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11. April 2016

Das kleinste Spital der Schweiz

Jenseits des Ofenpasses im idyllischen Val Müstair steht das das kleinste Spital des Landes. Hier versorgen vier Ärzte rund 160 stationäre Patienten im Jahr. Ein Besuch zeigt, warum Kleinspitäler trotz wirtschaftlicher Bedenken wichtig sind.

Etwas erhöht über Santa Maria im Val Müstair GR befindet sich das «Center da sandà» mit einem eigenen Helikopterlandeplatz.

Vier ältere Frauen sitzen auf einer Holzbank und geniessen die wärmende Frühlingssonne und die Panoramaaussicht auf verschneite Berggipfel. Die Grenze zum italienischen Südtirol befindet sich gerade mal vier Kilometer entfernt. Doch das Frauenquartett verbringt nicht etwa seine Ferien im hochalpinen Biosphärenreservat Val Müstair, es wohnt im Pflegeheim des «Center da sandà» (CSVM), des kleinsten Spitals der Schweiz.

Direktorin Judith Fasser arbeitet seit 1986 im Gesundheitszentrum.1 Die Aufenthaltsräume in der Pflegeabteilung sind lichtdurchflutet.

Das Gesundheitszentrum in Santa Maria im Münstertal GR verfügt nur über zehn Betten. Derzeit beherbergt es 5 Spitalpatienten und 24 Pflegeheimbewohner. Und zwei Assistenzärzte sowie je einen Chef- und Oberarzt. Sie alle stehen unter der Leitung von Judith Fasser (52), der Direktorin. «Directura» steht auf ihrem Namensschild, weil im Tal vier von fünf Einwohnern Romanisch sprechen.

Fasser ist in Amden SG aufgewachsen, heiratete einen einheimischen Landwirt und hat drei Töchter und einen Sohn. Seit 30 Jahren arbeitet sie schon für das CSVM: zuerst als Pflegefachfrau, danach für die Spitex. Sie bildete sich zur Gerontologin weiter, dann zur Institutionsleiterin und führt nun das Gesundheitszentrum seit 2013 als Chefin von über 80 Mitarbeitenden. Und am Samstag hilft sie ihrem Mann auf dem Biohof aus; er kümmert sich dafür unter der Woche ums Mittagessen.

Der «Blick» verglich das Spital einst mit einer Buschklinik

Das Münstertal ist nur dank des Ofenpasses mit dem Engadin und damit dem Rest der Schweiz verbunden. Aber Kranke werden dort schon seit 1920 gepflegt. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Einrichtung zum Spital – allerdings nicht ohne Neben­geräusche. 1966 titelte der «Blick»: «Spital Santa Maria ohne Gebärbett und ohne Kanalisation: wie im Urwald.» Und schrieb: «Es ist kaum zu glauben: Bei uns in der fortschrittlichen, sauberen und reichen Schweiz gibt es noch ein Spital, gegen das auch ein Buschkrankenhaus im tiefen afrikanischen Urwald als moderne Klinik erscheint.»

Die Aufenthaltsräume in der Pflegeabteilung sind lichtdurchflutet.

Auch wenn die Berichterstattung reichlich übertrieben war, entsprachen damals viele Einrichtungen tatsächlich nicht mehr den Anforderungen an Sicherheit und Hygiene. Um die Jahrtausendwende sah ein Projekt vor, für die ungefähr 1600 Einwohner des Tals ein neues und 12,5 Millionen Franken teures Spital zu bauen. Laut «NZZ» sicherte der Kanton Graubünden 7,2 Millionen Franken zu, für den Rest sollten die Talgemeinden aufkommen.

Denen jedoch fehlte das Geld. Deshalb sammelte Roman Andri (67), der damalige Spitaldirektor und heutige Verwalter des Benediktinerinnenklosters in Müstair, Geld bei vermögenden Gemeinden, Institutionen und Stiftungen. «Wir hatten nur zwei Möglichkeiten: entweder Geld sammeln oder das Spital schliessen», erzählt er. Das Spital habe keine Lüftung gehabt, die Arztpraxis sei viel zu klein gewesen und auch die Viererzimmer im Spital hätten nicht mehr den Anforderungen entsprochen.

Andri hatte Erfolg und spricht vom «Wunder von Santa Maria»: Heute ist das Gesundheitszentrum nicht nur das kleinste Spital der Schweiz, sondern auch der grösste Arbeitgeber im Münstertal. Und es geht sehr familiär zu: Patienten und Angestellte kennen sich, die Mitarbeitenden duzen die Direktorin.

