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26. Mai 2015

Das Steuerparadies in der Nachbarsgemeinde

Sie wohnen in Nachbarsgemeinden, doch die Kantonsgrenze – und damit ein unterschiedlicher Steuerfuss – trennt sie. Unter dem Strich geht die Rechnung für beide auf: Familie Birrer zahlt in Gisikon LU viel Steuern, kann sich dafür jedoch ein Eigenheim leisten. Singlefrau Aline Reichmuth gibt in Risch-Rotkreuz ZG weniger an den Staat ab, haust aber auf teurem Boden.

Aline Reichmuth auf der Terrasse ihres Studios
Hohe Bodenpreise, tiefer Steuerfuss: Aline Reichmuth auf der Terrasse ihres Studios in Risch-Rotkreuz.

Vor dem Hauseingang wachsen Obstbäume und Kräuter, auf dem Rasen stehen eine Kinderrutschbahn, ein Schwimmbecken und ein Riesentrampolin – und im Garten spriessen diverse Gemüsesorten. Es ist das Reich von Familie Birrer: Vater Reto (42), Mutter Karin (42) sowie den drei Kindern Christoph (6), Raphael (8) und Franziska (11). Das Ehepaar Birrer stammt ursprünglich aus dem Kanton Luzern, lebte jedoch mehrere Jahre im Kanton Zug, bevor es 2006 in Gisikon LU ein Eigenheim erstand.

Karin Birrer mit ihren Kindern Franziska, Raphael in ihrem Eigenheim
Tiefe Bodenpreise, hoher Steuerfuss: Karin Birrer mit ihren Kindern Franziska, Raphael in ihrem Eigenheim im luzernischen Gisikon(nicht im Bild: Vater Reto und Christoph).

In der Nachbargemeinde Risch-Rotkreuz ZG würden die Birrers laut des Internetvergleichsdienstes Comparis bei einem steuerbaren Einkommen von 70' 000 Franken rund 5000 Franken an Steuern sparen. Der hohe Steuerfuss im Kanton Luzern kümmert das Ehepaar aber nicht: «Uns war ein finanzierbares Eigenheim mit Umschwung wichtiger. Wir bezahlten damals 300 Franken pro Quadratmeter. Im Kanton Zug etwas Vergleichbares zu finden, wäre unmöglich gewesen», sagt Karin Birrer.

Im Kanton Zug was Vergleichbares zu finden, wäre unmöglich gewesen.

Als ehemalige Hauswirtschaftslehrerin ist es der Hausfrau wichtig, dass ihr Nachwuchs das Gemüse nicht nur aus dem Supermarkt kennt: «Meine Kinder helfen im Garten mit. Sie sehen, wie die Pflanzen wachsen und wie sie gepflegt werden müssen.» Deshalb rümpften sie wahrscheinlich auch die Nase nicht, wenn etwas Grünes auf dem Teller liege. Die gebürtige Aargauerin Aline Reichmuth (23) lebt nicht ganz freiwillig in Risch-Rotkreuz ZG. Sie hat im vergangenen Herbst die Polizeischule im Kanton Zug abgeschlossen und sich mit dem Antritt ihrer ersten Stelle verpflichtet, die kommenden drei Jahre im Kanton Zug zu wohnen. Ihre 2,5-Zimmer-Wohnung in der Siedlung Suurstoffi unweit des Bahnhofs ist mit einem Mietzins von rund 1500 Franken inklusive Nebenkosten und Tiefgarage vergleichsweise günstig. Der Bodenpreis an dieser Lage dürfte hingegen nicht ganz so günstig sein: Die Besitzerin der Siedlung, die Zug Estates AG, will diesbezüglich keine Auskunft geben.

Kleine Wohnfläche, viel Ruhe
Die Wohnung ist eigentlich bloss ein Studio mit Trennwand zum Schlafzimmer und nur rund 50 Quadratmeter gross. Zudem befindet sie sich im Erdgeschoss eines Wohnblocks mit vier Etagen. Nicht jede junge Frau wäre bereit, allein in dieser Parterrewohnung zu leben. Als Polizistin fürchtet sich Aline Reichmuth aber nicht vor ungebetenen Gästen. Sie schätzt vor allem die Ruhe in der Siedlung. «Ich bin eigentlich nur zum Schlafen hier. Darum bin ich froh, dass in der Siedlung kein motorisierter Verkehr erlaubt ist.» Wie viel Steuern sie einspart, weil sie im Kanton Zug und nicht etwa im Kanton Luzern wohnt, weiss sie nicht genau: «Über den Daumen gepeilt, dürfte es ein Monatslohn sein.» 

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Salvatore Vinci