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10. Oktober 2011

«Das wichtigste ist der persönliche Kontakt»

Was brauchts, um in der Schweizer Politik erfolgreich zu sein? Die Jungpolitiker Lukas Reimann (SVP) und Cédric Wermuth (SP) gewähren dem Migros-Magazin einen Blick hinter die Kulissen des Wahlkampfalltags.

Cédric Wermuth
Selbst ist der Mann: SP-Nationalratskandidat Cédric Wermuth auf Wahlkampftour in Baden.

Cédric Wermuth, Lukas Reimann, was nützt am meisten im Wahlkampf: Netzwerk, Geld oder der Jugendbonus?

Cédric Wermuth: Der persönliche Kontakt. Wer das Gefühl hat, er würde gewählt, weil er den Kanton mit Plakaten zupflastert, der setzt aufs falsche Pferd. Allerdings ist der persönliche Kontakt auch am aufwendigsten. Lukas Reimann: Ich bin ausnahmsweise 100-prozentig mit ihm einverstanden (Gelächter). Ich stehe sehr oft draussen, an Ständen und Messen und rede mit den Leuten. Zwar erreicht man mit einem Zeitungsartikel das grössere Publikum, aber das persönliche Gespräch wirkt stärker.

Heimspiel: Nationalrat Lukas Reimann auf dem Weg zum Mikrofon an der SVP-Delegiertenversammlung in Gossau SG
Heimspiel: Nationalrat Lukas Reimann auf dem Weg zum Mikrofon an der SVP-Delegiertenversammlung in Gossau SG.

Ist das Aussehen ein Pluspunkt?

Cédric Wermuth: Wir machen diese Erfahrung bei jungen Frauen. Aber bei Männern? Schauen Sie sich den Nationalrat an, da habe ich so meine Zweifel … Es ist weniger eine Frage der Schönheit, sondern der Authentizität. Wenn ich plötzlich in Anzug und Krawatte auf dem Plakat wäre oder Lukas im Hippiehemd, würde das nicht passen. Lukas Reimann: Wichtiger ist die Sympathie. Wenn die nicht da ist, wählt man auch Kandidaten nicht, die ähnliche Positionen vertreten wie man selbst.

Was kostet Ihr Wahlkampf?

Cédric Wermuth: 35 000 Franken. Von mir 10 000, der Rest sind Spenden. Lukas Reimann: Voraussichtlich gegen 50 000 Franken.

Ist das vergleichsweise viel oder wenig?

Cédric Wermuth: Bei der SP Aargau bin ich vermutlich im oberen Segment. Gesamthaft betrachtet im unteren Viertel. Das höchste Budget für eine Wahl, von dem ich bei uns je gehört habe, waren 250 000.

Aber es reicht, um gewählt zu werden?

Lukas Reimann: Ich habe 2007 nicht mehr eingesetzt. Und Geld allein macht es nicht aus. Vor vier Jahren gab es Kandidaten, die fünfmal mehr ausgaben und 10 000 Stimmen weniger hatten.

Sind Sie dafür, dass offen gelegt werden muss, woher das Geld kommt?

Cédric Wermuth: Selbstverständlich. Das mache ich auch auf meiner Website, alles ab 1000 Franken ist deklariert. Lukas Reimann: Politiker sollen offenlegen, was sie verdienen, samt Mandaten und Wirtschaftsverknüpfungen. Bei den Spenden finde ich es heikel. Angenommen, ein Bäcker aus Wil gibt 1000 Franken und das wird publiziert. Das Risiko besteht, dass er Kunden verliert, die anderen Parteien nahe stehen. Die Leute wären vielleicht weniger spendabel. Cédric Wermuth: Okay, aber bei höheren Beträgen, wie 10 000 Franken, entsteht ein Abhängigkeitsverhältnis. Darüber sollte die Öffentlichkeit Bescheid wissen. Spenden von Unternehmen lehne ich ab.

Sie sind ein eingespieltes Team und oft gemeinsam in den Medien zu sehen, etwa alle zwei Wochen im Duell im «Blick am Abend».

Lukas Reimann: Als ich frisch gewählt wurde, musste ich immer gegen den Grünen Bastien Girod antreten, aber er ist recht inaktiv geworden. Inzwischen ist Cédric die Galionsfigur der jungen Linken.