Das dazugehörende Pflegeheim verfügt vermehrt über Einzel- statt wie früher Vierbettzimmer.

«Wir überleben dank unserer integrierten Versorgung», sagt CEO Judith Fasser. «Spitex, Pflegeheim, Spital, Arztpraxis und Rettungsdienst mit zwei Fahrzeugen für das Tal befinden sich alle unter einem Dach.» Dazu kommen zwei Physiotherapeuten, ein Zahnarzt, eine Psychologin, ein Psychiater und ein Augenarzt, die als Mieter eingezogen sind und so für ein zusätzliches Angebot sorgen. Weniger rüstige Talbewohner können zudem im Gesundheitszentrum via Spitex einen Mahlzeitendienst abonnieren oder die Wäsche reinigen lassen.

«Wunder von Santa Maria» hin oder her, es stellt sich die Frage, ob es nicht ein Luxus ist, ein Millionenspital für weniger als 2000 Einwohner zu betreiben. Schon 2009 konstatierte Thomas Zeltner, der damalige Direktor des Bundesamts für Gesundheit, dass als Folge der Überkapazitäten landesweit 100 Spitäler schliessen sollten.

Das Gesundheitszentrum betreibt auch eine Küche für Patienten, Mitarbeitende und Auswärtige.

Damals führte die Statistik 313 Spitäler und Krankenhäuser mit ungefähr 40 000 Betten auf. Heute sind es noch immer rund 300 Spitäler mit 37 000 Betten. Die Gesundheitskosten verschlingen pro Einwohner und Monat über 700 Franken oder 10,9 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Vor 20 Jahren lag dieser Wert noch rund zwei Prozentpunkte tiefer.

Trotz hoher Kosten: Schliessung käme nicht billiger

Rudolf Leuthold (53), Leiter des Gesundheitsamts Kanton Graubünden in Chur, sagt: «Grundsätzlich hat die Bevölkerung jeder Region ein Recht auf eine angemessene Gesundheitsversorgung. Wenn der Ofenpass im Winter gesperrt ist, ist das Münstertal von der Schweiz aus nicht zugänglich.» Aber verschlingt dieses Angebot nicht viel Geld? Leuthold winkt ab: Grosse Spitäler seien tendenziell teurer als kleine. Wenn man das Gesundheitszentrum im Val Müstair schliessen würde, könnte man letztlich kaum Kosten sparen. Er begründet: «Man müsste ja die Möglichkeit haben, die Leute zur stationären Behandlung nach Samedan oder Scuol zu transportieren. Deshalb müssten die Fachkräfte des Rettungsdienstes quasi warten, bis etwas passiert, statt effizient im Spital zu arbeiten.»

Zudem sei der Leistungsauftrag des Gesundheitszentrums Val Müstair eng gefasst. Er betrifft die innere Medizin und einfache Fälle. Wenn man diese verlegen würde, wäre das nicht günstiger. Entscheidend seien bei einem Spital die Erreichbarkeit und die Versorgung.

«Würde man diese Kriterien im Mittelland anwenden, gäbe es dort viele Spitäler, die überflüssiger sind, weil innerhalb von 30 Fahrminuten Alterna­tiven bestehen – im Gegensatzzum Val Müstair», sagt der Leiter des Gesundheitsamts Graubünden. Die nächstgelegenen Schweizer Krankenhäuser befinden sich in Samedan, das gut eine Fahrstunde und viele Kurven entfernt ist, oder in Scuol. Knapp 40 Minuten dauert die Fahrt bis zum Krankenhaus von Schlanders in Südtirol. Für Notfälle gibt es zwar einen Helikopterlandeplatz, aber der kann wetterbedingt nicht immer angeflogen werden.

Patientin Daniela D. schätzt die familiäre Atmosphäre im Spital.

Zu den lokalen Patienten gehört auch Daniela D. (50), die an einer chronischen Erkrankung mit Knochen- und Muskelschmerzen leidet. «Ich komme seit 33 Jahren in dieses Spital und erlebe nun schon den dritten Arzt. Ich fühle mich hier wohl und schätze die familiäre Atmosphäre. Die Angestellten nehmen sich Zeit für die Patienten.» Im Gegensatz zu den grossen Spitälern habe sie hier nicht das Gefühl, nur eine Nummer zu sein. Sie werde als Mensch angesehen und respektiert.

Pflegefachfrau Sylvia Kruger wohnt im Südtirol und arbeitet in Santa Maria GR.

