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29. Oktober 2012

Das starke Geschlecht

In Appenzell Ausserrhoden wurden letztes Jahr 41 Prozent mehr Buben als Mädchen geboren. Das steht im Widerspruch zum internationalen Trend. Doch welche Faktoren beeinflussen das Geschlecht eines Kindes?

Mädchen oder Junge? Darüber entscheiden nicht zuletzt die 
Lebensumstände der Eltern. (Bild: Getty Images)

Die aktuellen Zahlen zur Schweizer Geburtenrate, vorgelegt vom Bundesamt für Statistik, geben ein Rätsel auf: Im Kanton Appenzell Ausserrhoden wurden letztes Jahr 41 Prozent mehr Buben als Mädchen geboren. Zufall? «Dank Pränataldiagnostik wäre es heute theoretisch möglich, dass es zu einem solchen Überschuss an männlichen Babys kommt», sagt der Soziologe François Höpflinger. Wahrscheinlich sei es aber nicht. Denn Abtreibungen dürften in einer ruralen Gegend, wo eher konservative Wertvorstellungen herrschten, weniger ein Thema sein. Daher warnt Höpflinger vor vorschnellen Schlüssen: «Der Kanton Appenzell ist viel zu klein, als dass die Zahlen statistisch relevant wären!»

Tatsächlich steht die Appenzeller Statistik im Widerspruch zur aktuellen Tendenz: Internationale Studien zeigen, dass in den Industrienationen Jahr für Jahr weniger Buben geboren werden.

Über den Bubenmangel zerbrechen sich internationale Forscherteams die Köpfe. Wissenschaftlich belegt ist, dass das Gewicht der Mutter vor der Geburt einen entscheidenden Einfluss auf das Geschlecht des Babys hat. So gebären Frauen mit einem Gewicht von weniger als 54 Kilogramm deutlich weniger Söhne. Die Ursache für dieses Phänomen ist noch ungeklärt. Generell reagieren männliche Samenzellen und Embryonen besonders empfindlich auf psychische und physische Belastungen. So erleidet nach Erdbeben oder Naturkatastrophen die männliche Geburtenrate einen Knick. Sogar nach dem Mauerfall in Berlin sind 1991 einige Hundert Buben weniger zur Welt gekommen. Auch Chemikalien in der Umwelt verschieben das Gleichgewicht zwischen Jungen und Mädchen, wie 1976 der Chemieunfall von Seveso (Italien) zeigte. Die Rückschlüsse der Forscher: Weibliche Embryonen sind robuster und überleben unter schwierigen Bedingungen eher als männliche. Und der Fall Appenzell Ausserrhoden? Dort verläuft das Leben scheinbar noch in geregelteren Bahnen als anderswo, und das weibliche Schönheitsideal orientiert sich nicht an Size Zero.

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Autor: Silvana Ceschi