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12. März 2012

«Das Smartphone ist die neue Fernbedienung des Lebens»

Google, Facebook, Twitter und Co. sind im Begriff, unser Leben zu verändern. Ähnlich wie das Auto vor 100 Jahren. Peter Wippermann, einer der führenden Trendforscher Deutschlands, ist überzeugt: Wer bei den neuen sozialen Medien nicht angeschlossen ist, wird von der Gesellschaft bald ausgeschlossen.

Peter Wippermann
Peter Wippermann ist überzeugt: Die sozialen Netzwerke sorgen für mehr Transparenz, auch in der Politik.

Wozu nutzen Sie die sozialen Netzwerke? Beziehungspflege, Werbung oder Information – verraten Sie uns Ihre Motivation online.

Peter Wippermann, was bedeutet Ihnen Ihre Privatsphäre?

Ich schätze meine Privatsphäre und kann nicht erkennen, dass sie in Gefahr sein sollte. Ich bestimme ja selbst, welche Daten ich freigebe und welche nicht.

Die Frage war nicht moralisch gedacht. Es gibt aber immer mehr Menschen, die ihre persönlichen Daten als eine Art Businessmodell betrachten. Was halten Sie davon?

Das tun heute alle Menschen, die in den Netzwerken von sozialen Medien tätig sind. Da hat sich ein solcher Tauschhandel mit persönlichen Daten entwickelt.

Auf Kosten der Privatsphäre.

Privatsphäre ist kein vom Staat garantiertes Recht. Jeder Einzelne ist selbst für seine Privatsphäre verantwortlich.

Wer nicht von Google gefunden werden kann, der existiert nicht, heisst es. Wie weit kann man sich da eine Privatsphäre überhaupt noch leisten?

Ich sehe das eher als eine Art Selbstmarketing. Früher hat man seinen Status innerhalb von Institutionen erkämpft, indem man sich hochgedient hat. Heute kann man im Netz der sozialen Medien seinen Status mit Selbstvermarktung verbessern.

Jeder Einzelne ist selbst für seine Privatsphäre verantwortlich.

Ist das nicht Narzissmus in Reinkultur?

Es hat eine selbstverliebte Komponente, aber sie hat einen ökonomischen Sinn.

Wie weit vermarkten Sie sich selbst?

Beruflich bin ich bereit, alles auszuprobieren, was es im Moment gibt.

Was heisst das konkret? Twittern Sie?

Nein, aber ich habe eine spezielle Software auf meinem Computer installiert. Wenn ich mich einlogge, dann wird auf meiner Homepage sichtbar, was ich im Moment wo mache.

Würde man also jetzt Ihre Homepage aufrufen, dann würde man erfahren, dass Sie mitten in einem Interview mit dem Migros-Magazin stecken.

Genau.

Was bringt Ihnen das?

Ich habe viele Beziehungen in meinem Netzwerk. So erfahre ich beispielsweise, wenn sich ein Bekannter oder eine Bekannte zufällig in der Nähe von mir aufhält und wir uns spontan verabreden könnten.

Entwickelt ein solches Programm nicht eine Eigendynamik, der Sie sich mit der Zeit nicht mehr entziehen können?

Überhaupt nicht. Ich kann jederzeit eine Auszeit nehmen, wenn ich das will.

Bei Facebook werden Sie aus einem Freundeskreis geschmissen, wenn Sie nicht regelmässig mitmachen.

Das ist im realen Leben genau gleich. Wenn Sie ihren Freundeskreis nicht pflegen, verlieren Sie ihn.

Privatsphäre ist eine bürgerliche Errungenschaft. Sind wir als Gesellschaft im Begriff, sie zu verlieren?

Privatsphäre ist ein Produkt der Industriegesellschaft. Sie hat dazu geführt, dass die Arbeitszeit fremdbestimmt ist, dass man aber dafür in der Freizeit machen kann, was man will.

Wird diese Trennung nun im digitalen Zeitalter wieder aufgehoben?

Arbeits- und Freizeit nähern sich tatsächlich immer mehr an, und die Arbeit wird immer weniger fremdbestimmt. Privatsphäre wird so immer mehr zu einem Luxus.

Wird man sich aus den neuen sozialen Netzwerken überhaupt noch fernhalten können?

Das wird definitiv nicht mehr möglich sein. Wer nicht angeschlossen ist, ist ausgeschlossen. Ihre Sozial- und Gesundheitsdaten werden im Netz erfasst sein. Sogar Ihr Hund wird bald einen Chip implantiert haben, der festhält, ob Sie die Steuer für ihn bezahlt haben. Im Parkhaus werden Sie digital überwacht, jeder Laptop und jedes Smartphone hat eine Kamera.

Ist das nicht auch ein Albtraum?

Nur wenn man davon ausgeht, dass jemand ausserhalb des Systems ein Interesse daran hat, diese Daten zu sammeln und gegen Sie zu verwenden.

Können Menschen mit dieser totalen Überwachung leben?

Wir werden eine Ausdifferenzierung der Werte kriegen. Die Netze funktionieren nur, wenn die Menschen kooperieren. Kooperation spielt also eine zentrale Rolle. Die Netzwerke sind auch keine Pyramide, wo die Zehn Gebote vorgeschrieben werden. Die Werte entstehen vielmehr in den Diskussionen in diesen Netzwerken. So wird gerade jetzt in Deutschland intensiv darüber diskutiert, ob der neue Bundespräsident Joachim Gauck im Alter von 72 Jahren noch mit einer Freundin zusammenleben könne, wenn er das Amt annehme, oder ob er seine Partnerin heiraten solle.

