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06. August 2014

So war das 31. Gurtenfestival

Das Migros-Magazin war zauf dem Berner Hausberg unterwegs. Dieses Jahr kamen 78000 Musikbegeisterte auf den Gurten. Bei 30 Grad tanzte das Festival-Volk zu The Kooks, The Prodigy, Bastian Baker, Kodaline und Franz Ferdinand.

Gurtenfestival
Auf dem Gurten liegt Liebe in der Luft.

Samstag, 22:00: Massive Bass-Attacke

Zum Depri-Sound von Massive Attack verabschieden wir uns vom Güsche. Es waren zwei wunderbare Tage! Wie es sich gehört, haben wir alle anfänglichen Vorsätze über Bord geworfen: Das Frauenpissoir getestet, einen kleinen Sonnenbrand geholt, keinen rutschfesten Schlafplatz, dafür ein Prinzessinnenschloss gefunden. Auch den Eisbären haben wir nicht angetroffen - und wissen trotzdem, wo der Bär steppt. Zum Glück hat unser Fotograf einen Helikopter-Flug gemacht und ich habe unterdessen mit William Fitzsimmons den schönsten Bartträger und mit Steve Garrigan von Kodaline den neuen Lieblingsfrontmann gefunden. Danke Bastian Baker, Franz Ferdinand und The Kooks für die super Stimmungsmache! Und: Das Gurtenfestival hat den Preis für das sauberste Open Air der Schweiz verdient. Das liegt übrigens sicher auch daran, dass es zwar Depot auf jede Gabel, aber keine Jetons gibt. So gibt es wenigstens monetäre Anreize, sein eigenes oder fremdes Geschirr einzusammeln.

Samstag, 19:30: Die Menge ausser Kontrolle

Die Abendsonne ist nach einer klitzekleinen Regenschauer zurück, die letzten Berner haben es von der Badi hoch auf den Gurten geschafft. Die Schotten Franz Ferdinand finden indes, das Gurten-Publikum sehe richtig glücklich aus. Wir finden, daran sind sie Schuld! Das Publikum hüpft im Kreis. Die Jungs müssen das Gurtenpublikum natürlich nicht zweimal fragen, ob sie noch eine Zugabe hören möchten. Ich wage die Hypothese, dass es keine andere Band am 31. Gurtenfestival bisher geschafft hat, die Menge derart zum Ausrasten zu bringen. Britpop-Bands spulen ja teilweise auch ziemlich unterkühlt ihr Programm runter, aber Franz Ferdinand waren echt sympathisch. Man merkte ihnen während der ganzen Bühnenshow den Spass an, sie hatten keine Berührungsängste mit dem Publikum und sind wohl die Einzigen, die zu viert ein Schlagzeug bearbeiten und gleichzeitig das Publikum anheizen können. Chapeau!

Samstag, 18:00: Je nackter, desto besser

Der Dresscode ist mittlerweile: Je nackter, desto besser. Jeder überflüssige Fetzen Stoff bedeutet Schwitz-Kollaps. Bei den Frauen ist zum ersten Mal seit den 90ern wieder bauchfrei im Trend, die Männer zeigen ihre Sixpacks oder Wohlstandsbäuche. Bei so viel nackter Haut fallen natürlich die zahlreichen Tattoos auf. Am Open Air St. Gallen haben wir uns über temporäre Gesichtsbemalung berichtet, heute soll es um permanente Körperverzierungen gehen.

Samstag, 16:00: Schatten verzweifelt gesucht!

Um 16 Uhr herrscht wieder die allgemeine Hitze-Ermüdung. Zum Glück spielt aber Frauenschwarm Bastian Baker auf der Hauptbühne. Er lockt mit seinem flotten Sound und seinen Sprüchen sogar die Schlafenden am Hang aus der Reserve. Bei «I Sing For You» sind alle Hände in der Luft, das findet Bastian «wundergeil»! Einen kleinen Witz am Rande konnte auch er sich nicht verkneifen: «Es ist normal, dass wir alle schwitzen, denn wir sind Schwitzer!»

