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04. April 2016

Buzz Aldrin: Nächstes Ziel ist der Mars

Buzz Aldrin erlebte, was nur wenigen Astronauten vergönnt war: 1969 stand er als zweiter Mann auf dem Mond. Kürzlich wirkte er in einem Werbespot von Schweiz Tourismus mit – eine kleine Sensation. Der 86-Jährige über seine Liebe zur Schweiz, Verschwörungstheorien um die erste Mondlandung und seine Hoffnung auf menschliche Kolonien auf dem Mars.

Buzz Aldrin
Sein Leben war ein extremes Auf und Ab: Als 39-Jähriger flog er mit der Apollo 11 auf den Mond. Nach einer Phase mit Depressionen und Alkoholproblemen ist er heute einer der aktivsten Mondveteranen.

Buzz Aldrin, wie kam es dazu, dass Sie bei der Werbekampagne von Schweiz Tourismus mitmachten?

Weil ich die Schweiz ziemlich gut kenne und mag. Alles in allem war ich vielleicht knapp zehn Mal hier. Was ich immer sehr genossen habe, war das Après-Ski (lacht).

Wann denn das erste Mal?

Im Jahr 1951, auf einer Europareise nach meinem Abschluss an der Militärakademie West Point. Als Kampfpilot war ich von 1956 bis 1959 in Deutschland stationiert, da überflogen wir die Schweiz regelmässig. Später kam ich mehrfach zum Skifahren, nachdem ich es im Alter von 50 Jahren gelernt hatte, aber auch für einige Promotionsanlässe, etwa für Phonak, den Genfer Flughafen oder Omega. Ich war nämlich der Erste, der auf der Mondoberfläche eine Omega-Uhr getragen hat, und bin jetzt gerade dabei, eine Mars-Uhr zu designen.

Eine Mars-Uhr?

Ja. Zeit und Jahreszeiten verlaufen auf dem Mars anders als auf der Erde. Eine Uhr für den Mars muss also anders funktionieren.

Ein kleiner Schritt für Buzz, ein grosser für Zermatt: Aldrin stellt im Schweiz-Tourismus-Spot die Mondlandung nach.
Ein kleiner Schritt für Buzz, ein grosser für Zermatt: Aldrin stellt im Schweiz-Tourismus-Spot die Mondlandung nach.

Was ist Ihnen von den Dreh­arbeiten für den Werbespot in Erinnerung geblieben?

Der Stiefelabdruck. Wir haben versucht, im Schnee bei Zermatt jenen Stiefelabdruck zu kopieren, den ich 1969 auf dem Mond hinterlassen habe. Das war allerdings gar nicht so einfach und hat mehrere Anläufe gebraucht. In Erinnerung habe ich auch die vielen atemberaubenden Ausblicke – ich konnte sogar noch einen Helikopterflug um das Matterhorn machen. Das Drehen des Spots war ein sehr eindrückliches, vergnügliches Erlebnis. Und er ist nicht nur gute Werbung für die Schönheiten der Schweiz, er unterstützt auch mein Image als aktive Persönlichkeit, die sich für die weitere Erkundung des Weltalls einsetzt.

Es ist schwer vorstellbar, dass mit den heute zur Verfügung stehenden Mitteln eine bemannte Mission zum Mars finanzierbar wäre

Der letzte Mensch war 1972 auf dem Mond, weshalb hat die Menschheit danach das Interesse an weiteren Expeditionen verloren?

Damals herrschte Krieg in Südostasien, und die NASA plante wiederbenutzbare Raumfähren und eine Raumstation – die ­finanziellen Prioritäten lagen schlicht woanders. Verglichen mit heute stand damals ohnehin ungleich mehr Geld zur Verfügung für die Raumfahrt, das Budget war nie mehr so hoch wie 1967. Das nächste grosse Ziel ist nun der Mars, aber es ist schwer vorstellbar, dass mit den heute zur Verfügung stehenden Mitteln eine bemannte Mission dorthin überhaupt finanzierbar wäre. Das symbolisiert für mich auch das öffentliche Desinteresse an der Weltraumerforschung und die heutige Ignoranz gegenüber unseren Pionierleistungen in der Apollo-Ära. Ich hoffe sehr, dass der nächste Präsident diesen Kurs korrigiert.

Was erhoffen Sie sich denn für die Zukunft der Weltraumerkundung?

Meine Vision ist, dass die Nationen der Welt eine ständig bewohnte Station auf dem Mond einrichten, die auch kommerziell genutzt werden kann, zum Beispiel für den Abbau von Rohstoffen. Dort kann man ausprobieren, was es braucht, um später eine ständige menschliche Präsenz zuerst auf dem Marsmond Phobos und schliesslich auf dem Mars selbst zu ermöglichen: Technik, Energiegewinnung, Strahlenschutz sowie Wasser- und Lebensmittelversorgung.

Buzz Aldrin hofft auf Kolonien auf dem Mars. Soweit ist es noch nicht, aber das Abenteuer hat längst begonnen: Roboter wie der Nasa-Rover Curiosity liefern uns gestochen scharfe Bilder vom Roten Planeten.
Buzz Aldrin hofft auf Kolonien auf dem Mars. Soweit ist es noch nicht, aber das Abenteuer hat längst begonnen: Roboter wie der Nasa-Rover Curiosity liefern uns gestochen scharfe Bilder vom Roten Planeten.

Wann könnte es so weit sein?

