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07. August 2013

Das Naturgartenjahr

August

Grosses Heupferd, ein Flug- und Sprungkünstler
Grosses Heupferd, ein Flug- und Sprungkünstler
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Der Juli ist mit heissen und schwülen Tagen zu Ende gegangen. Das Grosse Grüne Heupferd hat seine letzte Larvenhaut verlassen und die jetzt voll entwickelten Flügel gleich benutzt, um, vom Licht angezogen, in die Wohnung zu fliegen. An der langen Legeröhre erkennen wir, es ist ein Weibchen. Sein Kopf hat wirklich Ähnlichkeit mit einem edlen Pferdekopf und die langen schönen Fühler könnten die Zügel sein. In Kenntnis seiner empfindlichen Beissfähigkeit aus früheren Erfahrungen, benützen wir ein leeres Honigglas für die Fangaktion und bringen die stattliche Laubheuschrecke wieder zurück in ihre angestammte Umgebung, zu den Johanniskrautstauden. „Fühl dich wohl in unserem Garten, schöner Pegasus, deine Zeit ist kurz bemessen, wenn die ersten kalten Herbstwinde durch die Hecken wehen, wirst du dich verabschieden müssen.“
Die Strahlen der frühen Morgensonne vergolden seit ein paar Tagen die Blüten vom Rainfarn. Das Volk der Deutschen Wespe, das sich in einem Erdnest in der Rasenbank angesiedelt hat, ist schon zu einer beachtlichen Grösse angewachsen. Interessanterweise werden wir von ihnen in keiner Weise belästigt, obwohl wir direkt daneben auf dem Sitzplatz unsere Mahlzeiten einnehmen.
Unter dem Ziegeldach des Gartenschuppens treffen wir einen genial gebauten vierstöckigen Kartonpalast an. Die Gebäudehülle besteht aus Papier, die Stockwerkträgerelemente sind aus Karton, hergestellt in moderner Faserverbundtechnik. Ein mehrfach Luftkammersystem sorgt für perfekte Isolation. Die ca. 150 hochstabilen, sechseckigen Einzelzimmer sind alle ausgebucht. Verantwortlich für Planung, Architektur und Bautechnik ist die Sächsische Wespe. Ein Wächter am Einflugloch hält ungebetene Gäste fern. Da ich mich mit der Kamera über einige Tage vorsichtig immer etwas näher ans Nest der Wespen bewege, kennen wir uns nun schon recht gut und ich kann unbehelligt interessante Nahaufnahmen von den gelbschwarzen Sechsbeiner herstellen.

Über den Mittag erhält der Gemüsegarten Besuch vom Schwalbenschwanz. Einzeln werden einige Eier auf Fenchel- und Karottenblätter abgelegt. In einer Woche können wir die hübsch gezeichneten Raupen antreffen. Jetzt im August fliegt die zweite Faltergeneration, ihre Nachkommen werden mehrere Monate im Puppenstadium überwintern und uns nächstes Jahr im Mai, wieder als imponierende, grosse gelbe Falter erfreuen.
Wir nutzen die Zeit, um ein paar Minuten auf der Sitzbank am Weiher zu verweilen. Die um die Mittagszeit in voller Sonne stehende Wasserfläche ist eine unendlich spannende, unübersehbare Welt, eine unerschöpfliche Fundgrube für jeden, welcher Geduld und Musse hat, einmal nachzuschauen, was es mitten im Wasser zu sehen gibt.
Gleich funkelnden Smaragden warten die Azurjungfern am Ufer, um im nächsten Augenblick in reissendem Flug den Standort zu wechseln. Keine Konkurrenz im Revier duldet die Blaugrüne Mosaikjungfer. Jede über dem Wasser auftauchende Grosslibelle wird sofort energisch vertrieben. Viele junge Bergmolche sind im Teich zu sehen, die erwachsenen Tiere, welche noch bis vor kurzem den Weiher mit Leben erfüllten, sind in ihren Landlebensraum zurückgekehrt. Wir freuen uns schon, sie nächsten Frühling, in ihrem Hochzeitskleid, wieder am Wasser begrüssen zu dürfen.
In komplizierten Kurven dreht und wendet sich ein Schwarm glänzend schwarzer Taumelkäfer unter dem Wasserspiegel, wie auf ein unsichtbares Zeichen tauchen sie bei unserer Annäherung blitzartig in die Tiefe.
Eilig scheint es auch der Gelbrandkäfer zu haben, der kurz an der Oberfläche erscheint, um seinen Sauerstoffvorrat aufzufüllen. Beim Abtauchen erkennen wir die Luftblasen unter seinen Flügeln, die wie eine silberne Rüstung funkeln.
Am späten Nachmittag ist Hochbetrieb am Nest der Roten Knotenameise. Eben trippelten sie noch geschäftig jedes Hälmchen ab, um ihre Blattlauskolonien zu betreuen und keine Blume, kein Blatt blieb unbesucht von der arbeitsamen Insektenschar. Jetzt aber, wie auf ein Kommando herrscht Aufbruchstimmung für die geflügelten Geschlechtstiere. Hunderte von Königinnen starten zu ihrem Hochzeitsflug in den warmen Sommerabend hinein. Nur kurze Zeit später werden sie, begattet von den gleichzeitig ausgeschwärmten Männchen, ihre Flügel abstossen und den Rest ihres Lebens in Dunkelheit verbringen. Ein neues Volk entsteht.
Die Dämmerung ist hereingebrochen. Die blauen Blumenaugen der Wegwarte haben sich geschlossen, kleinere Insekten finden Unterschlupf in den zahlreichen Glockenblumen und den Kelchen der Fingerhüte, wo es die Nacht über behaglich warm ist.
Es ist die Zeit der Fledermäuse, der Nachtfalter und der Nachtblumen. Erst jetzt beginnt das Waldgeissblatt im Garten seinen Duft zu verströmen, um einige unserer grössten Schmetterlinge, aus der Familie der Schwärmer, zum Nachtmahl einzuladen.