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29. Oktober 2012

«Das Wichtigste ist die Offenheit der Einwanderer»

Walter Leimgruber (53), Präsident der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen, plädiert für mehr Gelassenheit im Umgang mit der Einwanderung. Die Integration von Ausländern sei in der Schweiz bisher insgesamt gut gelungen.

Walter Leimgruber
Walter Leimgruber (53) ist Präsident der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen. (Bild: Keystone/Lukas Lehmann)

Walter Leimgruber, sind die Ausländer in der Schweiz gut integriert?

Generell gesprochen: ja. Insbesondere verglichen mit Ländern wie Deutschland oder Frankreich, wo es Ballungen von Ausländergruppen in bestimmten Quartieren gibt und Probleme von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Wie kommt es, dass Ausländer im Schweizer Arbeitsmarkt besser vertreten sind als in anderen Ländern?

Die Arbeitslosigkeit ist bei uns niedriger als anderswo. Vor allem aber haben wir das duale berufliche Ausbildungssystem. Migranten haben oft aus sprachlichen Gründen Schwierigkeiten, höhere Schulen abzuschliessen, mit der Berufslehre können sie dennoch eine gute Ausbildung bekommen. Gerade in KMUs sind Migranten stark vertreten. Verbesserungspotenzial gibt es bezüglich der höheren Schulbildung für Ausländerkinder.

Was bedeutet gut integriert konkret?

Ein möglichst breit gefächertes soziales Netz zu haben, in dem man sich bewegen kann. Und das Gefühl zu haben, hier gehöre ich hin, hier bin ich akzeptiert, und hier möchte ich leben.

Welches sind die wichtigsten Faktoren für eine erfolgreiche Integration?

Das Wichtigste ist die Offenheit der Einwanderer. Sie müssen sich bewusst sein, dass sie an einem neuen Ort sind, dass sie sich in manchen Dingen anpassen und vielleicht auch erklären müssen. Dann die Sprache, und ganz wichtig, die Arbeit. Wenn es da gut läuft, klappt es auch in allen anderen Bereichen. Ganz fatal ist die Vorstellung, man komme nur für ein paar Jahre und müsse sich daher nicht um die Integration kümmern. Da hat auch die Schweiz zu lange die falsche Migrationspolitik betrieben, die genau auf diese Rotation ausgelegt war. Zum Teil geistert ja immer noch die Idee in den Köpfen herum, Migration sei eine Ausnahmeerscheinung, die irgendwann wieder zu einem Ende kommt. Aber das ist falsch.

Die Schweiz ist längst ein Einwanderungsland.

Richtig. Das zu akzeptieren fällt vielen nicht leicht, deshalb wird die Debatte auch so emotional geführt.

Schafft jeder, der will, sich zu integrieren?

Es braucht natürlich immer beide Seiten. Oftmals empfinden Ausländer die Schweizer als verschlossen und schwer zugänglich. Der Grund für ein Scheitern der Integration ist meist eine komplexe Mischung aus eigenen Fehlern und ungünstigen äusseren Faktoren.

Könnte die Schweiz mehr machen, um Integration zu erleichtern?

Wer schon früh die Sprache und den Umgang mit anderen lernt, profitiert später in Schule und Beruf. (Bild: Ex-Press/Heike Grasser)
Wer schon früh die Sprache und den Umgang mit anderen lernt, profitiert später in Schule und Beruf. (Bild: Ex-Press/Heike Grasser)

Welches sind aus Ihrer Sicht die schwarzen Schafe, und wie viele gibt es davon?

Zahlen zu nennen ist schwierig. Es ist sicher eine sehr kleine Minderheit, wie bei den Schweizern auch. Probleme haben vor allem jene, die aus ländlichen, traditionellen Gesellschaften mit patriarchalen Strukturen kommen und mit den Prozessen einer offenen und komplexen Gesellschaft nicht vertraut sind. Auch von diesen schaffen es schliesslich viele, aber dieser Gruppe stellen sich die grössten Herausforderungen, und es braucht eine aktive Politik, um ihnen zu helfen.

Trotz allem: Das Unbehagen über die Zahl der Einwanderer wächst.

Ja. Aber diese Diskussion führen wir seit den 60er-Jahren konstant, nicht immer gleich intensiv, doch im Grunde ohne Unterbruch. Das ist auch ein nötiger Prozess, um die Gesellschaft mit den Veränderungen vertraut zu machen. Und insgesamt gelingt uns der Umgang mit Einwanderern ziemlich gut. Wir könnten eigentlich etwas gelassener sein.

Aber etwas hat sich verändert: Der bis anhin gut situierte Mittelstand fühlt sich unter Druck und hat Angst um seinen Wohlstand.

Das spielt sicher eine Rolle. In unserer Elterngeneration musste kaum jemand Angst haben, seinen Job zu verlieren, es ging nur aufwärts. Das ist mit der Globalisierung vorbei. Und die damit verbundenen Ängste werden auf Migranten projiziert. Kommt hinzu, dass wir heute vor allem hochqualifizierte Einwanderer haben. Damit sind Leute betroffen, die sich vorher noch nie bedrängt fühlten.

Müssen die Ausländer mindestens teilweise als Sündenböcke herhalten?

Wenn man die Migrationspolitik in den Mittelpunkt stellt, zeigt das in der Regel, dass man für die wirklichen strukturellen Probleme keine Lösungen hat. Das war schon in den 70er-Jahren so. Die Schweiz sollte sich der eigentlichen Debatte stellen: Wie wollen wir uns in der globalisierten Wirtschaftswelt positionieren? Wie soll unsere Finanz- und Steuerpolitik aussehen? Wie können wir unsere Raum-, Energie- und Verkehrsplanung zukunftsfähig machen? Da sind grosse, komplizierte Fragen, und es ist natürlich viel einfacher, alles auf die Migranten zu schieben.

Das Unbehagen im Volk jedoch ist real. Was muss passieren, dass es die Personenfreizügigkeit weiter unterstützt?

Die Wirtschaft müsste mehr Verantwortung tragen für die gesellschaftliche Situation in der Schweiz, so wie sie das früher getan hat. Die Einwanderung wurde und wird politisch eigentlich immer so gesteuert, dass die Wirtschaft profitiert. Aber heute neigt diese dazu, nur noch Gewinn anzustreben, die gesellschaftlichen Folgen interessieren sie nicht. Und das reicht nicht. Die Unternehmen müssen einsehen, dass es auch gesellschaftliche Kohärenz braucht. Wenn das Volk das Gefühl bekommt, es werde im Stich gelassen bei Infrastruktur, Wohnen und Steuern, wird es entsprechend reagieren.

Wie fatal wäre ein Nein zur Personenfreizügigkeit bei der nächsten Abstimmung?

Prognosen sind immer heikel. Ich glaube, es wäre fatal, weil die EU das auf keinen Fall akzeptieren würde. Und Neuverhandlungen für Kontingente sind unrealistisch. Ich vermute, dass dies letztlich die paradoxe Folge hätte, dass wir uns rasch sehr viel stärker der EU annähern müssten, wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen.