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21. Oktober 2013

Das Naturgartenjahr

Oktober

Waldnelke
Waldnelke
Lesezeit 3 Minuten

In der Hecke erfreut uns, wohl zum letzten Mal, ein Zilpzalp mit seinem Gesang. Als Kurzstreckenzieher wird er bald Richtung Süden fliegen, um in einem Mittelmeerland sein Winterquartier aufzuschlagen. Er wird im Frühling zu den ersten Sängern gehören, die uns wieder, die wärmere Jahreszeit ankündigen.

Am Weiher sonnt sich noch eine Heidelibelle. Ihre Flugzeit erstreckt sich vom Juli bis in den November hinein. Mit ihrem auffallend rot gefärbten Körper, ist sie im Herbst ein nicht zu übersehender Gast.

Seltene Besucher finden wir in der Wohnung. Die Abende sind kälter geworden und im Küchenherd brennt ein wärmendes Feuer. Dadurch sind einige nur etwa vier Millimeter lange gelbbraune Käfer, welche sich im Haus zum Überwintern eingerichtet haben, wieder aktiv geworden. Der helle Kopf, mit seinen zwei dunklen Längsbändern und die M-förmige Zeichnung auf dem Halsschild, sind Bestimmungsmerkmale der Gebirgsmarienkäfer. Sie, die vor allem in Nadelwäldern zu Hause sind, haben sicher im Sommer in der Fichtenhecke Blattläuse gejagt.

Das Volk der Hornissen ist ausgestorben. Vor einigen Tagen konnten wir die letzten fliegenden Vertreter dieser faszinierenden Grossinsekten beobachten. Danach haben wohl auch die überwinternden Königinnen das Nest verlassen. Wir holen den Nistkasten herunter, um den kunstvollen Wabenbau, welcher in den letzten Monaten entstanden ist, aus der Nähe zu betrachten. Am Nestboden wimmelt es von unzähligen Fliegenmaden, die sich noch von den Abfällen ernähren. Sie müssen zuerst entfernt und dann der Nistkasten gereinigt und getrocknet werden, bevor der aus mehreren Etagen bestehende Bau im Detail studiert werden kann.

Dürre Stauden und braune Samenstände bestimmen zunehmend das Gartenbild, nur das Waldgeissblatt grüsst noch mit einer letzten Blüte. Leise Wehmut nach der schönen Sommerzeit schleicht sich ins Gemüt. Ein paar Strahlen der tief stehenden Sonne finden den Weg durch die Nebelschleier und zaubern eine Stimmung in den Garten, wie wir sie aus alten Märchenbüchern kennen.

In Gedanken versunken tauchen wir ein, in eine Welt längst vergangener Zeiten, wo wir in unserer kindlichen Phantasie, die Sprache aller Dinge und Wesen, die der Bäume, der Ameisen, der Wolken wie der Blumen, Vögel und Käfer verstehen konnten, und schon erzählt uns die Natur ihre schönsten Geschichten.

Jetzt hören wir, wie der Südwest ärgerlich die grauen Nebelschwaden zur Seite treibt. „Wegelagerer“, murmelt er im vorbeibrausen, denn er hat es eilig. Die Samenkinder der Roten Waldnelke, die sich noch eng in ihren kleinen Wohnkörbchen zusammenkuscheln, warten schon darauf, mit einem kräftigen Windstoss hinaus auf die Reise geschickt zu werden. Ihr Köfferchen ist mit allen wichtigen Zutaten gepackt, so dass sie uns im nächsten Frühling als erwachsene Blumen begrüssen zu können.

Was für ein wunderbares Geheimnis ist doch in einem solchen Samen verborgen. Da liegt der Keimling, wie ein schlafender Säugling, inmitten der für sein Wachstum erforderlichen Nahrungsreserven, bereits ausgerüstet mit einem Bauplan, der die Architektur der künftigen Pflanze bestimmt, bis im Frühling unsichtbare Kräfte sich zu regen beginnen, und sich das neue Blumenleben reckt und streckt und zur Auferstehung rüstet.

So wie wir Jahr für Jahr die Samen und Setzlinge im Gemüsegarten, im Vertrauen über ihre Weiterentwicklung, dem Boden übergeben, so streuen auch unsere wildwachsenden Pflanzen im Naturgarten mit ihren sinnvollen technischen Einrichtungen ihre Samen über der Erde aus.
Der Waldstorchenschnabel hat eine ganz spezielle Strategie entwickelt, mit einem ausgeklügelten Schleudermechanismus befördert er seine Nachkommen in einen neuen Lebensraum.

Einen Taxidienst bevorzugt der Nelkenwurz, er wartet geduldig bis irgendein Lebewesen an ihm vorbeistreicht, dem er dann seine, mit zierlichen Häkchen ausgerüsteten Früchte anhängen kann.

Hier erleben wir im Naturgarten wieder ein weiteres Wunder, indem die Pflanzen ihre Samen immer gerade mit jenen technischen Einrichtungen versehen, die für den Abtransport die beste Gewähr bieten. So haben sie, seit sie vor 400 Millionen Jahren das Land eroberten, in ihrer rührenden Sorge um ihre Nachkommenschaft, einen bewundernswerten Erfindergeist entwickelt.

Einige der dürren Stauden im Garten lassen wird bis im nächsten Frühling stehen. Sie dienen vielen Insekten noch als Überwinterungsplatz und den dagebliebenen Vögeln als Nahrung. Die jetzt in grossen Mengen anfallenden Blätter der Hecken ergeben eine ausgezeichnete Bodenbedeckung für die Beerensträucher; so werden sie wieder natürlich in den biologischen Kreislauf des Gartens zurückgeführt.

Ein wunderschöner Herbsttag geht zur Neige. Noch einmal leuchten die Farbsymphonien der Heckensträucher im Licht der untergehenden Sonne auf, dann versinkt sie als rotglühende Kugel hinter der ersten Jurakette.