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20. Februar 2017

Das schwarze Loch nach der Geburt

Nach der Geburt geriet Annette in eine Abwärtsspirale: Ihre postpartale Depression bekam sie erst mit Medikamenten und Therapie in den Griff.

Annette litt beim ersten Kind an einer postpartalen Depression
Beim zweiten Kind war vieles besser: Annette mit Tochter und Sohn.

Annette (36) freute sich sehr auf die Geburt ihrer Tochter Lia* (5). Doch es wurde eine sehr lange, strenge Niederkunft. «Ich war danach total aufgekratzt, konnte weder essen noch schlafen.» Sie beruhigte sich nicht, daheim ging die Abwärtsspirale weiter: Sie schlief schlecht, hatte keinen Appetit, war antriebs- und kraftlos, fühlte sich stets erschöpfter. «Die kleinste Handlung war eine Riesenanstrengung. Ich dachte, das Leben ist vorbei.»

Statt Muttergefühle empfand sie totale Leere. Alles war ihr zu viel. «Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren, schaffte es nicht mal mehr, einen Brief zu lesen.» Wie ein Rollladen, der runtergezogen worden war. «Ich wollte nur noch liegen bleiben, schlafen, sterben.» Das Umfeld verstand sie nicht. Ihr Mann, ein Südamerikaner, war total überfordert. So etwas kannte er nicht, so etwas gäbe es nicht bei ihm, fand er. Das Gegenteil ist der Fall: Die postpartale Depression ist weltweit verbreitet und kommt in Südamerika ebenso häufig vor wie in der Schweiz. Gleich ist wohl weltweit: Man spricht kaum darüber.

Der Leidensdruck wurde zu gross

Zu Hause ging es nicht mehr, Annette ging mit ihrem Töchterchen in eine Mutter-Kind-Klinik. Dort sagten sie ihr, sie leide nur an Erschöpfung, trotz eindeutiger Symptome. Sie war kurz daheim – bis ihr Vater sie in die Notfallpsychiatrie brachte, wo sie endlich Medikamente erhielt. «Ich habe die Antidepressiva nicht leichtfertig genommen. Aber ich hatte keine Wahl. Der Leidensdruck war zu gross», sagt Annette. «Dadurch wurde ich überhaupt wieder handlungsfähig.»

Für ihre kleine Tochter empfand sie nur wenig. «Das belastete mich. Ich wusste, dass sie Nähe und Liebe braucht, die ich ihr nicht geben konnte.» Sie ertrug es nicht, wenn die Kleine im gleichen Zimmer schlief. «Ich erwachte bei jedem Mucks, war die ganze Nacht wie auf Nadeln.» Gleichzeitig brachte sie es nicht übers Herz, das Baby abzugeben: «Ich habe angefangen zu heulen, wenn das Gotti mit Lia spielte.»

Dank Therapie und Medikamenten ging es ihr von Woche zu Woche besser. Als Annette wieder schwanger wurde, bereitete sie sich vor: «Ich gebar in einem Geburtshaus, nahm mir mehr Zeit, suchte im Vorfeld eine spezialisierte Psychiaterin.» Das half nur bedingt, wieder durchlief sie eine kleine Irrfahrt durch Spitäler bis zur psychiatrischen Uniklinik.

Noch ist das Betreuungsangebot in der Schweiz mager. «Spezielle Kliniken, Kriseninterventionszentren oder psychiatrische Abteilungen bieten Plätze an», weiss Helen Hürlimann Welstead. «Leider gibt es aber noch immer viel zu wenige passende Angebote.» Denn diese müssen sich sowohl um die Bedürfnisse des Kindes als auch um die Krankheit der Mutter kümmern können.

Beim zweiten Kind Leo (2) war trotz Depression vieles anders und besser: «Ich hatte von Anfang an viel Körperkontakt mit dem Kind, bekam Unterstützung vom Umfeld.» Die Beziehung mit ihrem Mann ging in die Brüche. Schuld gibt sie aber nicht der Depression – das Verhältnis sei schon immer schwierig gewesen.

Heute ist Annette alleinerziehend, arbeitet 50 Prozent als Journalistin. Nun ist sie eines dieser Mamis, die sie vor nicht allzu langer Zeit noch bewunderte. Und nie geglaubt hätte, selber je so glücklich zu sein zu.

* Name der Redaktion bekannt

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Vera Hartmann