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06. Dezember 2013

Das Naturgartenjahr

... im Dezember.

Das Gartentaxi
Das Gartentaxi
Lesezeit 3 Minuten

Alle, die schon einmal einen Zirkus besuchten, kennen das: Einmal im Laufe des Abends bittet der Direktor das Publikum um einen Applaus für jene Mitarbeiter, welche nur im Dunkeln oder im Hintergrund arbeiten, und nicht, wie die Artisten, im Scheinwerferlicht der Arena stehen.
Es sind dies die Requisiteure, Beleuchter, Zeltbauer, Tierpfleger und viele andere fleissige Helfer, ohne die das ganze Unternehmen überhaupt nicht funktionieren würde.

Diese schöne Geste wollen wir nun, am Ende des Jahres, auch denjenigen Gartenbewohnern zukommen lassen, welche wir kaum gesehen haben, ohne die aber auch in unserem Garten nichts funktionieren würde.
Legen wir also ein bisschen Gartenerde unter das Mikroskop, und schon öffnet sich vor uns eine faszinierende neue Welt, mit wundersamen fremdartigen Geschöpfen. Erst jetzt lernen wir die allerkleinsten Bewohner unseres Gartens kennen. Es ist ein riesiges Heer von Rädertierchen, Bärtierchen, Amöben und vielen anderen Mikroorganismen, deren unermüdliches Wirken und Schaffen im Untergrund mitverantwortlich ist für die Fruchtbarkeit unserer Gartenerde.
Vergessen wir auch nicht den geborenen Ackerbauer unter den Tieren, den Regenwurm, welcher ununterbrochen den Boden durchpflügt, auflockert und zu fruchtbarem Humus aufarbeitet.

Ihr ausserordentlich interessantes Verhalten ermöglicht es uns, eine andere Tierart auch ohne Lupe zu erkennen. Die nur etwa einen halben Millimeter grossen Schildkrötenmilben – sie heissen so, weil sie ihre Beine wie die Schildkröten einziehen können – benutzen nämlich einen Taxidienst um grössere Strecken zurückzulegen. Dadurch, dass sie vorübergehend ein anderes Tier als Transportmittel einsetzen, (bei uns im Garten ist dies in der Regel der stattliche Balkenschröter, ein bis drei cm grosser Käfer) können sich die kleinen Trittbrettfahrer unseren neugierigen Blicken nicht entziehen.

All unser Wirken, Ackern, Säen und Pflanzen wäre umsonst, wenn uns nicht das unsichtbare, unterirdische Heer der Helfer zur Seite stünde und den grössten Teil der Vorarbeiten abnähme.
Selbst in der scheinbaren Unordnung vom Naturgarten liegt eine fundamentale Harmonie. Jedes Lebewesen ist Stück eines riesigen Netzes, das es unentrinnbar mit den anderen verwoben hält.


Das Naturgartenjahr neigt sich dem Ende entgegen. Viel hat sich ereignet im Schlag, in den Hecken, an Tümpel und Weiher, im Wildbienenhaus, in Steinhaufen und Altholz. Leben ist entstanden und wieder vergangen.
Dreimal haben die Feldssperlinge gebrütet. Die Stare haben in zwei Gelegen acht Junge aufgezogen. Zusammen mit den Haussperlingen und den Kohlmeisen haben insgesamt 39 Jungvögel ihre Nistkästen verlassen. Für die Aufzucht dieser Schar stand den Vogeleltern in den Hecken und Stauden ein riesiges Nahrungsangebot zur Verfügung.

So wird es auch für mich Zeit, das Naturgartenbuch zu schliessen und mich, mit ein paar Erinnerungsbilder ans Naturgartenjahr, vom Forum zu verabschieden.
Nein, nicht alle sollen nun sofort und mit aller Konsequenz einen Naturgarten einrichten. Wer kann schon sein Empfinden über Sauberkeit und Ordnung so einfach über Bord werfen. Von den Barockgärten Frankreichs, den Englischen Gärten des 18. Jahrhunderts, den Japanischen Gärten, bis zu den Bauern– und Schrebergärten unserer Zeit hat jeder Garten seine Geschichte, seine Funktion und seinen besonderen Reiz.
Sehnen sie sich aber nach einem verwunschenen und verwilderten Garten, weil sie den Kontakt zum Lebendigen suchen, und den partnerschaftlichen Umgang mit der Natur wieder mit all ihren Sinnen erfühlen möchten, dann packen sie es an. Naturgärten sind hoffnungsvolle Gärten, sie führen uns hin zu unseren Ursprüngen und sie drücken eine Geisteshaltung, eine Auseinandersetzung zwischen Natur und Mensch aus.

Die Zeit wird schnell vergehen, bis das vom Dach tropfende Schmelzwasser den Frühling weckt, an einer geschützten Stelle die Waldprimel ihre hellgelben Blüten öffnet und aus der noch kahlen Hecke das vielfältige Schwätzen der Stare zu hören ist.
Ich wünsche allen Naturfreunden Glück und Erfolg in der kommenden Gartenzeit. Herzlichen Dank für die vielen schönen Kommentare zum Naturgartenjahr.