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01. Oktober 2012

«Das Internet ist ein Zustand geworden»

Bestsellerautorin Nina Pauer schreibt über Menschen, die vor lauter Facebook, Twitter und E-Mail das Leben verpassen. Für die Deutsche ist die heutige Kommunikation ein Fulltime-Job, der Stress verursacht.

Für Nina Pauer ist klar, wir bilden mit unseren Kommunikationsgeräten eine krankhafte Symbiose.

Vernetzung, PR, Exhibitionismus oder ein virtuelles Ich: Was bringt Sie zu Facebook, Twitter oder anderen Social Media-Kanälen?

Nina Pauer, können Sie spontan sagen, auf wie vielen Kommunikationskanälen Sie erreichbar sind?

Nein, da muss ich nachzählen, wie die meisten. Postadresse und Telefon, hinzu kommen Mailadressen und Accounts auf sozialen Netzwerken. Einige der Menschen, die ich befragt habe, kamen dabei auf insgesamt 14 Kommunikationskanäle. Bei mir sind es wohl ungefähr sieben.

Sind Sie auf Facebook und Twitter?

Beides. Als ich begann, das Buch zu schreiben, dachte ich mir: Wenn ich mich jetzt auch noch bei Twitter registriere, werde ich total bekloppt. Jetzt habe ich doch einen Account, weil ich ihn bei der Arbeit brauche. Twitter ist spannend, aber ich verhalte mich dort noch sehr still. Ich denke mir, bloss nicht noch eine Bühne aufmachen.

Die Protagonisten in Ihrem Buch sind alle zwischen 25 und 35 Jahre alt. Ist Hyperkommunikation nur deren Problem?

Ich bin wohl generell so etwas wie eine Generationentante, die gerne guckt, wie es uns 30-Jährigen geht. Das Gefälle zwischen Alt und Jung ist, was die Kommunikation betrifft, aber nicht so eindeutig. Manche unserer Eltern sind jetzt auch schon bei Facebook. Und ich kenne 55-Jährige, die exzessiv twittern.

Sie beschreiben das Problem von zu viel Kommunikation. Was ist so schlecht daran?

An Kommunikation an sich ist nichts schlecht. Glück bedeutet ja auch, sein Leben mit Menschen zu teilen, die man liebt. Dieser Austausch bedeutet Freude, Mitgefühl. So kommt man durchs Leben. Sich mitzuteilen, ist ein Urbedürfnis.

Und es macht süchtig.

Man könnte sagen, durch die unbegrenzten technischen Möglichkeiten ist da bei uns etwas freigesetzt worden. Was wir jetzt erleben, ist eine Perversion von Dingen, die eigentlich ganz normal und gut sind: Freundschaft, Sich-Mitteilen. Alles schöne Sachen, aber man kann es auch übertreiben.

Wann hat der Exzess begonnen?

Ich würde sagen, mit der Flatrateisierung der Kommunikation. Seit Computer und Smartphones keine Geräte, sondern richtige Welten geworden sind. Vor zwei Jahren hätte ich noch gesagt: Ich checke kurz meine E-Mails. Heute sage ich das nicht mehr. Ich bin ja immer in der virtuellen Welt. Das Internet ist ein Zustand geworden.

Und hat die Oberhand gewonnen?

Nein. Wir vermischen das Virtuelle und Reale, wir führen ein Doppelleben. Wir haben uns kopiert und besitzen mehrere virtuelle Ichs. Gleichzeitig treffen wir uns aber auch noch mit den Leuten. Während wir hier miteinander sprechen, machen unsere virtuellen Ichs irgendetwas. Beides gleichzeitig im Auge zu behalten und zu koordinieren, ist sehr anstrengend. Irgendwann wird es einfach zu viel.

Und man verliert die Orientierung.

Man weiss nicht mehr, was gerade am wichtigsten ist. Ein neues Phänomen tritt auf: der soziale Stress und die Sehnsucht nach sich selbst. Wie die Protagonisten in meinem Buch wollen wir wieder zu uns kommen, seelisch die Füsse auf den Boden kriegen. Aber irgendwie schaffen wir es nicht. Wenn man am Tag durch fünf Leute gestresst wird, wäre die beste Reaktion: Telefon aus, auf eine Sache fokussieren.

70 Prozent würden lieber auf Sex als auf ihr Smartphone verzichten.

Stattdessen …

… rufen wir die sechste Person an, um der zu erzählen, wie sehr die anderen fünf uns stressen.

Im Buch schreiben Sie, dass wir uns dem Ganzen freiwillig hingeben. Ist dem wirklich so?

Es ist halt eine Sucht. Wir bilden mit unseren Kommunikationsgeräten eine krankhafte Symbiose. Und niemand will einsehen, dass das krank macht. Die körperliche Abhängigkeit von Geräten oder auch Facebook ist bewiesen. Es gibt Studien, die gezeigt haben, dass Facebook und Twitter süchtiger machen als Alkohol. Jugendliche wurden auch gefragt, ob sie eher auf Sex oder auf ihr Smartphone verzichten würden. 70 Prozent würden lieber auf Sex verzichten.

Sind Sie selber süchtig?

Als ich mein Buch schrieb, hatte ich sehr Mühe, weil ich ständig alle meine Accounts abgesurft bin und dann gleich wieder von vorne angefangen habe, nur um festzustellen, dass nichts Neues passiert ist. Wir denken gar nicht mehr nach, wir gucken der Hand nur noch dabei zu, wie sie immer wieder auf Aktualisieren klickt. Ich bezeichne das als Geisterhand. Kann man auch bei anderen Menschen beobachten, etwa in der S-Bahn oder in Konferenzen.

Ihr Buch ist jedenfalls fertig geworden.

