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24. Dezember 2012

Das Leichtgewicht

Sein Onkel Fritz ist eine Box-Legende, er selber bestritt nun den wichtigsten Kampf seiner noch jungen Karriere: Alain Chervet stieg am 26. Dezember, dem Boxing Day, erstmals als Profi in den Ring und erreichte gegen den Weissrussen Schjarhei Afonin ein Unentschieden. Autorin Claudia Langenegger und Fotografin Carmela Odoni haben den jungen Berner sechs Jahre begleitet.

Kurze Pause zwischen harten Trainingseinheiten
2012 – kurze Pause zwischen harten Trainingseinheiten: Alain Chervet bereitet sich intensiv auf seinen ersten Profikampf am 26. Dezember vor.
Stefan Angehrn 2000 im verlorenen Kampf gegen Christophe Girard
Stefan Angehrn 2000 im verlorenen Kampf gegen den Franzosen Christophe Girard. (Bild Keystone)

Die Schweizer Box-Legenden: Angehrn, Scacchia, Studer – Alains Onkel Fritz Chervet war der bekannteste, aber beileibe nicht der einzige Profi mit Titelkämpfen. Die sechs besten Schweizer Profis, die beiden Frauen Christina Nigg und Aniya Seki inklusive, der letzten 40 Jahre im Kurzporträt.

Boxing Kings Club, Bern. Alain Chervet (22) schlägt schnell in die Pratzen seines Trainers Bruno Arati — Haken, Geraden, links, rechts, oben, unten, Leber, Kinn, Kopf. Bruno fängt die Schläge auf, brüllt jedesmal, treibt ihn an, schreit: «Beweg dich, beweg dich!» Jeder Schlag muss sitzen, jeder Schlag muss hart sein.

Acht Minuten, dann erst Pause. Chervet geht neben den Boxsäcken auf und ab, lockert die Arme. Schweissperlen liegen auf der Stirn, seine Haare sind zusammengefallen. Unter dem engen Leibchen zeichnet sich ein Sixpack ab. Schweiss- und Ledergeruch hängt schwer in der Luft, kaltes Neonlicht. Alain Chervet trainiert zweimal pro Tag, mittags und abends, samstags geht er joggen oder macht Sparring. Am 26. Dezember gibt er im Berner Kursaal sein Debüt als Profi. Endlich. «Ich wollte schon immer Profi werden», sagt der junge Berner. Auf seinem Gesicht breitet sich ein Lächeln aus, die blauen Augen strahlen. «Das ist so, seit ich boxe.» Schon als kleiner Bub hat er zum ersten Mal die Luft eines Boxkellers geschnuppert, sein Onkel nahm ihn ins Training mit. Das Boxfieber packte ihn erst später, mit 15, als er seinen Schulkollegen Ergun ins Training begleitete. Nach den Übungen am Sack und ein paar Runden Sparring wusste er: Das ist mein Sport. Er gab das Fussballspielen auf.

Onkel Fritz Chervet und der 16-jährige Alain Chervet
Boxer unter sich: Onkel Fritz Chervet und der damals 16-jährige Alain Chervet 2006 im Gespräch.

Walter, Paul, Fritz, Ernst und jetzt Alain: Die Chervets sind Boxer
Alain war alles andere als ein Haudrauf oder Prügler, er war ein zurückhaltender, schmaler, sehr scheuer Bub. Dennoch erstaunte es niemanden, dass er boxen wollte. Denn Alain ist ein Chervet, und das heisst in der Welt des Faustkampfs viel, sehr viel.

Alains Vater Walter war sechsmal Schweizer Meister, Onkel Ernst viermal, die Onkel Paul und Fritz waren Profis. Die Chervet-Brüder waren in den 60er- und 70er-Jahren Stars der Schweizer Sportwelt. Fritz füllte 1974 das Zürcher Hallenstadion mit dem Weltmeisterkampf im Fliegengewicht und hatte sogar einen Titelkampf in Bangkok. Es gab Reportagen in Tageszeitungen, Homestorys in der «Schweizer Illustrierten», und Fritz nahm eine Single auf, «Auf zur letzten Runde», die in Jukeboxen landauf, landab gespielt wurde.

Als Alain daheim sagte, er wolle ins Boxen, sagte sein Vater: «Du musst nicht wegen mir boxen.» Doch der Bub war nicht davon abzubringen. Er hängte die Poster von 50 Cent und Eminem in seinem Zimmer ab. An die Türe kam Tyson, an die Wand die Plakate von Onkel Fritz und dessen Handschuhe vom Europameisterschaftskampf 1972. Dazu verschiedene Schweizer-Meister-Gürtel der Chervet-Brüder und der Pokal aus Bangkok. «Er ist süchtig nach Boxen», sagte Vater Walter schon damals. Seine Mutter Ruth brachte ihn ins Schülerboxen, und der Vater redete davon, nun auch wieder mit Trainieren anzufangen. Bald kamen die ersten Amateurkämpfe, die Eltern waren immer dabei, der Vater stand bei jedem Kampf am Ring und feuerte ihn auf Matteänglisch, einer alten Berner Geheimsprache, an.

