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07. November 2016

AKW-Lehrling erhofft sich eine sachlichere Diskussion

Daniel Christen macht seine Automatiker-Lehre im Kernkraftwerk Leibstadt AG. Ein Gespräch über eine Branche mit ungewisser Zukunft – und was der 19-Jährige von alternativen Energien hält. Lesen Sie dazu, welche Argumente «Pro und Contra zum Atomausstieg» die Befürworter und Gegner ins Feld führen.

Daniel Christen
Macht die Berufsbildung im KKW Leibstadt: Daniel Christen. (Bild zVg)

Herr Christen, Kernenergie ist stark in der Kritik. Warum entscheidet man sich als junger Mensch, seine Zukunft in diese Branche zu legen?
Ich war auf der Suche nach einer Lehrstelle, der Vater eines Freundes meinte dann zu mir: Schau dir doch mal das Kernkraftwerk Leibstadt an, die haben eine spannende und interessante Berufsausbildung. Ich bin technisch begeistert, ich will etwas gestalten, neue, schwierige Fragestellungen lösen.

Wären Sie hier gelandet, wenn Sie aus dem Appenzell stammten?
Nein, weil der Arbeitsweg zu lange wäre. Der Vater meines Freundes hätte mir den Job aus diesem Grund auch nicht empfohlen. Aber ich wohne ja im Kanton Aargau. Und der Kanton Aargau ist ein Stromkanton. Für viele Einwohner ist die Strombranche mit ihren Kraftwerken ein attraktiver Arbeitgeber.

Für Aargauer gehören Kernkraftwerke also zum Alltag?
Geliebt werden sie vielleicht nicht, aber sie gehören dazu. Für uns Aargauer sind sie ganz normal, eine «beiläufige» Sache. Meine Familie und ich wohnen in der Nähe von Schneisingen. Jodtabletten in der Schublade gehören zum Alltag, seit ich denken kann. Bei uns zu Hause war nie Thema, dass wir nahe beim Kernkraftwerk wohnen. Wenn ich in meinem Umfeld erzähle, wo ich die Lehre mache, sagen die Leute: «Cool, was machst du dort?» Sie kommen nicht mit moralischen Fragen.

Und Ihre Familie?
Meine Eltern fanden es super, sie sind stolz auf mich. Meine Schwester wollte von Kernkraft nichts wissen, sie hat Angst. Als ich ihr sagte, ich arbeite jetzt im Kernkraftwerk Leibstadt, ist sie erschrocken. Sie wollte mich lange nicht besuchen kommen. Kürzlich ist sie dann doch gekommen und hat sich alles angeschaut. Sie ist jetzt nicht gerade Fan, aber ihre Angst hat sich gelegt.

Alles, was man sieht, ist ein grosser Blumentopf in einer Landschaft.

Warum, denken Sie, haben viele Menschen Angst vor der Kernenergie?
Weil sie nicht fassbar ist. Der Vorgang der Kernspaltung ist so komplex. Und nicht sichtbar. Alles, was man sieht, ist ein grosser Blumentopf in einer Landschaft. Menschen haben oft Angst vor Dingen, die sie nicht kennen.

In Fukushima wurde Kernenergie aber plötzlich sehr greifbar und real.
Natürlich. Wenn so etwas wie in Fukushima passiert, schaut die ganze Welt hin. Aber das Risiko, dass hier so etwas passiert, ist sehr gering.

Glauben Sie denn, die Schweiz ist ein sicherer Ort für Kernkraftwerke?
Ja, das glaube ich. Hier in Leibstadt, aber auch bei allen Schweizer Kernkraftwerken, ist die Sicherheit das oberste Ziel.

Die Debatte wird sehr emotional geführt. Für einige Menschen ist Kernenergie böse. Was denken Sie darüber?
Wie soll ein Verfahren zur Erzeugung von Energie böse sein? Diese Vermenschlichung irritiert mich. Die Diskussion sollte viel sachlicher geführt werden, mit Pro- und Contra-Argumenten, auf die Fakten fokussiert. Viele Leute sind schlecht über die Faktenlage informiert.

Woran lesen Sie das ab?
Wenn ich mir manchmal die Leserkommentare auf Plattformen wie 20 Minuten Online anschaue, wird mir ganz anders. Da stehen dann solche Dinge: dass die Schweiz zu einem zweiten Fukushima wird, wenn hier die Erde bebt. Das ist schlicht falsch. Erstens war eine Flutwelle für die Katastrophe in Fukushima verantwortlich. Zweitens sind die Schweizer Kernkraftwerke gegen Extremereignisse wie Flutwellen bei Hochwasser, aber eben auch Erdbeben, geschützt. Viele Leute äussern sich zum Thema, obwohl sie fachlich wenig wissen. Sie sind einfach dagegen, weil sie dagegen sind.

Die Schweiz soll gemäss dem Bundesrat und Parlament langfristig aus der Kernenergie aussteigen und vermehrt auf erneuerbare Energien setzen. Wie realistisch ist das?
Das kann ich nicht genau beurteilen. Ich weiss nur, dass wir im Moment nicht auf Strom aus Kernenergie verzichten können, weil wir diese Energie nicht so einfach von heute auf morgen mit erneuerbaren Energien kompensieren können. Und nur, weil wir die Kernkraftwerke abschalten, heisst das noch lange nicht, dass wir nachhaltig Strom produzieren.

Ich finde sowohl die Kernkraft als auch die erneuerbaren Energien sinnvoll.

Warum nicht?
Weil wir den fehlenden Strom, der nicht in der Schweiz produziert werden kann, dann aus dem Ausland importieren müssen. Dass dieser Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien sein wird, bezweifle ich stark. Aber natürlich verstehe ich die Leute, die auf erneuerbare Energien setzen. Ich finde sowohl die Kernkraft als auch die erneuerbaren Energien sinnvoll.

Wie passen diese beiden Haltungen denn zusammen? Ist man nicht per se für das eine oder das andere?
Für mich passt das zusammen. Weil ich es nüchtern sehe. Es macht für mich keinen Sinn, gegen Fortschritt zu sein. Erneuerbare Energien sind im Trend. Aber man muss ja auch sehen, was machbar, was realistisch ist. Der sofortige Ausstieg aus der Kernenergie ist keine Option.

Das würde ja auch Ihre berufliche Zukunft bedrohen.
Nicht wirklich, weil es qualifiziertes Personal bräuchte, das die Kernkraftwerke stilllegen und zurückzubauen müsste.

Autor: Anna Miller