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14. September 2013

Das Naturgartenjahr

September

Begehrte Beeren in der Hecke
Begehrte Beeren in der Hecke
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Mit herrlich warmem Wetter hat sich der Sommer verabschiedet. Die Hornissen im Nistkasten haben wohl ihren zahlenmässig grössten Bestand erreicht. Es wird emsig aus- und eingeflogen. Die letzten Tage werden noch benützt, um eine grosse Menge von Beutetieren einzutragen. Die Grossinsekten lassen sich überhaupt nicht stören, auch nicht, wenn wir direkt über ihnen die durch herabgefallene Blätter verstopfte Dachrinne reinigen müssen. Dem Wächter, der sich dauernd am Einflugloch aufhält, sind wird sicher schon lange vertraut.

Am Mittagstisch im Garten fliegen in regelmässigen Abständen einige Wespen an. Mit einem Blick auf ihre gelben Stirnplatten, die drei schwarze Punkte aufweisen, können wir sie identifizieren. Sie gehören zur Gattung der Deutschen Wespe, eine von zwei Arten die im Herbst öfter beim Essen im Freien auftauchen. Elegant schneiden sie mit ihren scharfen Kieferzangen aus einer Scheibe Schinken, ein winziges Stück heraus und fliegen damit davon, um diesen Leckerbissen ihrem Nachwuchs zu verfüttern.

Auf dem alten, vermoderten Wurzelstock, einer vor etlichen Jahren gefällten Birke, leuchtet uns am frühen Morgen ein goldgelbes, schaumiges, mysteriöses Wesen entgegen. Es hat sich offensichtlich fortbewegt und eine weissliche, glänzende Kriechspur hinterlassen. Ist es ein Tier, eine Pflanze oder ein Pilz? Die gelbe Lohblüte, die in gewissen Gegenden auch Hexenbutter genannt wird, gehört mit ihrem aussergewöhnlichen Verhalten zu den kleinen Wundern und Rätseln der Natur, die uns immer wieder das Staunen lernen und die das Forschen und Schauen im Naturgarten so interessant und spannend machen.

In den verschiedenen Sträuchern mischen sich die Farben der Früchte ins Grün des Laubes.
Die Hecken erfahren nun eine eigentliche Vogelinvasion. Ist das ein Jubilieren und fröhliches Lärmen der Vogelschar in diesen Sträuchern! Sie schlüpfen ein und aus, haben keine Zeit zur Ruhe, vor lauter Lebenslust. Der Tisch ist reichlich gedeckt. Der Holunder hat schwere, schwarzblaue Fruchtdolden aufgehängt, kirschrot leuchten die Steinfrüchte der Kornelkirsche, die uns im Frühling als erster Busch mit ihren zarten gelben Blüten erfreute, rot die Früchte der Hundsrose, die ihre stachligen Äste durchs Buschwerk rankt. Besonders im Weissdorn, mit seinen scharlachroten Fruchtkugeln, versammeln sich Grasmücken, Amseln, Hausrotschwanz und Laubsänger.

Jede Art hat ihre besondere Methode entwickelt, um die schmackhaften Beeren zu verzehren. Die Mönchsgrasmücke sucht sich eine gute Position im Buschwerk und pickt so die herabhängenden Beeren an. Die Amsel verschlingt, im Geäste sitzend, mehrere ganze Früchte hintereinander, um dann eine kurze Pause einzuschalten, die sie dazu benutzt, mit prüfendem Blick in der Umgebung nach einem überraschenden Katzenbesuch Ausschau zu halten. Ist die Luft rein wird die nächste Portion verzehrt. Eine ganz andere Technik hat der Hausrotschwanz entwickelt. Von seinem Standort aus, auf dem Ziegeldach des Holzschuppens, fliegt er zur Hecke, holt sich im Flug eine einzelne Beere heraus und kehrt wieder zurück, um die Mahlzeit, abseits vom hektischen Betrieb in den Sträuchern, in Ruhe zu geniessen. Die Karden haben die Distelfinken ganz für sich reserviert. Akrobatisch turnt die bunte Schar an den Samenständen herum.
Selbstverständlich fällt auch für uns etwas ab, nicht alles haben wir unseren gefiederten Freunden überlassen. Brombeeren, Himbeeren und Johannisbeeren sind bereits als Konfitüre im Keller eingelagert.

An den Spitzen der Königskerzen entfalten sich die letzten Blüten.
Die schon tiefer stehende Sonne zaubert einen Hauch von Silber über den grünen Teppich der Wasserlinsen im Weiher. Das Jakobsgreiskraut und die Wiesenflockenblume blühen zum zweiten Mal, als wollten sie gewaltsam die Zeit der Sonnenuhr zurückstellen und dem Sommer noch ein paar Tage Lebensfreude abringen.

Immer öfter vergisst die Nacht, am Morgen rechtzeitig ihre Nebeltücher wegzuräumen. Die herrlich gezeichneten Schwebefliegen scheinen sich um die länger werdenden Schatten noch wenig zu kümmern. Ihnen, die als Larven räuberisch in Blattlauskolonien, im Wasser oder im Holzmulm ihr Dasein fristeten, begegnen wir jetzt am meisten im Garten. Die Männchen halten sich im Sonnenschein oft lange an einem immer wieder aufgesuchten Ort schwebend in der Luft auf, die Weibchen sind unermüdliche Gäste der Herbstblumen.

Die Dunkelheit trifft früher ein und die Abende werden kühler. Ein wärmendes Lagerfeuer bietet Gelegenheit unseren Enkeln aus alten Zeiten im Naturgarten zu erzählen, wo noch Trauermantel, Zipfelfalter, Admiral, C-Falter, Schachbrettfalter, Kaisermantel und viele andere Angehörige der Tagschmetterlinge, in Scharen die Blumen besuchten. Zauneidechsen sonnten sich auf den Steinen, und im Weiher traf man gelegentlich eine Gelbbauchunke an. Regelmässig waren Grauschnäpper, Gartenrotschwanz, Neuntöter, Gimpel und Kleinspecht zu Gast, sogar ein Eisvogel tauchte im Winter am Weiher auf. An lauen Sommerabenden hörte man das leise Rufen der Maulwurfsgrillen. Mit etwas Glück konnte in hellen Nächten, zuoberst auf der Fichte beim Gartentor, die Silhouette einer Waldohreule entdeckt werden.

Wo sind sie wohl alle geblieben? Wir bleiben die Antwort schuldig. Ein schmatzendes Geräusch in der Hecke, verrät die Anwesenheit eines Igels, ob ihn die Nachkommen unserer Enkel auch nur noch aus den Erzählungen am Lagerfeuer kennen werden?