Samstag, 14:45: Folk zum Zmorge

Die süsse Belgierin Selah Sue bewies 75 Minuten lang auf der Hauptbühne, dass wir von ihr noch viel hören werden. Auffallend am Gurten im Vergleich zum Open Air St. Gallen: Fast alle Bands bekommen einen Slot von über einer Stunde. In St. Gallen spielten nur die Headliner so lang, alle anderen Bands höchstens 45 Minuten. Das beweist einmal mehr, dass Musik auf dem Gurten einen hohen Stellenwert hat. Weiter oben auf der Zeltbühne zeigte die Berliner Band Mighty Oaks , dass toller Folk nicht unbedingt von weither kommen muss.

Wir drehten in der Zwischenzeit unsere obligate Runde durchs Gelände und statteten natürlich auch dem Prinzessinnenzelt noch einmal einen Besuch ab.

Samstag, 12:00: Blaue Flecken und ein Beiss-Gate

In den Zelte wird es heiss
In den Zelte wird es heiss.

Guten Morgen, Güsche! Bei einer deftigen Portion Rösti mit Speck lasse ich die Nacht Revue passieren. Die musikalischen Highlights des Freitags beginnen mit K: Kodaline verzauberten das Zeltbühne-Publikum und brachten das vorwiegend weibliche Publikum zum Mitsingen, später spielten The Kooks so lässig und routiniert auf der Hauptbühne, als hätten sie nie etwas anderes getan. Irgendwann nach Mitternacht erinnerte die Menge dann eher an pöbelnde Fussballfans (oder Fussballer) als an eine friedliche Festivalmeute. Ich wurde in die Schulter gebissen, zwar nicht von Suarez, aber von einem betrunkenen Tubel, der das für eine wirkungsvolle Flirt-Methode hielt. Kam nicht ganz so gut an. Der Auftritt von The Prodigy versetzte das Gurtenvolk dann endgültig in einen psychedelischen Zustand: Es wurden Pyros gezündet, das Bier spritzte durch die Luft und die Menge pogte. Wer den Begriff Pogen nicht kennt: Er kommt ursprünglich aus dem Punk. Man bildet einen Kreis, in den man je nach Lust und Laune hineinspringt und sich möglichst heftig anrempelt. Erklärt auch meine blauen Flecken. The Prodigy beschränkten ihre Interaktion mit dem Publikum übrigens auf den Spruch «Where are all my swiss people?», oder «all my fucking people!?», der stets mit lauten Grölen quittiert wurde.

Nach einem Abstecher zum Geheimtipp am Gurten, der Bamboo Bar, verliessen mich meine Kräfte und ich kroch in mein Zelt. Bonaparte hörten sich von weitem ganz gut an. Zwischen 6 und 8 Uhr kehrte dann tatsächlich Ruhe auf dem Zeltplatz ein, abgesehen von ein paar Schnarchern war es zwei Stunden lang totenstill. Nur mein deutscher Zeltnachbar brachte es immer wieder grunzend auf den Punkt: «Ey Alter, ist das unbequem!»

Um 8 Uhr brannte dann schon wieder die Sonne vom Himmel, nur das Gelände öffnete erst um 10 Uhr. Zeit also für die Morgentoilette. Ich wäre ja total für eine Massage zu haben, aber das Shiatsu-Zelt ist noch geschlossen. Die meisten lungern noch im Schatten herum und stärken sich mit einem Milch-Zmorgenpäckli. Der Infostand meldet unterdessen dutzende gestohlene Portemonnaies. Auch auf dem Zeltplatz wurden anscheinend Zelte aufgeschlitzt und Wertsachen entwendet. Schade, schade! Wir sind trotzdem gespannt auf den Güsche-Samstag und freuen uns auf Bastian Baker, Pegasus und Franz Ferdinand.

Freitag, 23:30: Das Publikum feiert (sich selbst)

Der französische Musiker Ben l`Oncle Soul brachte den Soul auf den Gurten, das Zeltbühne-Publikum feierte ihn und sich selbst fast noch lieber.

Freitag, 21:30: Von Bühne zu Bühne

Jetzt heisst es sputen zwischen den drei Bühnen: Ein musikalischer Top-Act jagt den anderen. Auf der Waldbühne spielten Stiller Haas gleichzeitig wie Kodaline auf der Zeltbühne, nun sind The Kooks auf der Hauptbühne dran. Ich komme gar nicht mehr hinterher vor lauter Mitsingen, Filmen, Fotografieren und Mittanzen!

Freitag, 20:30: Der Gurten aus der Vogelperspektive

Unser Fotograf Pascal Mora durfte im Heli mitfliegen und hat den Gurten von oben festgehalten.