Was finden Sie gut an der politischen Position des Gegenspielers?

Cédric Wermuth: Nichts, fertig. Lukas Reimann: Inhaltlich finde ich bei ihm auch nichts gut. Aber mir gefällt, dass er eine Linie hat und daran festhält. Das ist mir lieber als Politiker, die einmal für, einmal gegen den EU-Beitritt sind. Cédric Wermuth: Bis zu einem gewissen Grad treffen wir uns bei der Transparenz der Finanzen. Und von der Art her ist Lukas sicher angenehm und er selbst. Ich könnte nicht mit jedem SVPler über Wochen so oft dasselbe machen. Die «Blick»-Redaktoren sagen uns übrigens regelmässig, wir sollen böser werden. Lukas Reimann: Ja, genau …

Cédric Wermuth, was halten Sie von Lukas Reimanns Einsatz für die Minarett-Initiative und gegen den Islam?

Lukas Reimann: Da sage ich dann auch gerne noch was dazu … Cédric Wermuth: Also … das muss er letztlich selber wissen. Es ist eine generelle politische Strategie der SVP, Bevölkerungsgruppen gegeneinander auszuspielen: Ausländer gegen Schweizer, Scheininvalide gegen Gesunde, Christen gegen Muslime. Von daher liegt das auf der Linie. Früher oder später landet man dabei in sektiererischen Kreisen. Die fühlen sich angesprochen. Lukas Reimann: Ich war schon immer ein Islamkritiker und werde es auch bleiben. Ich habe über 100 Auftritte für die Minarett- Initiative gemacht. Und ich habe auch unzählige Online-Artikel zum Thema verfasst.

Cédric Wermuth mit Nationalratskandidat Thomas Leitch- Frey im Einsatz für die Mindestlohn- Initiative in Wettingen AG.
Cédric Wermuth mit Nationalratskandidat Thomas Leitch- Frey im Einsatz für die Mindestlohn- Initiative in Wettingen AG.

Lukas Reimann, was halten Sie von Cédric Wermuths Einsatz für die Überwindung des Kapitalismus, die im SP-Parteiprogramm Ende Oktober 2010 festgehalten wurde?

Lukas Reimann: Ich sehe schon auch, dass es Probleme in der Wirtschaft und auf den Finanzmärkten gibt, das ist sicher eines der grossen Themen der Zukunft. Aber den Kapitalismus überwinden zu wollen ist natürlich der völlig falsche Ansatz. Dann müsste der Staat noch mehr eingreifen, regulieren und umverteilen, und das führt erst recht ins Verderben.

Cédric Wermuth, schreckt man mit dieser Forderung nicht eher Wähler ab?

Cédric Wermuth: Wenn man einmal eine Position vertreten hat, sollte man dazu stehen, egal, wie das ankommt. Ich werde lieber nicht gewählt, als dass ich meine politische Haltung verleugne. Ausserdem haben wir seither in allen kantonalen und kommunalen Wahlen zugelegt und Mitgliederzuwachs.

Was braucht es, um in der Politik erfolgreich zu sein?

Lukas Reimann: Man fängt mit 15 Jahren an, weil man ein Idealist ist. Möglichst rasch Nationalrat werden zu wollen, ist sicher der falsche Ansatz. Idealismus und Engagement: Ist das alles? Cédric Wermuth: Und Durchhaltevermögen. Es geht auch immer mal wieder abwärts in der Politik. Gerade wenn man in den Medien gehypt wird, kann es von einem Tag auf den anderen umschlagen. Das ist dann hart. Lukas Reimann: Wenn man eine Abstimmung verliert, für die man monatelang jeden Tag gekämpft hat, ist das eine grosse Enttäuschung. Oder wenn unfaire Artikel erscheinen. Da denkt man schon ab und zu: Warum tue ich mir das an? Cédric Wermuth: Der Rest ist Learning by Doing: Auftreten, Reden halten, mit Medien umgehen, politische Positionen kurz zusammenfassen — alles eine Übungsfrage. Das kann jeder lernen. Lukas Reimann: Was auch wichtig ist: Faktenkenntnis, die Bereitschaft, sich diese zu erarbeiten. Man sollte nicht nur ein paar Parolen auswendig können, sondern auch den Hintergrund kennen, sich die Mühe machen, Gesetze durchzulesen. Ich sitze in der Rechtskommission des Nationalrats. Um Papierberge durchzuarbeiten, investiere ich für manche Themen einige Wochen.

