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05. November 2012

Das Paradies am Ende der Welt

Oft wird Tasmanien nur als Anhängsel nach einer Rundreise durch Australien gebucht. Dabei ist die Trauminsel mit ihren Stränden, Regenwäldern, exotischen Tieren, Gebirgen und Weinbergen ein echter Geheimtipp.

Sardinien oder
 Karibik? Falsch: 
Es ist die Ostküste Tasmaniens rund um die Region von
 Binalong Bay.

Die Tipps des Reiseexperten: Wo übernachten, wo essen, wie viel Trinkgeld geben? Dies und mehr Sightseeing- oder Lektürehinweise mit weiteren Bildern zur Reportage.

Man stelle sich eine Insel vor, die eineinhalbmal so gross ist wie die Schweiz, aber nur gut 500 000 Einwohner hat. Dafür 19 Nationalparks mit exotischen Tieren, unendlich lange, einsame Strände, wilde Farnbäume, glitzernde Seen und üppige Regenwälder. Ein Paradies auf Erden. Eine solche Insel existiert tatsächlich: Sie heisst Tasmanien und liegt eine Flugstunde südlich von Melbourne entfernt.

Christina Schulthess kennt jeden Winkel Tasmaniens
Naturliebhaberin und Touristikfachfrau Christina Schulthess kennt jeden Winkel Tasmaniens.

Im viktorianisch geprägten Stadtteil Battery Point in der Hauptstadt Hobart hat die Schweizerin Christina Schult­hess (32) vor bald drei Jahren mit ihrem australischen Freund Pete (31) ein neues Zuhause gefunden. Eingewandert ist sie aus Sydney. Denn Christina, inzwischen australisch-schweizerische Doppelbürgerin, lebt seit 1999 in Australien. «Für mich war Sydney immer nur eine Touristenstadt. Ich fühlte mich nicht richtig wohl», begründet sie den Umzug von der hektischen Grossstadt nach Tasmanien, der grössten australischen Insel. «Ich geniesse die Natur vor der Haustür, habe in der Nachbarschaft sofort Freunde gefunden. Die Distanzen in Hobart sind kurz, obwohl hier rund 200 000 Menschen leben. Ich kann vieles mit dem Velo bewältigen und muss nicht immer Auto fahren. Das bedeutet für mich mehr Freizeit», sagt sie. Vor ihrem Haus hört man Tauben gurren. Der Wind rauscht durch die Blätter der Eukalyptusbäume und trägt den Duft vom Meer heran.

Narawntapu-Nationalpark: die Serengeti Tasmaniens

Als Inhaberin des Unternehmens Premier Travel Tasmania bietet Christina Schulthess massgeschneiderte Touren für europäische Touristen an, während ihr Freund für die australische Regierung arbeitet. Die Touristikerin kennt fast jeden Winkel der Insel und ist von der enormen landschaftlichen Vielfalt fasziniert. Zu ihren Lieblingsorten gehört der gut 200 Kilometer nördlich von Hobart gelegene Narawntapu-Nationalpark, der aufgrund seiner Artenvielfalt auch Tasmaniens Serengeti genannt wird. Doch statt Steppen wie in Ostafrika dominieren hier an der Nordküste, in der Nähe von Port Sorell, verlassene Sandstrände (im Sommermonat Januar wird das Wasser über 20 Grad warm), Dünen sowie die für Tasmanien typischen Wallabys aus der Familie der Känguruhs und die scheuen, wie kleine Bären aussehenden Wombats. Einige der Wildtiere sieht man leider vielerorts tot am Strassenrand liegen – weil sie beim Überqueren der Strasse vom Scheinwerferlicht der Autos geblendet und überfahren wurden. Manchmal ist auch ein Tasmanischer Teufel darunter. Das nachtaktive, aasfressende und nur auf Tasmanien existierende Säugetier ist so etwas wie der Inselstolz der Einheimischen. Die schwarzen Beuteltiere sind wegen eines mysteriösen Gesichtskrebses stark gefährdet. Schätzungen zufolge ist ihre Zahl von 75 000 (2007) auf knapp 20 000 gesunken.

