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14. November 2013

Das Naturgartenjahr

November

Pfaffenhütchens grosser Auftritt
Pfaffenhütchens grosser Auftritt
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Die Temperaturen sind merklich kühler geworden. Die bunte Herbstfärbung der Hecken und Sträucher ist einem einheitlichen Braun gewichen. Ruhe ist eingekehrt im Garten.

Das Pfaffenhütchen hat gewartet bis zum Herbst. Sein grosser Auftritt auf der Bühne der Natur erfolgt erst jetzt, wo sich die Hecke von ihrem Blattkleid entledigt hat. Nun kommen seine Früchte, mit ihren Farbtönen vom leuchtenden Rosa zu Purpurrot, erst richtig ins Blickfeld. Die orangen Perlen der Samen werden den Vögeln in scharlachroten Schalen präsentiert. Poetische Kindheitserinnerungen werden wach, beim Anblick dieser Farbenakkorde .Unzählige Halskettchen haben wir Buben aus den kleinen Kardinalshüten hergestellt, und die schönsten Mädchen im Dorf wurden damit beschenkt.

Bereits streichen Zaunkönig und Rotkehlchen durchs Unterholz. Mit wuchtigen Fusstritten befördert die Amsel das angefallene Laub zur Seite, um an die sich darunter befindlichen Würmer zu gelangen.

Die hohen Heckensträucher werden nun zurückgeschnitten. Einige Äste schichten wir auf einen Asthaufen, wo sie langsam verrotten und so ein ideales Brutbiotop für viele im Garten lebende Käferarten sind. Das restliche Holz, zersägt in kleinere Stücke, wird im nächsten Winter den Küchenofen erwärmen.

Nur der alte Haselnussstrauch wird von Säge und Astschere verschont. Unter seinem imposanten, weit ausladenden Blätterdach werden wir in heissen Sommertagen wieder angenehme Kühle erfahren.

Er ist der Doyen unter den Heckensträuchern und war schon da, als wir diesen Garten das erste Mal betreten haben. Um seinen Status noch optisch auszudrücken, unterscheidet er sich von den anderen Haselsträuchern in der Hecke, durch seine auffallend braunroten Blätter.
Fragen neugierige Sonntagskindern beim suchen von Haselnüssen, nach der Herkunft dieser farbigen Blätter, so erzählt er ihnen seine spannende Geschichte:

„Die Familie der Windblütler, zu denen auch wir Haselsträucher gehören, ist uralt. Bereits vor vierzig Millionen Jahren haben Verwandte von uns Europa besiedelt. Als ein gewaltiger Gletscherstrom nach Süden vordrang und Europa zu zwei Drittel zudeckte, mussten auch wir Haseln uns zurückziehen. In diesen lebensfeindlichen Kälteperioden mit mehreren Zwischeneiszeiten, legten wir uns ein rotes Blattkleid zu und erreichten damit eine um einige Grad höhere Blatttemperatur. So konnten wir, als sich vor etwa 20 000 Jahren, die Gletscher der letzten Eiszeit zurückzogen, zusammen mit den kälteresistenten Weiden, wieder an vorderster Front in die eisfreien Räume vorrücken. In einem nachfolgenden warmen Zeitabschnitt, der Haselnusszeit, wurden grosse Flächen Mitteleuropas von Haselnusssträuchern besiedelt. Einige von uns haben bis heute, als Erinnerung an unsere eiszeitliche Vergangenheit, ihre roten Blätter beibehalten.“

Die verschiedenen Ameisenarten im Garten haben sich zur Überwinterung tief in ihre Bauten zurückgezogen. Auch der Igel hat unter einem Asthaufen mit dem Herbstlaub sein Winternest gebaut. Er wird hier, gut isoliert durch eine dicke Blätterschicht, bei einer Körpertemperatur von nur etwa 4 - 10 Grad und 20 Herzschlägen pro Minute, ein Minimum an Energie verbrauchen, bis ihn die warme Frühlingssonne wieder aufweckt.

Unzählige Eier, Larven und Insekten warten gut geschützt in hohlen Pflanzenstängeln, unter Steinhaufen oder in morschem Holz bis zum Aufbruch in ein neues Leben im nächsten Sommer. Schlüsselblumen und Buschwindröschen haben an ihren Wurzeln Speicherorgane ausgebildet und Nährstoffvorräte angesammelt. So werden sie im Frühjahr zu den ersten gehören, die den Reigen der Blütenpflanzen eröffnen dürfen. Einen sicheren, frostfreien Ruheplatz suchte auch ein Zitronenfalter auf, wir entdecken ihn in einem leeren Blumentopf im Holzschopf. Wie die Frühblüher bei den Pflanzen, wird auch er bei den ersten warmen Sonnenstrahlen ohne Zeitverlust startbereit sein.

Im Estrich hat sich unter einem Dachziegel eine Wespenkönigin zum Überwintern eingefunden. Während Säugetiere durch dicke Pelze vor Kälte geschützt werden, verdankt unsere Wespe ihr Überleben unter dem Dach, wo Temperaturen von weit unter 0 Grad auftreten können, einer biochemischen Frostresistenz.
Zu den unveränderlichen Gesetzen des Insektenstaates gehört auch sein Untergang. Dieser erfolgt bei den Wespen noch im gleichen Jahr, in dem der Staat entstand. Nur die jungen Königinnen überstehen die kalten Wintertage in einem Schlupfwinkel, sie werden in den ersten warmen Frühlingstagen ausfliegen, um ein neues Volk zu gründen.

Die Natur hat für alle vorgesorgt. Mit gutem Gewissen können wir den Garten und seine Bewohner sich selbst überlassen. Ein Blick aus dem Fenster zeigt uns, dass durchaus auch in den Wintermonaten Interessantes zu beobachten ist. Viele der bei uns standorttreuen gefiederten Freunde, besonders die verschiedenen Meisenarten, schliessen sich zu herumziehenden Gesellschaften zusammen und ziehen, immer auf Nahrungssuche, durchs Gehölz. Während des Sommers im Garten nie zu sehende Vögel, wie der mit seinen auffälligen Farben äusserst attraktive Gimpel oder der stattliche Kirschkernbeisser, sorgen immer wieder für Höhepunkte.