Lukas Reimann hält eine Ansprache vor der Parteiprominenz an der SVP-Delegiertenversammlung am 1. Oktober im sankt gallischen Gossau.
Lukas Reimann hält eine Ansprache vor der Parteiprominenz an der SVP-Delegiertenversammlung am 1. Oktober im sankt gallischen Gossau.

Ist man überhaupt in der Lage, komplexe Themen selbständig zu beurteilen, ohne von Lobbyisten beeinflusst zu werden?

Cédric Wermuth: Angesichts der Themenvielfalt ist es gar nicht möglich, bei allem Experte zu sein.

Wird man da nicht ein wenig anfällig für Beeinflussungen?

Lukas Reimann: Es darf nicht sein, dass man nur auf eine Seite hört. Es ist wichtig, verschiedene Argumente und Anliegen anzuhören.

Handelt es sich bei Ihren Gesprächspartnern um unabhängige Experten oder um Lobbyisten, die gewisse Interessen vertreten?

Lukas Reimann: Es gibt beinahe keine unabhängigen Leute. Die Kommission lädt jeweils auch ein paar Professoren ein, aber wenn man ein bisschen nachforscht, haben auch die Verwaltungsratsmandate bei irgendwelchen Konzernen.

Wie siehts aus mit Einladungen von Verbänden und Organisationen? Kann man die annehmen und dennoch unabhängig bleiben?

Lukas Reimann: Ich habe alle Einladungen aus den vier Jahren als Nationalrat gesammelt: Sie füllen 50 dicke Bundesordner. Während einer Session könnte ich an vier Orten frühstücken, an zehn Orten Mittag essen und an 20 Abend essen — pro Tag. Ich gehe nur bei Themen, die mich wirklich interessieren oder bei denen ich Gegensteuer geben will.

Wurden Sie schon mal geschmiert?

ukas Reimann: Man hört ab und zu, dass es ein Geben und Nehmen ist: Du siehst zu, dass das durchkommt, dann kriegst du VIP-Sitze an einem Fussballturnier. So etwas passiert, aber da habe ich nie mitgemacht.

Schmiert links oder rechts besser?

Cédric Wermuth: Links hat keiner das Geld, um zu schmieren. Aber sonst ist das in der Schweiz ziemlich normal: Die Grossbanken finanzieren zusammen mit den Versicherungen und der Pharma die drei bürgerlichen Parteien. In jedem anderen Land wäre das Korruption. Lukas Reimann: Es gibt auch links finanzkräftige Organisationen … Cédric Wermuth: Wer? Pro Velo? Lukas Reimann: Die Gewerkschaften sind stark, der VCS, Umweltorganisationen … Cédric Wermuth: Die haben alle kein Geld. Lukas Reimann: Die machen auch Lobbying wie alle anderen. Cédric Wermuth: Aber Geld kriegen wir von denen nicht. Schön wärs! Lukas Reimann: Gut, das weiss ich nicht. Aber Geld haben sie.

Cédric Wermuth behauptet, die Bürgerlichen seien quasi gekauft ….

Lukas Reimann: Bei der SVP machen Spenden von Konzernen einen sehr kleinen Teil des Budgets aus. Der grösste Teil sind Spenden von Einzelpersonen.

Nun hat die SVP auch ein paar sehr reiche und grosszügige Mitglieder.

Lukas Reimann: Ist doch schön, wenn es Einzelunternehmer gibt, die bereit sind, von ihrem Vermögen etwas in die Politik zu stecken. Aber eben: Mit Geld allein gewinnt man keine Wahlen. Cédric Wermuth: Geld zur Verfügung zu haben kippt schon irgendwann in einen qualitativen Vorteil. Das haben wir mit der Steuergerechtigkeits-Initiative letztes Jahr gesehen. Wir hatten ein Budget von einer Viertelmillion, Economiesuisse setzte rund elf Millionen dagegen. Da ist die Wahrscheinlichkeit x-fach höher, dass Sie mit Argumenten von Economiesuisse in Kontakt kommen. Lukas Reimann: Das habe ich auch schon erlebt. Als die Junge SVP 2009 das Referendum gegen die Personenfreizügigkeit ergriff, hatten wir etwa 200 000 Franken zur Verfügung, Economiesuisse setzte zehn bis 15 Millionen ein. Das ist dann schon schwierig.