Christina kennt den Ort, wo man die putzigen Tierchen am ehesten erblickt: im entlegenen Leven Canyon, westlich von Devonport. Man erreicht ihn über viele kurvige Strassen durch einsames Farmland und auf Schotterpisten. Das Mountain Valley Wilderness Resort, idyllisch am Leven River gelegen, wo man in der Dämmerung eher ein Schnabeltier als Menschen erblickt, dient als Basislager. Len, der Besitzer der Lodge, hat auf der Veranda der Bungalows an einer Schnur Poulets ausgelegt, um Tasmanische Teufel anzulocken. Und tatsächlich: Die ersten Gäste sind eingeschlafen, als sie um ein Uhr morgens plötzlich von einem lauten Tapsen und Schmatzen geweckt werden – Tasmanische Teufel sind die Treppe zur Veranda hochgekommen. Ungerührt von den Zuschauern hinter den Fensterscheiben, lassen es sich die Tiere schmecken. Dann, so schnell wie sie gekommen sind, verschwinden sie wieder.

Sogar die Strafgefangenen liebten das tasmanische Klima

Ähnlich vielfältig wie die Tierwelt ist das gemässigte tasmanische Klima, das an Englands Süden erinnert. Sogar die Strafgefangenen aus dem britischen Königreich – in keine andere australische Kolonie wurden im 19. Jahrhundert so viele Häftlinge deportiert (die Sehenswürdigkeit Port Arthur erinnert daran) – schätzten die milden Winter. Das Klima ist jedoch auch durch die abrupten Wetterwechsel geprägt, den häufig starken Wind und die hohe Luftfeuchtigkeit. So kann man auf Tasmanien vor allem auf der Hochebene an einem Tag gleich vier Jahreszeiten erleben.

Ruth und Hans-Peter Althaus sind stolz auf ihr Weingut Domaine A
Ruth und Hans-Peter Althaus sind stolz auf ihr Weingut Domaine A 
in der noch jungen Weinregion Coal River Valley.

Mit nur gerade 500 Millimetern Regen pro Jahr ist die Weinregion Coal River Valley nordnordöstlich von Hobart etwa ähnlich trocken wie bei uns das Wallis. Hier arbeitet der Zofinger und ehemalige IBM-Manager Hans-Peter Althaus (70) seit 1989 als Winzer. Das zusammen mit Frau Ruth (71) geführte Weingut Domaine A zählt zu den besten in ganz Australien. «Vor 20 Jahren war Tasmanien ein verschlafenes Nest. In den Restaurants gab es nur Instantkaffee, die Würste schmeckten wie Schleifpapier, die Inhalte der Konservendosen waren ‹obergruusig>», erinnert sich Ruth Althaus, die sich um die Buch­haltung des Weinguts kümmert. Heute schätzt das Ehepaar die Weite des Landes, das ausgeglichene Klima, die Strände, das Symphonieorchester von Hobart – und das gastronomische Angebot.

Denn inzwischen haben Hans-Peter und Ruth Althaus angesichts der vielen Gourmetlokale die Qual der Wahl. Ganz Tasmanien hat sich zur veritablen Hochburg für Geniesser entwickelt: mit Feinkostläden, mit lokalen Produkten wie Käse, Wein, Beeren, Fischen, Austern und sogar eigenem Lavendel. Die Eltern zweier Töchter und eines Sohns wollen auf der Genussinsel ihren Lebensabend verbringen. Sie schwärmen vom puderweissen Sandstrand der Bay of Fires (besonders schön ist es um Binalong Bay) und vom Freycinet-Nationalpark an der Ostküste, von den alpenähnlichen Cradle Mountains im Herzen der Insel und von Bruny Island.

Bruny südlich von Hobart ist so gross wie Hongkong, zählt aber nur 650 permanente Einwohner und circa 16'000 Schafe. Am Wochenende steuern die Einwohner von Hobart die Insel vor der Insel an, mit der Bruny Island Cruises. Auf der zweistündigen Bootsfahrt entlang der Küste kommt es zu spektakulären Begegnungen mit Seelöwen, Delfinen und Albatrossen. Anders als am Wochenende hat man unter der Woche die Strände, Buchten und Wanderwege von Bruny fast für sich allein – wie das auf Tasmanien üblich ist. Zum Glück wählen nur drei Prozent aller Australien-Reisenden Tasmanien als Ziel. Wer jedoch die weite Anreise in Kauf nimmt, wird mit Naturerlebnissen auf Weltklasseniveau belohnt.

Die Recherche zu dieser Reise wurde unterstützt von www.premiertraveltasmania.com in Kooperation mit Tourism Tasmania.

Autor: Reto Wild