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18. November 2013

Das ist eben Familie

«Das ist eben Familie!», sagt der Papi, und er sagt es so laut, als handelte es sich um ein Meeting am grossen Verhandlungstisch. Aber er sitzt nur mit den Seinen im Viererabteil eines Interregios. Letzten Sonntag wars, in der Eisenbahn. Vater, Mutter, zwei Mädchen, beide blond, unterwegs Richtung Westen. Die kleinere der Töchter, nennen wir sie Laura, wäre offenbar lieber daheim bei Duplo-Steinen und Teddys geblieben, vielleicht ist es ihr auch einfach zu kalt, bei diesem Sauwetter. Jedenfalls protestiert sie leise gegen den Ausflug, so leise, dass sich nicht ausmachen lässt, obs an eine Ausstellung oder zu Verwandten geht. Umso deutlicher dafür die Replik des – wenn ich für einmal diesen Begriff verwenden darf, denn als solches gebärdet er sich – Familienoberhaupts: «Das ist eben Familie!», doziert er. «Nehmen wir ein Beispiel …»

Hier noch einen Stern, dort ein Schiff …

Das Beispiel (noch immer ganz im Geschäftston vorgetragen, dünkt mich, und nicht so, wie man mit dem eigenen kleinen Kind spricht) ist dann dies: «Das Mami hat vielleicht auch keine Lust, nächste Woche zu dir in den Kindergarten Räbeliechtli schnitzen zu kommen.» – «Trotzdem komme ich, nur dir zuliebe», fällt nun das Mami ein, und die grosse Schwester setzt drauf: «Sonst hättest du ja dann kein Liechtli und könntest nicht am Umzug teilnehmen.» Die Reihe ist wieder am Papi: «Siehst du? Das ist eben Familie. Man macht manchmal etwas, was einem zuwider ist, um der anderen willen.» Und wie nun alle auf sie einreden, tut sie mir leid, die kleine Laura. Die drei mögen ja recht haben, manchmal muss sich jemand fügen; oft genug sind es die Eltern, welche die eigenen Ansprüche hintanstellen, also darf man auch von den Kleinen zuweilen etwas verlangen – und natürlich haben sich ähnliche Diskussionen auch bei uns schon abgespielt. Aber mitzuhören, wie sie zu dritt nicht locker lassen, derweil Laura schon lang keinen Pieps mehr macht, das tut weh. «Das Mami findet es im Fall das Allerblödste, zu dir in den Kindsgi Räben schnitzen zu kommen, aber sie machts», insistiert die Schwester, «und ich komme dann an den Umzug, einzig deinetwegen, obwohl es mir total stinkt.» So geht das weiter bis über Lenzburg hinaus, der Papi wiederholt periodisch: «Das ist eben Familie!», und ich denke nur: Lasst das arme Kind in Ruhe!

Räbenliechtli mmit Verzierungen.
«Hier noch einen Stern, dort ein Schiff …»

Kennen Sie das? Man wird Zeuge einer Familienszene, schämt sich fremd, würde sich am liebsten einmischen, lässt es dann aber bleiben. In Aarau steigen sie aus und lassen mich betrübt im Waggon zurück. Kann es wirklich sein, dass eine Mutter so was nicht gern macht? Mir fallen die vielen Morgen im Kindergarten ein, in der ersten, zweiten Klasse, wenn wir Eltern jeweils Räben schnitzen gingen, die Gespräche, die muntere Stimmung, die vorfreudigen Kinder. Ich erinnere mich, wie Hans sich hier noch einen Stern und dort noch ein Schiff auf seiner Laterne wünschte und im Schnitzen der Motive bald schon geschickter war als ich. Anna Lunas leuchtende Augen an ihrem ersten Räbeliechtliumzug sehe ich vor mir, bitter kalt wars, mir kamen die Tränen, aber nicht vor Kälte.

Es war das erste Mal, heuer, dass keines unserer Kinder mehr im Umzug mitlief. Aber zuzuschauen, wie unser Nachbarsbub, der kleine Finn, mit seinem Lichtlein durch die Finsternis zog, das liessen sie sich nicht nehmen. Schön wars, wie die beiden neben mir am Strassenrand den Räbeliechtliumzug verfolgten. Freiwillig.

Bänz Friedli live: 19. 11. Schwyz (mit Tinu Heiniger), 21. 11. Seuzach, 27. 11. Hinterkappelen (ausverkauft).

Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)
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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli