bringen sie immer wieder zum staunen: «Es ist eine echte Herausforderung, aus dem Überangebot das Richtige auszuwählen.» Es sei verlockend, immer wieder etwas Neues auszuprobieren.

Dieser Verführung sind auch die Kinder ausgesetzt. Wenn sie nicht gebremst werden, herrscht bald Freizeitstress statt Freizeitspass. Und das kann ungesund werden: Gemäss einer Studie der deutschen Universität Göttingen kann ein übervoller Terminkalender zu Kopfschmerzen führen, besonders dann, wenn die Aktivitäten nur auf Wunsch der Eltern stattfinden.

Davon fühlt sich Dominique Rochat (11) aus Oberrieden weit entfernt, auch wenn sie zugibt: «Manchmal stinkt es mir schon, ins Training oder in die Gitarrenstunde zu gehen.» Sie geht dann trotzdem und hat inzwischen festgestellt: «Nachher habe ich gute Laune.» Sie liebe ihre Hobbys und habe daneben noch genug Zeit, mit Freundinnen zu chillen. Jedenfalls, sagt Mutter Esther, höre sie ihre Kinder immer noch hie und da jammern, sie würden sich langweilen. Rochat lächelt. «Wenn ich das höre, weiss ich, dass alles in Ordnung ist.»

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Vera Hartmann