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22. Oktober 2012

«Das Lied vom Honig»

Gleichzeitig mit Markus Imhoofs Film «More than Honey» veröffentlicht der Dichter und Übersetzer Ralph Dutli «eine Kulturgeschichte der Biene». Dazu die Infos und die wichtigsten Fakten zum Bienenleben und –sterben.

«eine Kulturgeschichte der Biene»
In der Schweiz gibt es geschätzte 180‘000 Bienenvölker. (Bild: Fotolia)

Bei der Lektüre von «Das Lied vom Honig» fällt zuerst einmal auf, dass sich zwar einige Zeitgenossen bei einem überraschenden Stich ärgern, doch ansonsten scheinen die Bienen nicht bloss für Biologen eine der beliebtesten Tierarten zu sein, sondern gerade auch für Literaten und andere Kulturschaffende oder Geisteswissenschaftler. Wissen sie alle um die wirtschaftliche und ökologische Bedeutung der Insekten? Vielleicht deutet bereits die Bezeichnung «das Honigvögelein» von Martin Opitz vor einigen Jahrhunderten an, dass für das positive Image einerseits das süsse Produkt der Bienen hilfreich sein könnte: Der Honig. Noch entscheidender aber dürfte die Art und Weise sein, mit der Menschen schon immer die Bienen, ihren Arbeitswillen und die Organisation – böse Stimmen würden auch sagen: eine straffe Hierarchie oder gar Diktatur - als Vorbild für ihre eigene Gattung emporstilisierten. Dutli verpasst es denn auch nicht, von Platon über den Römer Vergil oder den Philosophen Hegel bis zu den grossen Schriftsteller(inne)n des 19. und 20. Jahrhunderts oder dem quicklebendigen deutschen Autorenkollegen Marcel Beyer die Sympathiebezeugungen der literaischen Welt für die Biene aufzuführen und in einen sinnstiftenden Kontext zu stellen. Eine abgehobene Feier also? Keineswegs. Das 100 Jahre-Jubiläum der Biene Maja bleibt ebenso wenig ausgespart, vor allem aber kümmert sich Dutli durchaus streckenweise um die reale Welt der Bienen, ihre Entwicklung und Bedeutung bis ins (gefährdete) Heute.
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Dennoch, wer zuerst Anschauung und empirisch biologische Beobachtung und Analyse sucht, der wird auch nach dem raffinierten Film von Imhoof und Dutlis Kulturgeschichte vielleicht noch Lust auf mehr haben.
Wir empfehlen in diesem Fall den informativen, teils weniger bildstarken Dokumentarfilm von Mark Daniels «Das Geheimnis des Bienensterbens» (2010) oder das im Vergleich zu Dutli nüchtern-anschaulichere Sachbuch von Jutta Gay und Inga Menkhoff (auch bei ExLibris): «Das grosse Buch der Bienen»

ZWEI DRITTEL DER NUTZPFLANZEN VON BIENEN BESTÄUBT

Der grösste Irrtum bestünde darin, die Biene, speziell die auch in unseren Breitengraden bedrohte Honigbiene (lateinisch Apis mellifera), primär als Honigproduzentin und vielleicht als Befruchterin einiger Pflanzenarten zu sehen.
Tatsächlich ist das Bestäuben durch die Bienen hierzulande wie auch in weiten Teilen Nord- und Südamerikas, Asiens oder Afrikas zum Einen ökologisch für die Erhaltung der Diversität im Pflanzenreich entscheidend. Daneben locken jedoch auch für rechnerischer veranlagte Menschen Fakten: Zwei Drittel aller Nutzpflanzen, noch mehr von den landwirtschaftlich genutzten Obst- und Gemüsearten, werden hauptsächlich von Honigbienen bestäubt! Wenn diese ihren Job gleich zu Beginn der Wertschöpfungskette nur noch annähernd oder gar nicht mehr ausüben, wäre dies für unzählige Bauernbetriebe und letztlich auch für noch (vergleichsweise schonend) genutztes Kulturland verheerend. Die Biene belegt aus wirtschaftlicher Perspektive hinter Rind und Schwein weltweit einen Spitzenrang unter den Nutztieren.
Sind Sie ein Bienenkenner? Wussten Sie, dass …

… es in der Schweiz geschätzte 180‘000 Bienenvölker, im Schnitt zwischen 10 und 11 pro Imker, gibt?

… allein in der Winterzeit von 2011/12 fast die Hälfte der Völker eingingen?

… eine Mehrzahl der Imker von Nordamerika, Europa, China, Japan und Ägypten in den letzten Jahren 20% und mehr ihres Bienenbestands verloren?

… gerade in Mittel- und Nordeuropa die Varroa-Milbe als Hauptschuldige dieser Entwicklung gilt - indem das 2mm lange Spinnentier das Blut der Honigbienen aussaugt und ihnen dabei noch Krankheitserreger unterjubelt?

… viele Honigbienenstämme der Milbe und deren Krankheitserregern hilflos ausgeliefert sind, weil die Bienenzucht primär auf produktionsstarke Arten ohne grosse Widerstandskraft (Aggressivität und weitere Eigenschaften von Wildbienen) setzte, die sich nun als anfälliger erweisen?

… die Schweiz mit im Durchschnitt 4,5 Völkern pro Quadratkilometer (!) noch eine der höchsten Konzentrationen an Honigbienen aufweist?

… derzeit auf gut 150 km2 als Schweizer Pilotprojekt der Einsatz von Ameisen- und Oxalsäure gegen die Varroa-Milbe getestet wird, um die Bienenvölker über den kommenden Winter nicht nochmals einem ähnlich desaströsen Bereinigungsprozess wie vor einem Jahr auszusetzen – während anderswo schlicht zu Antibiotika mit noch gravierenderen Nebenwirkungen gegriffen wird (in der Schweiz verboten)?

… dass zur Stärkung des Honigbienen-Bestandes bald mit intelligent gezüchteten Pilzen Varroa- und andere Schädlinge ausgeschaltet werden sollen, daneben aber auch Projekte laufen, Honigbienenstämme mit mehr Wildbienen-Abkommen zu verbinden und so widerstandsfähiger zu machen - im Notfall aber gleich Wildstämme oder Hummel- und andere Insektenarten zum Bestäubungsjob einzusetzen?

… in einigen Weltregionen entweder Bienenvölker (oder teils auch nur ausgezeichnete Königinnen) über weite Strecken zum nächsten Einsatz transportiert werden oder gar wie in China schon begonnen wird, von Menschenhand zu bestäuben?

… alleine die Bestäubungsleistung auf 185 Milliarden Schweizer Franken geschätzt wird?

… nur schon in der Schweiz ca. 585 biologisch unterscheidbare Wildbienen-Arten leben, aber dennoch fast ausgeschlossen ist, dass sie selbst nach entsprechenden Zuchteingriffen und neben weiteren Insektenarten die Bestäubungsarbeit der Honigbienen ganz übernehmen könnten?

Autor: Reto Meisser