Gibt es Foren, wo man dabei sein muss?Gehen Sie zum Beispiel ans WEF in Davos?

Cédric Wermuth: Schon, einfach auf die andere Seite der Barrikade (Gelächter). Lukas Reimann: Ich bin am WEF als Soldat und stehe bei minus 20 Grad hinter dem Gitter und muss Demonstranten abwehren. Nein, ich bin Soldat bei der Luftwaffe und beobachte den Luftraum. Ich stehe also nicht direkt an der Barriere. Aber kalt ist es trotzdem.

Nach den Wahlen müssen SVP und SP zusammenspannen, wenn sie bei den Bundesratswahlen je einen zweiten Sitz holen wollen. Laufen da schon Gespräche?

Cédric Wermuth: Klar, werden parteiintern Szenarien diskutiert, aber die Gespräche gehen erst nach den Wahlen so richtig los. Und wir steigen mit offenen Karten ins Rennen: Micheline Calmy- Rey ist früh genug zurückgetreten, wir wollen den zweiten Sitz halten, der uns zusteht. Wie die Bürgerlichen den Rest unter sich aufteilen, ist in erster Linie ihr Problem.Lukas Reimann: Gut, wenn wir jetzt mit offenen Karten spielen, dann wollen wir von der SP wissen: Ist sie bereit, uns einen zweiten Sitz zu geben oder nicht? Cédric Wermuth: Wir werden aufgrund der Kandidaten entscheiden, welche die Parteien aufstellen. Für mich ist klar, dass die BDP als Kleinstpartei im Bundesrat langfristig nicht haltbar ist. Aber amtierende Bundesräte sollte man nicht einfach abwählen. Ich bin zwar selten mit ihr einverstanden, aber Eveline Widmer- Schlumpf macht eine solide Politik und ist dabei voll auf SVP-Linie.

Cédric Wermuth
Cédric Wermuth spricht während des Politpodiums «Jung trifft alt» im aargauischen Baden mit Yannik Costa (Mitte, JSVP) und einem Zuhörer.

Bei diesen taktischen Gesprächen muss man sich ja auch vertrauen können …

Lukas Reimann: Ich mag die Taktiererei nicht. Und ich finde es auch schlecht, dass nicht öffentlich ist, wer wen wählt bei den Bundesratswahlen. Eine Volkswahl wäre viel ehrlicher. Cédric Wermuth: Taktische Verhandlungen gehören zur Politik. Mühsam finde ich, wenn öffentlich etwas anderes deklariert wird, als man dann macht. Bezüglich der Volkswahl des Bundesrats bin ich diskussionsbereit. Es gibt aber eine Bedingung: Die Offenlegung der Partei und Kampagnenfinanzierung.

Mit wem möchten Sie nicht im Lift stecken bleiben?

Cédric Wermuth: Mit Ulrich Schlüer. Lukas Reimann: Mit dem würde ich liebend gerne im Lift stecken bleiben.

Und Sie, Lukas Reimann?

Lukas Reimann: Hmmm. Ich kann selbst mit Susanne Leutenegger-Oberholzer eine spannende Diskussion führen. Cédric Wermuth: Und mit Nicolas Blancho? (Präsident des islamischen Zentralrats Schweiz, Anm. der Redaktion) Lukas Reimann: Stimmt, mit dem möchte ich nicht stecken bleiben.

Und Sie beide? Trinken Sie auch mal ein Bier zusammen?

Cédric Wermuth: Ja, das gibts. An seinen Geburtstagsparty hat er mich zwar nicht eingeladen, aber wir verstehen uns gut. Lukas Reimann: Ja, ja.

Autor: Sabine Lüthi

Fotograf: Samuel Trümpy