Freitag, 19:30: Beim John Butler Trio bleibt kein Tanzbein still

John Butler. Bild: Pascal Mora
John Butler. Bild: Pascal Mora

Mittlerweile ist es nur noch warm, also endlich Zeit, das Tanzbein zu schwingen. Das John Butler Trio aus Australien macht es dem Gurtenvolk aber auch verdammt einfach, die Jungs grooven! Noch dazu kommt John Butler schon mal auf unsere Liste der bestaussehensten Frontmänner. Very hot!

Freitag, 19:00 Uhr: Es riecht nach... Landluft!

Ja, so ist das eben, wenn 20000 Menschen und ihre Ausscheidungen von 32 Grad erwärmt werden: Es stinkt gewaltig! Passt ja zur Essenszeit. Die Schlangen an den Food-Ständen sind lang, gewiefte Diebe machen mit Bechern, Tellern und Gabeln ein Heidengeld und wir warten auf den Auftritt von John Butler Trio aus Down Under.

Freitag, 18:30: Die Neugier hat gesiegt!

Diese Helferin verteilt die Trichter vor dem Peeasy. Bild: Pascal Mora
Diese Helferin verteilt die Trichter vor dem Peeasy. Bild: Pascal Mora

Eigentlich wollte ich ja einen grossen Bogen um das Frauenpissoir machen, aber dann konnte ich es trotzdem nicht lassen und musste es testen. Jetzt kriege ich die Bilder von kichernden Frauen mit heruntergelassenen Hosen nicht mehr weg. Peeasy wirbt mit dem Slogan: «Ein Frauentraum wird wahr». Die Frau neben mir stand und stand, starrte auf den Trichter, hörte das Plätschern, schrie irgendwann «Das macht mi fertig!», drehte sich kurzerhand um und machte es dann doch wie im Wald. Eine andere schrie begeistert «Ich bi Fan, das choufi grad!» Ich finde das eine ziemlich gruusige und noch dazu unökologische Angelegenheit und belasse es gerne bei der Erfahrung, dass ich einmal in meinem Leben im Stehen pinkeln konnte.

Freitag, 16:50: Hitzestarre auf dem Gurten

Family of the Year aus Kalifornien sind zum ersten Mal auf dem Gurten und haben sich ja wirklich Mühe gegeben, aber um 16 Uhr bei gefühlten 50 Grad im Schatten zu spielen, ist eine eher undankbare Aufgabe. Vor der Hauptbühne ist die Stimmung etwas verhalten, die Menge drängelt lieber im Schatten. Tanzen? Geht beim besten Willen nicht. Der Schweiss fliesst, die Kleidungsstücke werden rar! Bei ihrem Hit «Hero» konnten wir dann wenigstens mitgrölen. Kann jemand mal die Aare hier auf den Berg holen? Abkühlung dringend gesucht!

Freitag, 14:30: Our heart belongs to Gurtenfestival

Wir haben bereits einen Rundgang durch das Gelände gemacht und unterwegs definitiv unser Festivalherz an den Gurten verloren. Hier stimmt einfach alles: Das Gelände ist übersichtlich, die Leute kommen wegen der Musik und nicht nur fürs Zelten, die Stimmung ist friedlich und an jeder Ecke kennt man jemanden.

Bei der Gurtenstation kommen immer noch scharenweise Besucher an und werden direkt mit frischem Most begrüsst. Ein paar wenige nehmen auch freiwillig den 20-minütigen Aufstieg auf sich (meist leicht bekleidet). Auf dem Zeltplatz machen einige noch ein Mittagsschläfchen im Schatten oder spielen Volleyball. The Gardener and the Tree aus Schaffhausen versuchen sich auf der Waldbühne im Berner Dialekt («Sali Giele!»), auf dem Märit wird fleissig geshoppt und die Schweizer Band Yokko rockt die Zeltbühne.

Einmal eincremen, bitte! Bild: Pascal Mora
Einmal eincremen, bitte! Bild: Pascal Mora

Freitag, 13:00: Wer wurde schon vom eigenen Schweiss aus dem Zelt gespült?

Der Ansager auf der Bühne wünscht «Guete Morge!» Wer freiwillig aus dem Zelt gekrochen ist oder vom eigenen Schweiss rausgespült wurde, der hat jetzt das Glück, von William Fitzsimmons sanften Gitarrenklängen aufgeweckt zu werden. Dabei noch ein bisschen eincremen lassen - perfekt!

