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16. Juli 2012

Das Trauma überwinden

Beim Unglück am Walliser Lagginhorn kamen fünf deutsche Bergsteiger ums Leben. Ein Vater musste mit ansehen, wie seine beiden Kinder in die Tiefe stürzten. Ein unendlich harter Schicksalsschlag. Und doch ist es für die Hinterbliebenen möglich, irgendwann wieder ein sinnerfülltes Leben zu leben, sagt Trauma-Experte Horst Kraemer.

Trauerfeier in Berlin
Vergangene Woche fanden in Deutschland die Trauerfeiern für die Opfer des Bergunglücks am Lagginhorn statt.

Trauer und Schmerz in den drei betroffenen Familien aus Deutschland sind unermesslich: Eine Mutter musste Sohn (17) und Ehemann (44) beerdigen, die andere ihren Sohn (21), und die dritte ihren Sohn (20) und ihre Tochter (14). Der Vater dieser beiden Kinder musste hilflos mit ansehen, wie sie in die Tiefe stürzten und tödlich verunglückten; er selber überlebte nur, weil er kurz vor dem Gipfel aufgeben musste. «Das ist die allerhöchste Form von Trauma: zuschauen zu müssen, wie seinen Kindern etwas Schlimmes widerfährt», sagt Psychotherapeut, Traumaexperte und Buchautor Horst Kraemer (51), der in Zürich und Hamburg arbeitet.

Schlagzeile aus der Tageszeitung
Schlagzeile aus der Tageszeitung

Können sich Einzelpersonen und Familien von solch einem Schicksalsschlag überhaupt je wieder erholen? «Ja, das habe ich mehrmals erlebt», sagt Kraemer. «Wenn es den Betroffenen gelingt, nach der ersten Schockstarre — die im Moment hilft, überhaupt weiterzufunktionieren — rasch die Nähe zu ihren Gefühlen wieder herzustellen.» Wut, Aggression, Schuldsuche, später dann Trauer und Bewältigung — diese Gefühle müssen durchlebt werden. «Den Stressspeicher auflösen», nennt das der Traumaexperte. Ganz wichtig: «Auf keinen Fall darf dabei eine Re-Traumatisierung passieren», betont Kraemer. «Das heisst, das aktive Verarbeiten muss nach etwa zwei, drei Monaten <Pufferzeit> behutsam und in kleinen Portionen geschehen.» Gelingt das dank guter Unterstützung, können sich nach ungefähr einem Jahr sachte neue Perspektiven eröffnen. «Einige Hinterbliebene reifen am Unglück, andere wechseln Beruf, Wohnort, die ganze Lebensform», weiss Kraemer. Für alle gilt: «Danach» wird das Leben nie mehr gleich wie zuvor. «Aber es kann wieder ein sinnerfülltes Leben werden.»

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Kann bei schweren Traumata eine Therapie oder nur Zeit die Wunden heilen? Die Umfrage.

Autor: Claudia Weiss