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08. Oktober 2012

«Das Kindswohl steht im Zentrum»

Bei der Neuregelung des Sorgerechts stimmte der Nationalrat einem heiklen Punkt zu: Ein Elternteil soll nur noch mit Einwilligung des anderen umziehen können. Monica Garcia erklärt auf «Fünf Fragen» die Konsequenzen.

Juristin Monica Garcia
Monica Garcia (38) ist Juristin bei www.projure.ch und Mediatorin und Familientherapeutin mit eigener Praxis in Baden AG. (Bild zVg)

1. Monica Garcia, der Nationalrat hat ein Umzugsverbot für Eltern mit gemeinsamem Sorgerecht gutgeheissen. Es wird voraussichtlich 2014 in Kraft treten. Ist ein solches Verbot sinnvoll?

Eigentlich ist es ja kein Verbot, sondern eine Umzugserschwernis, und zwar für den Fall, dass ein Wohnortwechsel «erhebliche Auswirkungen» auf die Ausübung der elterlichen Sorge durch den andern Elternteil hat. Ich finde das sinnvoll, auch wenn die persönliche Freiheit der Eltern dadurch eingeschränkt wird, denn das Kindswohl steht klar im Zentrum.

2. Was passiert, wenn ein Elternteil anderswo einen Job annehmen muss, der einen Umzug mit sich bringt?

Aus Erfahrung wissen wir, dass rund 80 Prozent der geschiedenen Paare zusammenspannen in ihrer Funktion als Eltern, auch im Fall solcher Entscheidungen. Es geht also um jene 20 Prozent, bei denen der Umgang miteinander ohnehin schwierig ist und auch künftig schwierig sein wird. Wenn hier kein Konsens gefunden wird, muss die zuständige Behörde entscheiden.

3. Und wie funktioniert das Umzugsverbot, wenn ein Elternteil in einem anderen Gebiet der Schweiz eine zweite Familie gründet? Dann steht ja Kindswohl gegen Kindswohl?

Wenn dies eintritt, entsteht tatsächlich eine sehr verzwickte Situation, denn die Kinder aus beiden Beziehungen sind ja rechtlich gleichgestellt. Auch in diesem Fall muss die zuständige Behörde entscheiden, aber natürlich nur, wenn die Eltern nicht selber eine kreative Lösung finden.

4. Wo liegen Ihrer Meinung nach weitere Schwierigkeiten bei der Umsetzung?

Es wird vermutlich ähnlich sein wie beim Entzug des Besuchsrechts. Wie soll dieses im Sinne des Kindeswohls «vollstreckt» werden? Ich habe schon erlebt, dass die Polizei die Kinder abholen musste. Da muss man sich schon fragen, ob das den Preis wert ist, den die Kinder dafür zahlen. Ähnlich schwierig könnte es in Härtefällen beim Umzugsverbot werden. Mal ganz abgesehen von der subtilen Instrumentalisierung der Kinder, wenn sie sich anhören müssen, dass der andere Elternteil an jeglichen Unannehmlichkeiten schuld sei. Dagegen kann leider keine Behörde etwas ausrichten.

5. Es gibt auch einen Vorstoss, für Eltern eine Mediation anzuordnen, wenn diese keinen Konsens finden. Wäre das aus Ihrer Sicht empfehlenswert?

Das wäre sehr sinnvoll. Denn diese Form der gemeinsamen Lösungssuche ist ja auch klar die erfolgversprechendste. Wenn jemand eine Entscheidung mitbeeinflussen kann, hegt er viel weniger Groll und ist eher bereit, sie umzusetzen. Das ist auch im Sinn des Kindes.


Artikel im «Tages­Anzeiger»
Artikel im «Tages­Anzeiger» vom 
26. September 2012

DER ARTIKEL ZUM THEMA in der Tagespresse
Die Tücken des gemeinsamen Sorgerechts: Unter anderem über das Umzugsverbot für getrennt lebende Eltern, ein folgenreiches Element im neuen Sorgerecht («Tages­Anzeiger» vom 26. September 2012).

Autor: Andrea Fischer Schulthess