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15. Mai 2017

Das «Love Alien» Wolfram Huke

All seine Freunde hatten schon lange eine Liebesbeziehung – nur bei Huke klappte es erst, als er 31 war. Onlinedating funktionierte für ihn nicht. Er fühlte sich wie ein «Love Alien». So heisst auch sein Buch, das er über diese einsame Zeit geschrieben hat. Fazit: «Alleinsein ist ein Tabuthema»

Wolfram Huke
Wolfram Huke – ein Mann mit einem Hang zur Selbstentblössung: Er schrieb ein Buch und drehte einen Film über sein Leben.

Sie hatten bis 31 keinen Sex und keine Beziehung. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Der fehlende Sex war nicht das eigentliche Problem. Viel schwerer war es, dass ich keine Freundin gefunden habe und mich verlieben wollte. Alle anderen hatten schon irgendwie eine Liebesbeziehung. Wenn man realisiert, dass es bei einem nicht funktioniert, ist das sehr deprimierend.

Haben Sie sich irgendwann damit arrangiert?

Ja, aber das waren keine Gewinnerstrategien. Da gab es zum Beispiel ein paar Flaschen Bier oder Wein am Abend als Ersatzbefriedigung. Das schüttet ja auch irgendwelche Hormone aus, die sich nach Glück anfühlen.

Sie versuchten es auch mit Onlinedating. «Beim Onlinedating suchen wir keinen Menschen, sondern ein Best-of.» Dieser Satz stammt von Ihnen. Eine Zeiterscheinung der Optimierungsgesellschaft?

Onlinedating gibt einem viele Ausschlusskriterien. Ich finde es zum Beispiel nicht so toll, wenn eine Frau raucht. Und doch habe ich schon Raucherinnen gedated. Im Onlinedating habe ich die aussortiert. Ich denke, man weiss eher, was man nicht will, als was man will. Aber man verliebt sich nicht in Eigenschaften, sondern in Menschen. Da schaut man auch über Unzulänglichkeiten hinweg. Oft sind es die kleinen Dinge, die einem an einer Person gefallen.

Warum schämen sich eigentlich viele für ihr Onlinedatingprofil?

Es bedeutet, dass man auf der Suche ist und somit irgendein Defizit hat. Man will den Eindruck, dass man es nötig hat, vermeiden. Das entwertet einen ja etwas. Inzwischen ist Onlinedating aber so verbreitet, dass es okay geworden ist. Da sagt keiner mehr, man hätte es im «echten Leben» nicht geschafft.

Ein Datingprofil? Man will den Eindruck, dass man es nötig hat, vermeiden.

Sie haben Ihre Geschichte in «Love Alien» nicht nur aufgeschrieben, sondern auch verfilmt. Danach erhielten Sie Briefe von Verzweifelten. Was haben Sie geantwortet?

Ich bin kein Experte und kann nur sagen, dass sich die Leute Hilfe holen sollen, wenns ihnen schlecht geht. Oder ihnen erzählen, was mir persönlich geholfen hat. Und dass man herausfinden muss, was für einen funktioniert. Für mich war das Tanzen. Bei anderen funktioniert Onlinedating. Teilweise hat es denen einfach schon gutgetan, dass sie wussten, nicht allein zu sein. Alleinsein hat das Stigma des Losers und ist ein Tabuthema. Dass ich das veröffentlichen konnte, ohne ausgelacht zu werden, war für viele tröstlich.

Vor lauter Einsamkeit hatten Sie Fressattacken, überlegten sich den Gang ins Kloster und dachten sogar an Selbstmord. Was löst Einsamkeit bei einem aus?

Uff. Es gibt verschiedene Levels von Einsamkeit. Doch sie ist für jeden Menschen unangenehm, wir sind soziale Wesen. Einsamkeit äussert sich bereits in banalen Dingen wie zum Beispiel einem gestörten Essverhalten. Ich denke, dass Suchtverhalten oft durch soziale Defizite entsteht. Diese Ersatzbefriedigungen haben viele Formen, vom Workaholic bis zum Sportfanatiker.