Ganz ehrlich, am Anfang dachte ich, ich schaffs nicht. Durch das erste Buch bin ich viel rumgekommen, habe mir ein Smartphone gekauft, um erreichbar zu sein, und habe zudem eine Menge neue Leute kennengelernt. Der Moduswechsel von jemandem, der sehr viel kommuniziert, zu jemandem, der vier Monate lang alleine zu Hause sitzt und ein Buch schreibt, war hart. Ich habe einen ganzen Monat gebraucht, um das geregelt zu kriegen.

Kommunikation ist ein Fulltime-Job geworden.

Wie haben Sie es dann doch geschafft?

Es war wirklich schwierig und schmerzhaft. Ich habe das Internet zu Hause deaktiviert, mein Smartphone in den Flugmodus geschaltet. Wie eine Biene, die immer wieder gegen die Fensterscheibe knallt, musste ich zuerst viele Male zum Gerät greifen und checken, dass ich es ja eben erst ausgeschaltet hatte. Irgendwann habe ich es dann aber als Erleichterung empfunden, offline zu sein.

Sie sprechen im Buch von der 24-Stunden-Nervosität. Sie vergleichen sie mit der Aufgeregtheit, als Sie früher im Briefkasten nachschauten, ob Post vom Brieffreund da war.

… was ja eigentlich etwas Schönes ist. Jeder freut sich, wenn er etwas erhält, wo sein Name draufsteht. Aber früher kam der Briefträger nur einmal. Heute klingelt er permanent an der Tür. Wir haben jetzt nicht mehr nur einen Briefkasten, sondern beispielsweise 14. Und selbst wenn wir uns über die Nachrichten freuen, ist es im Endeffekt Stress. Morgens im Bett geht das ja schon los, weil die meisten Leute das Teil als Wecker benutzen.

Und so ihr Leben verpassen?

Es geht vielen Leuten mittlerweile so, dass sie Freunde als Bedrohung wahrnehmen, weil sie sie nicht mehr unter einen Hut bringen. Das ist doch absurd. Dieses Überfordertsein, dieser fahrige Lebenszustand muss nicht sein, auch im digitalen Zeitalter nicht.

Viele beklagen sich, dass die Jugendlichen nur noch virtuell leben.

Auch junge Leute wären gerne richtig anwesend, würden gerne richtig zuhören und am Familientisch aufmerksam sein. Aber sie können es nicht, weil ihre anderen Ichs so viel Zeit stehlen. Kommunikation ist ein Fulltime-Job geworden.

Werden Kinder schon süchtig in die moderne Gesellschaft hineingeboren?

Letzthin sass ich im Zug, da hat ein Mann die Babyhand seines Sohnes genommen und fuhr damit über den Touchscreen seines Smartphones. Ich dachte mir: Oh, Gott, schöne neue Welt, das geht ja gar nicht! Es gibt Eltern, die für ihre Babys sogar schon vor der Geburt Facebook-Accounts und Baby-Blogs in Ich-Form schreiben. Sie sagen dem Kind quasi: Du hast von Anfang an ein virtuelles Ich, und irgendwann macht ihr euch miteinander bekannt. Letztendlich ist es aber wie mit dem Rauchen oder Trinken: Die Eltern leben es vor, wie es richtig geht.

Es gibt Aussteiger, Leute, die den Facebook-Account löschen, das Internet-Abo kündigen.

Ich bin keine Kulturpessimistin, ich würde nicht aussteigen wollen. Sicherlich gibt es bald eine gesunde Gegenbewegung: Leute, die sagen, so kann es nicht weitergehen. Vielleicht wird es wieder vermehrt Zonen geben, die frei von Übertragung sind.

Wird Facebook an Bedeutung verlieren?

Das wird ja alle paar Wochen vorausgesagt, aber es passiert halt irgendwie nicht. Es ist wie bei der Erfindung des Telefons: Es wird nicht mehr abgeschafft werden. Wenn es nicht Facebook ist, dann wird sich der Fokus auf Twitter verlagern, oder auf ein Netzwerk, das wir noch nicht kennen. Die virtuelle Sphäre ist ein neues Medium — und unverzichtbar geworden.

Sie schreiben, die neue Lebensphilosophie heisst: «Ich poste, also bin ich.»

Dieses Festhalten-Wollen des Lebens ist ein Urinstinkt. Wie wenn ich meinen Namen in einen Baum ritze oder mit Filzstift auf einen Brückenpfeiler schreibe. Der Mensch will sagen: «Ich bin auf der Welt, ist das nicht toll.» Heute wird dies virtuell total manisch betrieben. Als wäre das Ziel des Lebens, eine komplette Facebook-Timeline zu füllen, jeden Tag so und so viele Twitter-Einträge zu generieren. Was das Ziel des Lebens ist, muss jeder selber wissen. Aber das ist es, würde ich jetzt mal behaupten, garantiert nicht. Denn im Endeffekt wird alles irgendwo auf einem Server vergammeln.

Wir vermischen das Virtuelle und das Reale, wir führen ein Doppelleben.

Haben Sie Ihre Geisterhand noch im Griff?

Ich betreibe jetzt Intervallkommunikation: Nehme das Smartphone nicht mit zum Einkaufen oder Kaffeetrinken. Ich mache viel mehr Yoga, gehe Schwimmen: Tätigkeiten, bei denen ich keine Geräte dabei haben kann. Das ist wie ein Schutzraum. Mein Online-Verhalten ist besser geworden, aber es kann jederzeit wieder in eine blöde Richtung abdriften.

Wann schreiben Sie das nächste Buch?

Ich weiss noch nicht, wann. Aber es gibt garantiert wieder ein Buch. Ist halt auch irgendwie eine Sucht, dieses Bücherschreiben.

Autor: Nathalie Bursać

Fotograf: Samuel Zuder