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24. Dezember 2012

Das Warten auf Organe

Seit 2010 umfasst die offizielle Schweizer Warteliste für Organtransplantationen jährlich über 1000 Menschen mehr. Nicht alle haben dasselbe Glück wie die im Migros-Magazin porträtierte Esther Fischer mit ihrer neuen Leber. Wer wartet auf ein Organ, und nach welchen Kriterien entscheiden die Mediziner über die Chancen?

Wie in einigen Ländern ist in der Schweiz die Nachfrage nach transplantierbaren Organen klar grösser als das Angebot. Unter anderem liegt dies auch daran, dass Sterbende oder ihre Angehörige hierzulande aktiv ihr Einverständnis zur Entnahme vermutlich noch lebensfähiger Organe erklären müssen, anderswo gilt das für Empfänger und Mediziner chancenreichere Widerspruchsrecht: Wer seine Organe nicht zur Verfügung stellen will, muss dies aktiv kundtun.

Esther Fischer erhielt eine neue Leber und ist wieder voll in Form
Esther Fischer erhielt eine neue Leber und ist wieder voll in Form. Nicht allen Patienten auf der Transplantations-Warteliste geht es so.

Umfasste die offizielle Warteliste der vom Bund beauftragten Stiftung Swisstransplant mit ihrem Software-System SOAS (Swiss Organ Allocation System) noch vor 10 Jahren gut 630 jährlich neu aufgenommene Patienten, so waren es zuletzt (2011) bereits 1074. Hierzu muss präzisiert werden, dass diese Entwicklung noch nicht einmal nur gestiegenes Interesse von Empfängern und ihrer Vertreter wiederspiegelt, sondern bereits medizinische Vorabklärungen einschliesst. Auf der Liste erscheinen nur Patienten, denen die Ärzte und Experten klaren Bedarf nach einem Organ, vertretbare Chancen bei der Akzeptanz des neuen Körperteils oder auf verbesserte Lebensbedingungen im Erfolgsfall bescheinigen. Viele Transplantationswillige gelangen nicht ins SOAS, auf der anderen Seite wächst die Warteliste nicht bloss wegen steigendem Bedarf auf Empfängerseite, sondern weil der medizinische Fortschritt in den letzten Jahren – speziell dank der medikamentösen Unterstützung der Akzeptanz eines fremden Körperteils beim Empfänger sowie dank verfeinerter Operationsmethoden – gestiegen ist.
Männer in mittlerem Alter
Wirklich transplantiert werden in der Schweiz in sieben Spitalzentren (Basel, Bern, Genf, Lausanne, St. Gallen und zwei in Zürich) jährlich im Durchschnitt seit 2004 gut 450 Organe, 2011 erreichte man mit 510 einen neuen Spitzenwert. Der Aufwärtstrend hält nun drei Jahre an, ist aber nicht zwingend gesichert.
Übrigens handelt es sich bei den Organen keineswegs um das einzige, was transplantiert wird. In nur gerade 188 Fällen (155 im Mittel seit 2004) wurden fremde Blutstammzellen transplantiert. Deutlich häufiger und auch an kleineren Spitalzentren wurde Gewebe verpflanzt (854 im Jahr 2011).

Die aufgeführten Zahlen sind zum Beispiel bei Nieren einige Prozente tiefer als die Zahlen der entnommenen Organe, weil sich ...

... in einigen Fällen (nicht bei allen Organen besteht derselbe Nachfrage-Überhang, teils schränken weitere Bedingungen die Eignung ein) kein passender Empfänger finden lässt, ...
... Alter oder Krankheiten ein Organ entgegen der Hoffnung oder Vorabklärung dennoch als nicht geeignet erscheinen lassen, ...
... beim Fehlen geeigneter Empfänger Organe ins Ausland versandt werden (auch das Gegenteil kommt vor!).

So konnten von 206 Nieren bei 103 gestorbenen Spendern 2009 19 nicht transplantiert werden. Ganz anders sieht es etwa bei einem wegen der Gefahr der Abstossung (durch das Immunsystem) im neuen Körper viel heikleren Dünndarm aus: Hier wurde genau einer wieder eingesetzt.

Bei der Alters- und Geschlechterstruktur der Spender und Empfänger nach einem Monitoring-Programm für das Jahr 2009 fällt auf:

1. 64% der Empfänger sind Männer, bei den Spendern jedoch nur 45%. Dies erklärt sich vor allem durch den höheren Anteil der Lebendspenden: 62% von Frauen. Zudem weisen mehr Männer typische Krankheiten auf, die Transplantationen notwendig machen.
2. Bei den Empfängern ist der Anteil der Menschen im mittleren Alter klar am höchsten: 61% waren zwischen 31 und 60 Jahre alt. Hier ergab sich keine grosse Abweichung zu den Spendern: 59% entstammen derselben Altergruppe.
DIESE KRITERIEN ENTSCHEIDEN
Doch welche Kriterien entscheiden nun darüber, wer auf die Warteliste gelangt und danach vor allem nach einer kürzeren oder längeren Frist ein Organ erhält?
Wie bereits angetönt muss bei den Empfängern einerseits medizinisch abgeklärt eine Notwendigkeit bestehen (es gibt keine andere Methode mit vergleichbaren Chancen auf einen verbesserten Zustand und Transplantation weist hohe Chancen auf), andererseits gewisse Gesundheitsanforderungen erfüllen, wer aufgenommen werden will. Die eigentliche Vergabe respektive Zuteilung von Organen als noch stärker einschränkender Entscheid, der zudem von der aktuellen Situation beim Organ-Angebot abhängt, lassen sich die Kriterien weiter präzisieren:

A. Die Dringlichkeit: Schwebt ein möglicher Empfänger in Lebensgefahr, wenn er nicht innert Tagen ein neues Organ erhält, gehen seine Interessen vor jenen anderer Wartender. Allerdings gilt das Dringlichkeitsgebot etwa auch bei Kindern mit Nierenversagen, deren Organismus unumkehrbare Entwicklungs- und Wachstumsschäden erleidet ohne Transplantation.
B. Der Nutzen: Einfach formuliert sollten die Chancen gross sein, dass das neue Organ die Lebenssituation eines Empfängers wirklich markant verbessert. Dies ist primär durch eine möglichst hohe Übereinstimmung bestimmter Merkmale des Organs (oder Spenders) mit dem Empfänger gegeben. Neben der Blutgruppe oder bestimmter Eigenheiten in der Gewebestruktur handelt es sich übrigens auch um so lapidares wie die Grösse oder das Gewicht einer Person. Nieren oder Leber von 60 Kilo schweren Spendern mit 1,7 Meter Grösse lassen sich oft schwer bei 1,9 Meter grossen Empfängern, die über 100 Kilo wiegen, verbinden.
C. Die Wartezeit: Sie spielt speziell bei weniger ins Gewicht fallenden Punkten A und B. eine grosse Rolle. Wer dann schon länger auf der Liste steht, erhält das verfügbare Organ eher.
D. Chancengleichheit: Wenn irgend möglich versuchen die Mediziner und Zuteilenden Minderheiten nicht schlechter zu behandeln als Mehrheiten. Ein gutes Beispiel ist hier die Blutgruppe: Ein seltener Angehöriger der Gruppe 0 bekommt eher ein Organ eines Spenders mit Blutgruppe 0, auch wenn dieses ebenfalls mit häufigeren Blutgruppen verträglich wäre.
Quellen: Swisstransplant, Bundesamt für Gesundheit (BAG)

Autor: Reto Meisser

Fotograf: René Ruis