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18. Juni 2014

Das Naturgartenjahr

Juni 2014.

Besuch im Fingerhut
Besuch im Fingerhut
Lesezeit 3 Minuten

Nach einer Phase der Besinnung strebt nun das Leben im Garten seinem Höhepunkt entgegen. Die Frühblüher, die bereits im März die ersten Insekten mit Nahrung versorgten und deren hohe Zeit im Mai den Garten mit einem Meer von Düften und Farben überzog, sind nun mit dem Ausbilden der Fruchtstände beschäftigt. Unter den roten Beeren vom Seidelbast hat die Schar der Veilchen ihre Samenschiffchen bereits entleert, und die im Samen schlummernden jungen Pflänzchen zur Verteilung im Garten den Ameisen überlassen, die dafür auch entsprechend belohnt werden. In jedem Samen ist die Verpflegung für die fleissigen Helfer in Form eines nährstoffreichen Anhängsels, das von den Ameisen sehr begehrt, bereits beigepackt.

Im grünen Teppich der Veilchenblätter ist der beachtliche Fruchtstand des Aronstabes noch leicht zu übersehen. In einigen Wochen aber, wenn sich seine grünen Beeren zu weitleuchtenden roten Kugeln verwandelt haben, die dichtgedrängt wie ein Leuchtturmfeuer die Vögel zu Tisch bitten, wird er in der Waldpflanzengesellschaft wieder eine bevorzugte Stellung einnehmen.

Die schönen, in den Farben Grün und Blau, metallisch glänzenden Insekten, welche sich heute in grosser Zahl, vor allem auf den Blütendolden des Geissfusses tummeln, sind Waffenfliegen. Ihr Name, sagt man, erinnere an die bunten alten Waffenröcke der Soldaten.

In den grossen Silberkugeln, die zwischen dem Grün des Johanniskrautes und den braunen Samenkapseln der Kuckuckslichtnelken wie kleine Raumschiffe in der Sonne leuchten, warten hunderte mit Fallschirmen ausgerüstete Samenkinder des Wiesenbockbartes auf ihren Abflug. Wir wünschen ihnen gute Reise und hoffen, nächstes Jahr im Garten das Eine oder Andere wieder als junges Pflänzchen begrüssen zu dürfen.

Als letzter der Heckensträucher hat der Liguster seine Blüten entfaltet. Um ihm ein bisschen Gesellschaft zu leisten, lässt auch der neben ihm stehende Schwarze Holunder noch zwei Blütendolden als Nachzügler erblühen. Vielleicht auch als Kompensation für jene, die wir ihm zur Herstellung des köstlichen Blütensirups entwendet haben. Die Rosenkäfer werden ihm dankbar sein.
Die ersten Blüten der Königskerze und der Gemeinen Kratzdistel, die sich heute entfaltet haben, weisen auf das Ende der grünen Zeit im Garten hin. In wenigen Tagen werden Johanniskraut, Rossminze, Ackerkratzdistel, Wasserdost, gemeines Leinkraut, die Weidenröschen und auch der Blutwurz ihre Blüten öffnen.

Mit der Sommerzeit ist nun auch die Zeit der Insekten angebrochen. Wer kennt sie alle, die im Naturgarten wieder einen Lebensraum gefunden haben?
Die braungelben Raupen an den Kuckuckslichtnelken weisen auf den nächtlichen Besuch der Nelkeneule (Hadena) hin. Auch der Braune Mönch, ebenfalls ein Mitglied aus der grossen Familie der Eulenfalter, hat im Garten einen Lebensraum für seine Nachkommen gefunden. Wir finden seine schön gezeichneten Raupen bei ihrer Mahlzeit auf Blättern der Königskerze. Im niederen Gebüsch von Weidenröschen und Johanniskraut hat die Trichterspinne ihr raffiniertes Fangnetz aufgebaut. Nicht weit davon, in der Himbeerhecke, wohnt eine ihrer nahen Verwandten, die Labyrinthspinne. Eine Laufspinne hat sich im Weißdorn auf die Lauer gelegt.

Neben unseren 'Haustieren', den Honigbienen, haben auch viele Wildbienenarten arbeitsreiche Tage vor sich. Wir haben heute Glück, die pelzige Langhornbiene ist zu Besuch im Garten eingetroffen, was eher selten der Fall ist. Die Roten Mauerbienen hatten ihr Brutgeschätt schon in den ersten Maitagen abgeschlossen, der bereitgestellte Pollenvorrat wurde von ihren Larven in der Zwischenzeit fast vollständig aufgegessen und sie werden sich bald verpuppen.
Die kleinen, nur wenige Millimeter langen Insekten, mit der auffallenden elfenbeinweissen Gesichtszeichnung, die auf den Margeriten nach Pollen suchen, gehören zur Familie der Maskenbienen. Sie tun gut daran, vorsichtig zu sein, denn auch die hervorragend getarnten Krabbenspinnen haben diese Blumen als ihr Jagdrevier auserkoren. Unbeweglich, mit weit offenen Fangbeinen, warten sie auf ahnungslose Pollenliebhaber, um sie dann blitzschnell mit einem Biss in den Nacken zu lähmen.

So wie uns die Mönchsgrasmücke am Morgen mit ihrem unverwechselbaren Gesang den beginnenden Tag angekündigt hat, scheint es nun einem andern Mitbewohner des Gartens zuzustehen, uns nach dem langen Frühsommerabend ins Haus zu begleiten. Die düstere Gestalt, die sich da, vom Licht angezogen, in die Stube verirrt hat und nun als grosser dunkler Fleck am Vorhang unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist die Grosse Raubwanze, eine Insektenjägerin die durch ihren nächtlichen Aufenthalt am Licht natürlich eine grosse Beute erhofft. Behutsam schieben wir sie in ein Konfitürenglas und befördern sie nach draussen. Von weitem tönt das leise Surren einer Maulwurfsgrille, das Waldgeissblatt verschenkt uns noch eine Prise vom seinem süssen betörenden Duft, bevor wir den Garten seinen nächtlichen Bewohnern überlassen.