Führt das zu mehr Toleranz oder zu mehr Fundamentalismus?

Zu mehr Toleranz, soweit ich das beurteilen kann.

Diese Toleranz hört jedoch bei Politikern auf. Die können sich nicht mal einen Kaffee spendieren lassen, ohne öffentlich hingerichtet zu werden.

Es geht um Haltung. Es geht nicht mehr darum, Geheimnisse zu hüten, sondern Transparenz zu leben.

Ist das so toll? Präsident Mitterrand hatte eine Freundin und eine Tochter mit ihr. Viele Journalisten wussten das, keiner schrieb darüber. Das ist heute unmöglich geworden.

Es ist einfach eine Tatsache, dass sich in Netzwerken Macht demokratisiert und nicht mehr zentral gesteuert werden kann.

Ist das wirklich Demokratie?

Es ist ganz einfach ein statistisches Mass. In dem Moment, in dem eine bestimmte Auffassung eine Mehrheit in der Bevölkerung hat, ist das eine politische Realität, die man nicht mehr ignorieren kann.

Kann man eine Gesellschaft noch regieren, wenn es möglich ist, in Echtzeit zu wissen, was eine Mehrheit zu praktisch jedem Problem denkt?

Ja, ich glaube an die Schwarmintelligenz. Früher hat man einen Politiker für einen bestimmten Zeitraum — meistens vier Jahre — gewählt und nachher entschieden, ob er es gut gemacht hat oder nicht. Jetzt mischen sich die Menschen jederzeit ein.

Wird ein solches System nicht viel zu volatil, um überhaupt noch beherrscht zu werden?

Es entsteht in diesen Netzen tatsächlich eine grosse Dynamik und eine grosse Volatilität. Die Stabilität des Systems garantiert die Haltung, von der wir gesprochen haben. Darum ist diese Haltung auch so wichtig.

Befürchten Sie nicht, dass die Schwarmintelligenz zu einem Terror der Masse verkommt?

Nein. Schwarmintelligenz gab es früher deswegen nicht, weil es technisch nicht machbar war. Heute macht sich jedes vernünftige Unternehmen — ob Wal-Mart, Apple, Facebook — die Schwarmintelligenz zunutze. Auch die Migros macht dies mit Migipedia, hervorragend übrigens.

Sie als Professor, richten Sie sich nach der Schwarmintelligenz ihrer Studenten?

Ich habe die technischen Möglichkeiten dazu nicht. Hätte ich sie, wäre das Einbeziehen der Schwarmintelligenz hochinteressant. Ich wüsste dann sofort: Was interessiert meine Studenten? Was haben sie begriffen? Und wenn meine Botschaft bei ihnen nicht ankommt, kann ich erkunden, wie mir das besser gelingt.

Vor 100 Jahren hat das Auto die Gesellschaft neu definiert, heute spielt das Internet diese Rolle.

Und beim Arzt? Ist es okay, dass heute viele Patienten zum Arzt gehen und ihm genau vorschreiben wollen, was er zu tun hat, nur weil sie ein paar Stunden im Internet gesurft oder in einem Forum gechattet haben?

Aus der Sicht des Arztes natürlich nicht. Für die Patienten kann es aber sehr befreiend sein, wenn sie sich mit anderen, die die gleiche Krankheit haben, austauschen und so eine andere Sicht gewinnen.

Ist Expertenwissen heute nichts mehr wert?

Ein guter Experte wird immer eine Sonderstellung haben. Nur warum soll ein Privatmensch auf einem Gebiet, das ihn wirklich interessiert, nicht die Informationen holen, die er braucht und die für ihn wichtig sind? Nehmen Sie den Klimawandel. Jetzt wollen Experten, die von Energieunternehmen bezahlt werden, uns glauben machen, es gebe gar keinen Klimawandel. Es ist doch gut, dass in den sozialen Medien eine Gegenmacht gegen solche Experten entstanden ist.

In neue Technologien werden immer grosse Hoffnungen projiziert. Das gilt auch für das Internet. Werden die sozialen Medien uns eine bessere Gesellschaft bringen?

Vor rund 100 Jahren hat das Auto die Gesellschaft neu definiert. Heute spielt das Internet diese Rolle. Probleme werden ganz anders gelöst, neue Berufe entstehen. Bis wir neue Regeln für diesen Prozess entwickelt haben, wird es vielleicht noch 40 Jahre dauern. Es dauerte auch seine Zeit, bis die Strassenvorschriften entstanden sind, schauen Sie sich bloss die alten Charlie-Chaplin-Filme an, wo es noch keine Rotlichter gab und man nicht wusste, auf welcher Strassenseite man zu fahren hatte.

Das Auto brachte einen neuen Lebensstil. Wie sieht das mit dem Internet aus?

Genau gleich. Das Smartphone ist die neue Fernbedienung des Lebens, aber wir wissen noch nicht, welche Knöpfe wir wann drücken müssen.

Autor: Philipp Löpfe

Fotograf: David Maupilé