Doch die ersten drei Kämpfe verlor er. «Nach diesen Niederlagen dachte ich, das ist wohl doch nicht das Richtige für mich», erinnert sich Alain heute. Sein Vater redete ihm zu. Auch er hatte seinen ersten Amateurkampf verloren, damals, 1961. Niederlagen machen stark. Alain wurde Juniorenmeister, Deutschschweizer Meister.

Diszipliniert ist Alain nur, wenn es ums Boxen geht
Heute ist der scheue Bub ein durchtrainierter junger Mann. Gut aussehend, die Haare mit Gel gestylt. Er hat die KV-Lehre erfolgreich abgeschlossen, die RS gemacht, hat sein eigenes Auto und arbeitet als Kurier für eine Metzgerei, jeden Morgen von sieben bis zwölf.

Er wohnt noch immer zu Hause, noch immer im gleichen Zimmer im ersten Stock des Einfamilienhäuschens in Zollikofen bei Bern. Seit fünf Jahren sind sie zu zweit, die Mutter ist ausgezogen. Die zehn Jahre ältere Schwester Sandra steht schon lange auf eigenen Beinen.

Natürlich spüre ich den Druck. Das spornt mich umso mehr an.

2009 am Boxing Day im Berner Kursaal
2009 am Boxing Day im Berner Kursaal.

Die Herkunft belastet auch: Von Alain wird erwartet, dass er die Genialität all seiner Onkel in sich trägt. Dass er jeden Kampf gewinnt. Es gibt kein Entkommen: Schon beim ersten Amateurkampf kündigte ihn der Speaker als Neffen des legendären Fritz an. «Natürlich spüre ich den Druck», sagt Alain Chervet. «Das spornt mich umso mehr an.»

Trotz seines Namens ist er ein Boxer wie jeder andere. «Boxen hat man nicht im Blut, so ein Quatsch! Dafür muss man hart trainieren», sagt Vater Walter. Und doch lebt in Alain etwas weiter, was die Chervet-Brüder ausgezeichnet hat. Früh mussten diese nämlich lernen, sich durchzubeissen, und wussten, was es heisst, wenn einem das Leben nichts schenkt. Sie waren sieben Geschwister, der Vater war früh gestorben, die Mutter musste sie alleine durchbringen — morgens um sechs ging sie ins Büro, abends putzte sie. Diese Genügsamkeit, den Durchhaltewillen und die Hartnäckigkeit spürt man auch beim jungen Chervet.

Er hat bis heute keinen Schluck Alkohol getrunken. Geraucht hat er auch nie. Das kommt bei seinen Freunden gut an: Wenn sie zu viel Bier trinken, sorgt Alain dafür, dass alle wieder heil nach Hause kommen.

Seine Freundin Lea, ein hübsches Mädchen mit schwarzen Locken und fröhlichem Gesicht, interessiert sich nur wegen Alain fürs Boxen. Sie schaut bei den Trainings zu und ist bei jedem Kampf dabei. Sie erzählt, wie undiszipliniert er ausserhalb des Boxens sei: «Wenn ich ihm sage, er soll etwas erledigen, ist es bis heute nicht gemacht.» Sie nimmt es mit Humor. Beim Training sei er aber strikt: «Ob es regnet oder schneit, er steht am Samstag früh auf und geht rennen.»

Alain Chervet gewinnt als Leichtgewicht einen Amateurkampf
Boxing Day im Kursaal Bern vor 1500 Zuschauern: Alain Chervet gewinnt als Leichtgewicht einen Amateurkampf.

Die Familie Chervet hält zusammen – immer
Seine Trainer glaubten von Anfang an an Alain. Sie schickten ihn vor drei Jahren für einen Monat ins legendäre Gleason’s Gym in Brooklyn, wo einst Cassius Clay, Jake LaMotta und Mike Tyson trainierten, diesen September war er zwei Wochen in Deutschland bei einem Nachwuchstrainer. In Bern treibt ihn Bruno Arati bis zum Äussersten an: «Er schaffts, das Letzte aus mir zu holen. Das mag ich, da komm ich an meine Grenzen.»

Doch manchmal reicht auch das nicht. An der Schweizer Meisterschaft 2012 hat er den Sieg knapp verpasst. Alle Vorfreude krachte in sich zusammen, Alain brach in Tränen aus, Lea tröstete ihn, sein Vater blickte leer mit wässrigen Augen, Mutter Ruth brach es beinahe das Herz. Doch dann verkündete der Vater: «Wir gehen jetzt trotzdem einen Hamburger essen.» Das Team Chervet hält zusammen, egal, was passiert.

Autor: Claudia Langenegger