Archiv
29. April 2013

Das rosarote Leben

Rosa Krone für Jungs?
Eine Krone auch für Jungs? Rosa gilt oft noch immer als Farbe der Mädchen. (Bild Fotolia)

Neulich hatten mein Mann und ich Besuch. Der Gast, Mitdreissiger, zweifacher Vater, sass an unserem Esstisch. Er hatte die rosarot angestrichene Wand im Blick. Man konnte förmlich hören, wie es in seinem Hirn ratterte. Irgendwann wandte sich der Besucher an meinen Mann und fragte: «Wie hat deine Frau es nur geschafft, dir diese Wandfarbe aufzuschwatzen?»

Einige Tage später hatten wir einen anderen Gast. Unser Dreijähriger Nachbarsbub Linus war zum Spielen gekommen. Ida und Eva führten ihn ins Kinderzimmer. Linus legte sofort los. Erst stapelte er Legos – doooof! Dann verstreute er Puzzleteile – gääähn! Später Playmobil-Männchen – laaaangweilig!

«Ja, auf was hast du denn Lust?», fragte ich den Kleinen.
Schulterzucken.
«Vielleicht … Verkleiden?»
Nicken.

Ida zerrte wie auf Kommando unsere Kostümkiste aus dem Schrank und kippte den Inhalt vor Linus aus. Arztkittel, Piratenkostüme, Feuerwehrausrüstung, Prinzessinnenkleidchen. Drei Mal dürfen Sie raten, nach was der Dreijährige griff. Richtig geraten. Wenige Minuten später schwebte eine pinkfarbene Tüllwolke durch unsere Wohnung. Linus tippelte auf Zehenspitzen, hob das Kleidchen an, rückte sich das Krönchen zurecht. Alles war gut. Bis seine Mama kam. Die sah den rosa Traum und wurde kreidebleich.

«Das», so sagte sie, «dürfen wir dem Papa nicht erzählen …»
Bitte, wie? Bitte, was?
«… der mag es nämlich nicht, wenn Linus so Mädchensachen macht.»

Stimmt, da war doch was. Ein Bub ist ein Ritter. Vielleicht auch noch ein Drache – roooar! Aber niemals, unter keinen Umständen, auf gar keinen Fall, das Burgfräulein. Gott sei Dank, achten die Papas darauf, dass alles seine Ordnung hat. Mann, ist die Welt so einfach? Unter uns Frauen: Es ist nicht so, als würde den Knirpsen nach einer Runde mit dem rosafarbenen Spielzeug-Buggy gleich das Schnäbeli abfallen. (Pling, da liegt es. So ein Pech aber auch!) Es stimmt auch nicht, dass all die Schwulen da draussen als Kinder zu viel Barbie mit ihren Schwestern spielen mussten. Kinder schlüpfen beim Spielen in die unterschiedlichsten Rollen. Sie wären gerne so mutig wie der Pirat, so hübsch wie die Prinzessin, so frei wie das Elfchen. Von jedem nur das Beste. Sie machen sich die Welt so, wie sie ihnen gefällt. Ich finde, das ist eine bewundernswerte Gabe. Es sind die Erwachsenen, die alles in Blau und Rosa, in hart und weich, in männlich und weiblich einteilen.

Zumindest bei den Farben war der Fall nicht immer so klar wie heute. Bis vor wenigen Jahrhunderten war Rosa eine Bubenfarbe. Das Rot gehörte den Männern, eine abgeschwächte Form davon wurde den kleinen Jungs zugeordnet. Parallel dazu steckten unsere Vorfahren ihre Töchter in Hellblau. Das war die Farbe der Reinheit, die Farbe der Unschuld. Wenn Sie mal wieder in einer katholischen Kirche sind, dann achten Sie darauf, welche Farbe der Mantel der Mutter-Gottes-Figur hat.

Man kann diese Stereotypen übrigens durchbrechen. Aber dazu braucht es Mut. Wir haben Nachbarn, die etwas Cooles gemacht haben: Sie haben das Jungenzimmer pink gestrichen. Nein, nicht Erdbeerjoghurt-Rosa. Diese Eltern fanden, die Wand könne auch ein Kaugummi-Pink vertragen. Und die Buben? Die fanden es prima.

Autor: Bettina Leinenbach