Die Pflegefachfrau Sylvia Kruger-Pinggera (53) kennt sie nun seit 24 Jahren. Zwischen der Patientin und der «Manadra servezza da chüra», wie ihre Aufgabe auf Rätoromanisch heisst, ist eine Freundschaft entstanden. Dann und wann gehen die beiden Frauen in Südtirol gemeinsam auf einen Kaffee. Die Frankfurterin Kruger lebt in Südtirol, arbeitet aber seit 1992 für das Gesundheitszentrum. Ihren Südtiroler Ehemann hat sie in den Ferien kennengelernt.

Die Berufskarriere in der Schweiz startete sie als Kinderkrankenschwester, weil das Spital im Münstertal damals noch Geburten betreute. Obwohl das Angebot für die Patienten verkleinert wurde, gefällt Kruger die Vielseitigkeit ihres Berufs. Der Einsatzbereich reicht vom Säugling mit Magen-Darm-Erkrankung bis zum Herzinfarkt.

In ihrer Arbeit kommt es auch immer wieder zu traurigen Begegnungen: Einige der rund zwei Dutzend Pflegeheimbewohner sind beispielsweise dement. Doch die Pflegefachfrau und Mutter eines Sohns sagt: «Ich versuche, diesen Patienten so viel Lebensqualität wie möglich zu geben. Das ist eine schöne Aufgabe.»

Und sie schätzt den Teamgeist unter den Mitarbeitenden. Kruger weiss, wovon sie spricht, arbeitete sie doch vorher am Unispital Frankfurt: Dort sei die Anonymität unangenehm gewesen, alles etwas schmuddeliger, das Essen schlecht. In der spitaleigenen Küche hingegen bereitet man täglich 40 bis 50 Mahlzeiten zu – mit Fleisch, Biokartoffeln und Milchprodukten aus dem Val Müstair.

Von Biel via Haiti ins abgelegene Münstertal

Chefarzt der Klinik ist der Berner Theodor von Fellenberg (52), der mit seiner sechsköpfigen Familie in Santa Maria lebt. Nach diversen Stationen in der Schweiz wechselte er vom Kinderspital Biel nach Haiti in die Karibik und betreute dort 160 Kinder.

Der einzige Tropenarzt im Kanton: Theodor von Fellenberg.

Seine Frau, eine ausgebildete Krankenschwester, arbeitete mit. «Ich schaute, wo man Leute brauchen konnte. Auf Haiti war man dringend auf Ärzte angewiesen. Der Zustand der Pädiatrie dort war fürchterlich.» Eigentlich wollte von Fellenberg weiter nach Simbabwe. Aber als der dortige Machthaber Robert Mugabe alle Weissen aus dem Land vertreiben wollte, sah der Berner ein Stelleninserat, in dem ein Arzt für Santa Maria gesucht wurde.

«Eine so breite medizinische Versorgung an einem Ort wie hier gibt es in den Schweizer Städten nicht mehr», sagt von Fellenberg. Das sei der Grund, weshalb er im Münstertal arbeite. Und wenn der «Blick» damals vom Urwaldspital geschrieben habe, sei das nicht einmal so abwegig, denn diese Form des medizinischen Angebots gebe es sonst fast nur noch in der Dritten Welt.

Allerdings wurden die stationäre Chirurgie und die Geburtshilfe mittlerweile aus Kostengründen geschlossen, MRI-Untersuchungen und Computertomografie (CT) sind nur im Oberengadin möglich. Dafür ist das CSVM ein Kompetenzzentrum für Ultraschalldiagnostik, Krampfaderbehandlung und Tropenmedizin. Von Fellenberg ist der einzige Facharzt für Tropen- und Reisemedizin im Kanton Graubünden.

Das Gesundheitszentrum verfügt über eine eigene Wäscherei.

Die Zeit ist jedoch auch im Tal hinter dem Ofenpass nicht stehen geblieben. Immer mehr Patienten wollen für weitere Abklärungen zu einem Spezialisten, sagt Theodor von Fellenberg. «Und wir Ärzte werden vermehrt angezweifelt von Patienten, die ihr Halbwissen aus dem Internet oder aus den Medien beziehen.» Auch der Anteil administrativer Arbeit werde immer grösser.

Doch von Fellenberg hat bei seinen verschiedenen Auslandeinsätzen, die ihn bis zu den Salomonen in der Südsee führten, viel zu viel Leid gesehen, als dass er sich darüber noch ärgern würde. Er freut sich vielmehr, dass sein Know-how durchschnittlich 6600 Patienten pro Jahr hilft – darunter auch den vier Frauen auf der Holzbank.

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Samuel Trümpy