Ich möchte den nächsten Präsidenten ermutigen, am 26. Juli 2019, dem 50. Geburtstag der Mondlandung, eine neue, grosse Initiative zu starten. Wir sollten uns von der Vergangenheit für die Zukunft inspirieren lassen. Wenn die Mittel zur Verfügung stünden, wären wir technisch in der Lage, bis 2040 den Mars zu erreichen. Und China wird vermutlich bereits vor 2025 erneut auf dem Mond landen.

Der Schweizer Astronaut Claude Nicollier sagte dem Migros-Magazin vor ein paar Jahren, dass er sich auch eine «One way»-Mission zum Mars vorstellen könnte, also eine Reise ohne Wiederkehr. Was halten Sie davon?

Ich kenne Claude gut, und ja, ich denke, genau so was bräuchte es. Es unterstützt die Idee einer permanenten, menschlichen Besiedelung des Mars. Alle US-Pläne, die mir bekannt sind, sehen bisher nur einen Besuch mit Rückkehr zur Erde vor.

Was würde es denn der Menschheit bringen, auf den Mars zu gehen?

Wie schon die Missionen zum Mond würde es die Wissenschaft enorm voranbringen, davon würden wir alle auch auf der Erde profitieren. Es würde viel kosten, aber es wäre gut investiertes Geld und würde zu einer globalen Zusammenarbeit führen. Und es wäre auch einfach eine weitere historische Pionierleistung – etwas, auf das die Menschheit noch Jahrhunderte später stolz sein würde.

Wären Sie gerne nochmals ins All gegangen nach der Apollo-11-Mission?

Klar, ich war ja damals erst 39. Ich hätte vielleicht sogar Kommandant einer späteren Mondlandung sein können. Aber Neil Armstrong, Michael Collins und ich entschieden, dass wir auch anderen eine Chance geben müssen, den Mond zu besuchen und Pioniere zu werden.

Offenbar war ursprünglich geplant, dass Sie als Erster die Mondoberfläche betreten, nicht Neil Armstrong. Ist das richtig?

Ja, und zwar weil die Kommandanten der Missionen vom Training her auf so viel anderes fokussieren müssen. Deshalb ging immer die Person mit dem zweithöchsten Rang raus ins All, sie konnte sich intensiver darauf vorbereiten. Bei unserer Mondmission waren dann aber erstmals zwei Leute gleichzeitig draussen, Neil und ich. Und letztlich wurden die Aufgaben an Bord anders verteilt als sonst üblich, sodass Neil als Erster den Mond betreten konnte. Es war sicher auch symbolisch der richtige Entscheid, dass die Ehre dem Kommandanten zufiel. Nun werde ich für alle Zeiten der Mann sein, der «nur» als Zweiter auf dem Mond war (lacht). Aber immerhin, oder?

Offenbar glauben bis heute 20 Prozent der Amerikaner, dass die Mondlandung gar nie passiert ist, sondern in einem Hollywoodstudio inszeniert wurde. Was halten Sie davon?

Ja, ganz erstaunlich. Dabei gibt es so viele Beweise, dass die Mondlandung tatsächlich ­stattgefunden hat – die Funk­transkripte von damals, die ­Fotos, die vom Mondorbit aus gemacht wurden, die präzise zeigen, wo wir waren, als wir unsere Experimente machten, und welche Spuren wir dabei im Mondstaub hinterliessen.

Die Leute mögen einfach die Sensation und bizarre Situationen.

Wie erklären Sie sich, dass dennoch so viele Leute an eine Verschwörung glauben?

Die Leute mögen einfach die Sensation und bizarre Situationen. Deshalb sind ja auch jene Science-Fiction-Geschichten besonders populär, die zwar völlig unrealistisch, aber eben aufregend sind. In meinem eigenen Roman von 1996, «Encounter at Tiber», habe ich mich hingegen ganz bewusst um Realismus bemüht. Ein anderes Beispiel: Ich hatte mal einen Fernsehauftritt und berichtete dort über eine ungewöhnliche, 90 Meter hohe Gesteinsformation auf dem Marsmond Phobos, den sogenannten ­Monolith – der Name ist eine Anspielung auf Arthur C. Clarkes «2001». Viele Zuschauer haben das so missinterpretiert, ich würde glauben, dass diese Formation nicht natürlich entstanden, sondern künstlich von einer ausserirdischen Intelligenz dort errichtet worden sei, wie in «2001». Aber dafür gibt es natürlich keinerlei Evidenz.

Mehrere Firmen entwickeln neue Raumfahrzeuge. Ist das der richtige Weg für die ­Zukunft?

Absolut, die kommerzielle Raumfahrt und die dadurch entstehende Konkurrenz sind der Weg in die Zukunft.

Ich habe gelesen, dass Sie politisch eher zu den Republikanern neigen. Haben Sie einen Favoriten bei den Präsidentschaftswahlen?

Ich unterstütze keinen bestimmten Kandidaten in diesem Wahlkampf, weder bei den Demokraten noch bei den Republikanern. Ich möchte neutral bleiben, um eine gute Zusammenarbeit zu gewährleisten. Egal, wer am Ende gewinnt.

Sie hatten ja nicht immer ein leichtes Leben, haben eine Zeit lang mit Alkoholismus und Depressionen gekämpft, waren dreimal verheiratet und wurden ebenso oft geschieden. Wenn Sie nun mit 86 zurückschauen, gibt es irgendwelche Lektionen fürs Leben, die Sie mit uns teilen möchten?

Ich habe sogar ein ganzes Buch darüber geschrieben. Es kommt in den USA am 5. April heraus. ­Deshalb nur so viel: Was immer passiert, und egal, wie alt man ist, man sollte im Leben nie seine Abenteuerlust verlieren!

Autor: Ralf Kaminski