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05. Dezember 2016

«Das Leben ist wie ein Baum mit vielen Verzweigungen»

Woran erinnern wir uns – und warum? Der Psychologe Andreas Maercker über das ­Verdrängen von negativen Erfahrungen, traumatische Erlebnisse und die Prozesse, die in uns Menschen ablaufen, wenn sich alles plötzlich verändert.

Psychologe Andreas Maerker
Psychologe Andreas Maerker

Andreas Maercker, fragt man Menschen nach Situationen, die ihr Leben von einer Sekunde auf die andere verändert haben, fallen den meisten mehrere ein. Wie erklären Sie sich das?

Wir alle sind bemüht, unser Leben im Rückblick zu ordnen. In dieser Ordnung geben wir den einen Erinnerungen mehr Gewicht, den anderen weniger. Es gehört zur menschlichen Natur, dass wir unser Leben in einer Linie sehen und uns sagen, was toll und was schlecht war. Doch tatsächlich ist das Leben wie ein Baum mit vielen Verzweigungen. Entlang dieser Zweige entwickeln wir uns.

Sind negative Augenblicke prägender als positive?

Das hängt von der Person ab. Für manche sind die negativen Augenblicke prägender, für andere die positiven. In der menschlichen Psyche gibt es aber schon die Tendenz, dass schlechte Erfahrungen sich eher nach vorne drängen. Wir hoffen ja alle, dass unser Leben positiv verläuft, die negativen Dinge werden dann als starker Kontrast gesehen. Wenn wir Zeitung lesen, interessiert uns der Kriminalfall viel eher als die schöne Hochzeit. Diesen Kontrasteffekt zwischen dem Positiven und dem Negativen scheinen wir manchmal zu brauchen.

Was passiert mit einem Menschen, wenn das Leben sich von einer auf die andere Sekunde ändert?

Häufig ist es weniger diese eine Sekunde, die einen Menschen verändert, sondern vielmehr die Zeit danach. Wir empfinden es jedoch im Nachhinein oft so, dass die Veränderung in einem bestimmten Moment stattgefunden hat, weil er der Auslöser war.

Veränderungen passieren also über einen längeren Zeitraum?

Genau, aber sie können ihren Anfang in einem Ereignis haben, das nur eine Sekunde gedauert hat, sei es nun ein Unfall oder eine freudige Mitteilung. Doch danach dauert es länger, bis die Psyche sich umorientiert und auf die neue Situation eingestellt hat.

Wann wird ein plötzliches Ereignis zum Trauma?

Ein Trauma entsteht, wenn einer Person etwas zustösst, an das sie sich zwanghaft und immer wieder erinnern muss, etwa ein belastendes Ereignis, bei dem sich die Bilder ins Gedächtnis eingebrannt haben. Das Gedächtnis wird dann völlig umgebaut und auch beschädigt.

Autor: Selina Wegmüller

Fotograf: Universität Zürich (zVg)