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13. Juli 2013

Das Naturgartenjahr

In jedem Monat erzählte uns die Natur neue, interessante Geschichten und wir schrieben sie auf. Ein kleines bebildertes Werk entstand, wir nannten es «Das Naturgartenjahr, ein Tagebuch».

Sommerzeit
Sommerzeit
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Juli
Sommertag, Sonnentag. Das Leben im Naturgarten steht im Zenit. Die ersten fleissigen Nektarsammler im Johanniskraut sind die kurzrüssligen Erdhummeln. Als ausgesprochene Frühaufsteher treffen wir sie schon um sechs Uhr auf den Blüten an. Kurze Zeit später sind sie dann alle versammelt, die Schwebefliegen, Marienkäfer, Skorpionsfliegen, Schlupfwespen und Blattwespen, Wildbienen, Schmetterlinge und Libellen, Spinnen und Heuschrecken. Kurz ist ihre Zeit bemessen, die lichterfüllten Sommertage zu geniessen. Welch ein unbeschreibliches Hochgefühl muss, es sein nach dem Leben als Larve im Dunkeln des Komposthaufens, oder im Bodenschlamm des Weihers, sich nun auf gläsernen Schwingen in die von Blütendüften durchzogene Sommerluft zu erheben.

Wir wollen einen Gartenspaziergang unternehmen, um dem einen oder andern der kleinen Gäste diskret über die Schultern zu schauen. Auf der blühenden Minze ist der Lieblingsstandort des Kleinen Waldvogels; diese eher unscheinbaren schwarzbraunen Schmetterlinge haben als Raupen überwintert und sind recht häufig im Garten anzutreffen. Die Rosenkäfer halten sich heute auf den Blüten des Wasserdostes auf, wo auch das Tagpfauenauge anzutreffen ist.
Unerwartete Gäste zwingen uns, den Rundgang zu unterbrechen. Es ist eine Gruppe von Distelfinken, die die Samenstände der Gemeinen Kratzdistel entdeckt haben. Wir wollen diese doch eher seltenen Besucher nicht vertreiben und beobachten sie vom Sitzplatz aus. Die kleinen Akrobaten turnen elegant an den reifen Fruchtständen herum, um an die Samen zu gelangen. Die benachbarten Ackerkratzdisteln können ihre Verwandten wirklich beneiden um die bunt befiederte Schar.

Die weit leuchtenden weissen Dolden vom Bärenklau sind Anflugsziel für eine Vielzahl von Insekten. Wir finden den Gebänderten Stachelkäfer, mit einigen seinen Verwandten aus der Käferfamilie, die unbekümmert von der direkt unter ihnen lauernden Gefahr im Pollenreichtum schlemmen. Unsichtbar für die Blütenbesucher hat sich im Innern der Blüte eine Sichelwanze, in der Gestalt einer harmlosen Ameise eingerichtet und wartet geduldig auf eine geeignete Beute.

Die Distelfinken haben unterdessen ihre Mahlzeit auf den Disteln beendet und wechseln, wohl zum Dessert, auf die Wiesenflockenblumen, die sich unter der ungewohnten Last bedrohlich dem Boden zuneigen.

Wer zählt die Mücken, Fliegen, Bienen und Käfer, die an diesem sonnendurchfluteten Tag als eine Wolke glitzernder Punkte über Wasserdost, Blutweiderich, Minze, Seifenkraut, Goldrute und Bärenklau schweben und die Luft in Schwingungen versetzen, die den Garten mit einem vielstimmigen Summen erfüllen.
An den Blättern der Türkenbundlilie, am gleichen Platz wie letztes Jahr, treffen wir wieder das Lilienhähnchen an. Später werden wir auch seine mit dem eigenen Kot meisterhaft getarnten Larven finden. Einem weiteren nahen Verwandten von ihm begegnen wir im Gras hinter der Hecke. Aufgeschreckt klettert er an einem Grashalm empor. Der rote Halsschild, die metalblauen Flügeldecken und die orangeroten Beine sind wichtige Bestimmungshilfen. Es ist das rothalsige Getreidehähnchen, ein Käfer, der wahrscheinlich noch nicht lange von seinem Larvenstadium Abschied genommen hat.

Fast keine Pflanze, die nicht von Blattläusen, den kleinen, nur wenige Millimeter grossen Insekten, mit den für die Art typischen Facettenaugen, besucht wird. Sie stechen mit ihren feinen Saugborsten in das Pflanzengewebe ein und nehmen damit ihre Nahrung, den reichhaltigen Pflanzensaft, auf.

Um die kleinen Sauger in Schach zu halten ist auch die Familie der Marienkäfer mit einer Vielzahl ihrer bunt gefärbten Arten im Garten vertreten. Wir treffen den kleinen, gelb gefärbten Zweiundzwanzigpunkt Marienkäfer an, den braunroten Doppelbuchtigen Marienkäfer, mit seinen zwei grossen weissen Flecken auf dem Halsschild und den unverwechselbaren Augenfleckigen Marienkäfer, mit seiner beachtlichen Grösse von fast zehn Millimeter Länge und den zwanzig goldig umrandeten schwarzen Punkten auf den Flügeldecken. Der Zweipunkt, mit seinen beiden Farbvarianten rot und schwarz, ist zusammen mit dem uns allen bekannten, hübsch schwarzgefleckten Siebenpunkt einer der häufigsten, der im Garten zu sehen ist.

Auf den Wiesenflockenblumen begegnen wir einem seltenen Blütenbesucher. Es ist eine Schlupfwespe. Ihr langer, schlanker Körper mit dem leuchtend gelbschwarzen Muster ist nicht zu übersehen. Selbst die stattliche Schwebefliege neben ihr, mit ihrem auffallend schwarzweiss gezeichneten Körper, hält sich in respektvollem Abstand auf.

Am Mittag hat der Feinstielige Pippau seine gelben Blüten bereits geschlossen. Die blühenden Karden und der gelbe Fingerhut werden von ganzen Heerscharen von Hummeln besucht. Die Steinhummel, mit ihrem orange gefärbten Hinterleib, ist ebenso vertreten wie die Garten- und Feldhummeln. Sie sind auch die letzten, die abends um neun Uhr immer noch an der Arbeit sind.

Der Hausrotschwanz sucht sich unter dem Dachgiebel noch einen Schlafplatz, dann zieht Stille ein im Naturgarten. Andere dämmerungs- und nachtaktive Bewohner betreten die Bühne. Geräuschlos, als möchten sie ihre schlafenden Genossen nicht stören, bewegen sie sich im Buschwerk. Es sind Nachtfalter, Kleinschmetterlinge, Raupen, Spinnen und Florfliegen, die dafür sorgen, dass das Leben bis zum nächsten Sonnenaufgang weiter pulsiert.