Hilft Masturbieren gegen Einsamkeit?

Ja. Man masturbiert nicht nur aus Lust, sondern auch aus Frust, Langeweile oder Routine. Vielleicht ist es auch Stressbewältigung. Und das ist nicht nur bei Männern so. Doch Pornos haben viele Nachteile. Es gibt inzwischen sogar pornobedingte Erektionsstörungen. Sie treten dann auf, wenn Menschen durch Pornos so reizüberflutet sind, dass sie echte Körperlichkeit gar nicht mehr anmacht. Abgefahren!

Hilft eine Beziehung gegen Einsamkeit?

Prinzipiell auf jeden Fall. Per Definition ist sie das Gegenteil von Einsamkeit. Aber die Beziehung muss stimmen, ansonsten kann man sich auch zu zweit einsam fühlen.

Wie rafft man sich wieder auf, wenn man zurückgewiesen wurde?

Tja. Viel Alkohol und Schokolade? Keine ­Ahnung. Das dauert einfach – wie bei Liebeskummer. Irgendwann rappelt man sich auf.

Sie sagen, die erwachsene männliche Jungfrau sei doppelt so tragisch wie die weibliche. Warum?

Vielleicht haben Männer einen grösseren Hang dazu, sich in ihr Elend zu stürzen, wenns ihnen nicht gut geht. Wir neigen eher zu Selbstmitleid und Resignation. Ich habe das Gefühl, dass Frauen das nicht so schwer nehmen. Sie machen mit der Zeit sinnvolle Dinge, sind aktiver, beschäftigen sich mit Hobbys oder gehen auf Reisen.

Wir Männer neigen eher zu Selbstmitleid und Resignation.

Viele Frauen stehen auf Bad Boys; die Netten landen in der berühmten «Friendzone». Dort waren auch Sie Stammgast. Ist «lieber Kumpel als gar kein Kontakt» nicht purer Masochismus?

Vielleicht ein bisschen. Vor allem wenn die Frauen dann mal einen Typen haben, ist das fies. Aber es ist ein Versuch, der Einsamkeit zu entkommen. Im Nachhinein denke ich, dass mich die Frauen nicht immer nur als Kumpel gesehen haben. Es gab viele Gelegenheiten, die ich einfach nicht wahrgenommen habe, weil ich zu schüchtern war.

Als Single waren Sie oft neidisch auf die anderen. Darf man in der Öffentlichkeit rumknutschen, oder ist das daneben?

Das ist halt so eine Sache. Für mich war es oft schmerzvoll, da zuzusehen. Es ist eine Frage von Taktgefühl, wie weit man geht.

Mit Sofia, einer Bekanntschaft von einer Geburtstagsparty, hatten Sie schliesslich Ihr erstes Mal. Warum hats geklappt?

Sie kam mehr oder weniger mit dem Vorsatz, mit mir was anzufangen. Sie mochte mich und hat die Initiative übernommen.

Wars so, wie Sie es sich vorgestellt hatten?

Es war tatsächlich sehr schön. Aber da alles neu war, war ich auch ein bisschen überfordert. Wo muss ich denn jetzt eine Frau anfassen? Was mach ich mit der? Und dann funktionieren alle noch anders. Zum Glück war die Nacht sehr entspannt.

Lea haben Sie beim Tanzen kennengelernt und in der Metro geküsst. Sie machten zum ersten Mal den ersten Schritt.

Ich hatte aufgehört, über meinen inneren Knoten nachzudenken.

Sind Sie noch mit Lea zusammen?

Ja!

Knutschen Sie in der Öffentlichkeit?

Das ist wohl schon vorgekommen. Aber wir machen nicht mitten auf dem Marktplatz rum. Man will ja etwas Privatsphäre.

Denken Sie dann nie an die anderen Love Aliens?

Nein, ich bin mit Lea beschäftigt. 


Autor: Anne-Sophie Keller