Freitag, 12:30 Uhr: Grüessech, Güsche!

Der Vormittag verlief schon mal reibungslos: Kein Anstehen an der Gurtenbahn, das Bähnli lief nach der gestrigen Panne wieder einwandfrei. Mein Wurfzelt war in der Sleepingzone innerhalb von zwei Minuten aufgestellt. Schade nur, dass mir ein Zeltplatz am Hang zugewiesen wurde. Dabei gäbe es noch eine ebene Fläche! Noch wurde die aber nicht freigegeben.

Die Sonne brennt vom Himmel, das Festivalvolk lümmelt im Schatten der wenigen Bäume auf dem Gelände oder unter den mitgebrachten Sonnenschirmen herum. Bald geht`s los mit dem US-amerikanischen Singer-Songwriter William Fitzsimmons. Der Soundcheck klang schon mal vielversprechend. Gestern durften schon Milky Chance und Cypress Hill ran, heute freuen wir uns auf Family of the Year, John Butler Trio, Kodaline, Stiller Haas, The Kooks und The Prodigy.

Unsere Vorsätze für das diesjährige Gurtenfestival:

Bild: iStockphoto
Bild: iStockphoto

1. Keinen Sonnenbrand holen
30 Grad und blauer Himmel am 31. Gurtenfestival: Klingt nach einer schwitzigen Angelegenheit. Eincremen nicht vergessen!

Bild: Pascal Mora
Bild: Pascal Mora

2. Go green`n`clean
3000 liegengelassene Zelte am Open Air St. Gallen, 150 Tonnen Abfall in Frauenfeld – keine schöne Bilanz! Am 31. Gurtenfestival zeigen wir den Güsel-Sündern, dass man Abfall gfälligscht entsorgt und sein Zelt mit nach Hause nimmt.

Bild: iStockphoto
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3. Den längsten Hipster-Bart finden
Am Open Air St. Gallen haben wir bereits den Rucksäckli-König gekürt. Auch auf dem Güsche wollen wir den schönsten Hipster finden. Diesmal das Kriterium: Wer hat den coolsten Bart?

Bild: iStockphoto
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4. Wissen, wo der Bär steppt
Das diesjährige Güsche-Maskottchen ist der Eisbär. Er hat die Festival-Jury mit seiner stattlichen Postur, dem schönen weissen Fell und natürlich seiner guten Allgemeinbildung überzeugt. Wir sehen uns hoffentlich an der Bamboo Bar, lieber Kollege aus Grönland!

Bild: zVg
Bild: zVg

5. Einen grossen Bogen um das Frauenpissoir machen
Jetzt mal im Ernst, es ist ja wirklich lobenswert, dass Mann sich Gedanken um die arme Frau macht, die sich am Festival in der WC-Warteschlange die Beine in den Bauch steht. Aber mit einem Trichter am Pissoir stehen? Nei messi. Dann lieber anstehen.

Noah Veraguth der neue Lieblingsfrontmann der Massen? Sicher nicht, meint Silja Kornacher.
Noah Veraguth der neue Lieblingsfrontmann der Massen? Sicher nicht, meint Silja Kornacher.

6. Neuen Lieblings-Frontmann finden
Dan Reynolds von Imagine Dragons hat am Open Air St. Gallen die Frauenherzen im Sturm erobert. Jetzt brauchen wir einen Neuen zum Anhimmeln. Skor wird’s schon mal nicht. Noah Veraguth von Pegasus auch nicht. Keith Flint von The Prodigy ist auch kein Kandidat. Steven Garrigan von Kodaline vielleicht?

Bild: Getty Images
Bild: Getty Images

7. Einen rutschfesten Schlafplatz finden
Zeltplätze, die nicht am steilen Gurten liegen, sind rar. Gehört man nicht zu den Glücklichen, die einen ebenen Platz haben, blüht einem folgendes Szenario: Man wacht im 10-Minuten-Takt in verrenkten Positionen beim Zelteingang auf, den Reissverschluss-Abdruck im Gesicht, und robbt mit letzter Kraft das Mättchen hoch, bevor die Rutschpartie wieder von vorne losgeht. Aber wie wir wissen, ist Schlafen am Festival sowieso überbewertet.

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Pascal Mora