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13. März 2017

Das Leben der anderen

kleine WG-Welt einfach in Ordnung
Wenn die kleine WG-Welt einfach in Ordnung ist ... (Bild: Pixabay.com)

In WGs findet das ganze Leben statt. Meine Ex-Mitbewohnerin ist ausgezogen, weil sie ihren Bankerjob an den Nagel gehängt hat und als Flight Attendant die Welt entdecken wollte. Mein Ex-Mitbewohner ist ausgezogen, weil er sich in seine Arbeitskollegin verknallt hat und mit ihr zusammenzog. Meine neue Mitbewohnerin habe ich an einer Sitzung kennengelernt.

Ich, die stellunghaltende Nesthockerin, bin hierhin gezogen, weil ich Journalistin werden wollte. Dann gibts noch das Ersatzgrosi vom dritten Stock, das ab und zu zum Zvieri reinschaut. Für viele ist die WG ein Schritt nach dem familiären Nest und vor der ersten eigenen Wohnung. Die Mitbewohner sind als Familienersatz da, wenn man sie braucht.
Sie erleben alle wichtigen Meilensteine deines Erwachsenenlebens: den ersten Job, die erste Kündigung, die erste Gehaltserhöhung und in meinem Fall den ersten Tag als Selbständigerwerbende.

Natürlich: Die Konflikte in WGs sind vorprogrammiert. Gestritten wird über Haare im Abfluss, Zehennägel auf dem Badezimmerteppich, schmutziges Geschirr in der Küche. Über gestapelten Müll, Privatsphären, lauten Sex und Lärm im Allgemeinen, Altglas, Putzpläne, verlorene Schlüssel.

Dann gibt es aber auch die Tage, an denen man aufwacht und es bereits nach Kaffee duftet. An denen jemand an der Gitarre zupft oder mit seligem Katerlächeln im Gesicht durch die Wohnung schleicht. Wenn die kleine WG-Welt einfach in Ordnung ist. 

Autor: Anne-Sophie Keller